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"Bosnien nicht in ein schwarzes Loch drängen"

Beide Diplomaten profitieren vom positiven Vorurteil gegenüber Österreichern in Bosnien-Herzegowina. Einer von ihnen, Wolfgang Petritsch, verlässt das Land, der andere, Gerhard Jandl, bleibt und arbeitet weiter an Österreichs Ziel: Heranführung Bosniens an die EU.

die furche: Herr Botschafter, in dieser Woche übernimmt der Brite Paddy Ashdown als Nachfolger von Wolfgang Petritsch das Amt des Hohen Repräsentanten (HR) in Bosnien-Herzegowina. In welcher Verfassung findet er den jungen Staat vor?

botschafter gerhard jandl: Sie kennen ja die Geschichte vom Glas, das zur Hälfte gefüllt ist. Halb leer oder halb voll lautet dabei die übliche Frage, und im Falle Bosniens würde ich sagen: Das Glas ist bereits halb voll. In diesem Land und in seinen Menschen steckt ein unglaubliches Potenzial. Und wenn die Bosnier sich erst einmal wieder aus dem Schlamassel, den der Krieg hinterlassen hat, herausgewurschtelt haben, dann werden sie einen wichtigen Beitrag zum vereinten Europa leisten. Ashdown erwarten beste Voraussetzungen und ich meine, er hat den Ehrgeiz, der letzte HR zu sein und das Land in die echte Selbstständigkeit zu führen.

die furche: Apropos Selbstständigkeit, ist ein Hoher Repräsentant, der über allen politischen Gremien des Landes steht, nicht eher ein Hemmschuh bei der Entwicklung Bosniens zu einem selbstbestimmten Staat?

jandl: Üblicherweise wird ja zuerst ein Protektorat errichtet und dann wird dieser Staat nach und nach in die Selbstständigkeit entlassen. In Bosnien ist man den umgekehrten Weg gegangen: Das Land wurde zunächst für souverän erklärt, aber nach und nach hat man dem HR mehr Durchsetzungsrechte eingeräumt. Oft genug ist es auch notwendig, dass der HR einschreitet. Schlecht ist nur, dass ein bosnischer Politiker letztlich für nichts verantwortlich zeichnen muss. Der kann seine Klientel bedienen, muss aber kaum Verantwortung für seine politischen Ideen wahrnehmen. Funktioniert etwas nicht, kann er sich auf den HR ausreden. Wo kann man die Grenze zwischen legitimer Einmischung und schädlicher Bevormundung ziehen? Das ist die entscheidende Frage für Petritsch gewesen. Oft genug war seine Antwort darauf richtig, bisweilen wurden Entscheidungen aber auch kritisiert.

die furche: Petritsch hat die Korruption als Haupthindernis Bosnien-Herzegowinas für eine Integration des Landes in die EU und für eine gedeihliche Entwicklung der Wirtschaft genannt. Sehen Sie das auch so?

jandl: Natürlich, allerdings empfindet man hier vieles einfach nicht als Korruption. Dass Politiker sich in ihrem Amt bereichern, wird nicht als fürchterlicher Skandal angesehen, sondern man rechnet irgendwie damit. Da ist sicher ein Bewusstseinswandel notwendig. Andererseits, was können die Menschen hier dafür, dass die Politiker nicht so funktionieren, wie sie sollen. Und wann hätten sie es auch lernen sollen? Zuerst war 400 Jahre Türkenherrschaft, dann kamen 40 Jahre Habsburgermonarchie, dann kurz das Serbische Königtum und schließlich der Kommunismus.

die furche: Und jetzt ist der Vertrag von Dayton die politische Richtschnur Bosniens. Ist dieses Regelwerk, das den Krieg beendet hat, auch das ideale Instrument für Friedenszeiten?

jandl: Sicher nicht das ideale. Denn das größte Übel Bosniens ist das schlechte Funktionieren der staatlichen Strukturen. Was nicht zu wundern braucht, denn mit den Strukturen, die der Vertrag von Dayton vorschreibt, würde auch ein Land wie Österreich schlecht funktionieren. Das dreiköpfige Staatspräsidium, das Zweikammer-Staatsparlament und der Ministerrat sind paritätisch durch die drei Staatsvölker Bosniaken (bosnische Muslime), Serben und Kroaten besetzt. Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Entitäten: Föderation Bosnien-Herzegowina und Republika Srpska wesentlich mehr Kompetenzen besitzen als die Gesamtstaats-Regierung. Das heißt, die wirkliche Macht liegt bei den Entitäten. Wenn die nicht wollen, geht nichts weiter.

die furche: Heißt das, Dayton soll neu verhandelt und reformiert werden?

jandl: Der Vertrag von Dayton ist ein Baby der Staatengemeinschaft, und es wird zu keiner Kindesweglegung kommen. Es fürchten auch viele, eine Büchse der Pandora zu öffnen, weil niemand voraussehen kann, welche Entwicklung damit in Gang gesetzt wird. Aber es muss etwas gemacht werden. Dayton weiterentwickeln, das sagt sich leicht. Die konkrete Umsetzung ist das Schwierige. Es gibt viel zu viele Administrationsebenen: drei Premierminister, 180 Minister, 760 Abgeordnete, viel zu viele Beamte. Österreich versucht zu helfen, indem wir unsere Erfahrungen mit dem Bürokratieabbau weitergeben.

die furche: Welches Ziel verfolgt Österreich in Bosnien?

jandl: Mit unserer Arbeit versuchen wir den Staat zu stabilisieren, sodass Bosnien ein echter Partner sein kann. Die Bosnier sind unglaublich positiv gegenüber Österreich eingestellt. Man kann geradezu von einem positiven Vorurteil gegenüber Österreich sprechen. Nach wie vor ist im Bewusstsein der Menschen hier, dass die österreichische Verwaltung (1878 bis 1918) das Land aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert hat. Ein Großteil der Infrastruktur, die heute noch funktioniert, stammt aus dieser Zeit. Man hat auch die österreichische humanitäre Hilfe ebensowenig vergessen wie die Aufnahme von fast 100.000 Flüchtlingen. Unser Ziel ist die Heranführung Bosniens an die EU. Am Ende des Prozesses, der sicherlich noch dauern wird, muss der EU-Beitritt stehen. Wir müssen eine Perspektive aufzeigen, um nicht zu entmutigen, um nicht das Gefühl zu verstärken, Bosnien sei Europas ewiges Problemkind.

die furche: Verglichen mit anderen südosteuropäischen Staaten hinkt Bosnien in Bezug auf ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU immer noch stark hinterher?

jandl: Die EU hat eine "Road map" mit 18 Bedingungen aufgelistet. Sind diese erfüllt, kommt es zu einer Machbarkeitsstudie. Und erst bei deren positivem Abschluss kommt es zu einem Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen. Bei diesen vielen Bedingungen und Vorbedingungen muss man aufpassen, dass Bosnien nicht in ein "schwarzes Loch" gedrängt wird, wie das der bosnische Außenminister Lagumdzija genannt hat. Ich glaube, den Integrationsprozess darf man nicht nur technokratisch sehen, man muss auch das Psychologische in Betracht ziehen. Am 5. Oktober sind Wahlen. Die Politiker mit EU-Perspektive sollten unterstützt werden, indem die Union ein Entgegenkommen signalisiert und den Reformorientierten damit Argumente gegen die Nationalisten in die Hand gibt.

die furche: Sie reden psychologischen Argumenten das Wort, wie ist die Stimmung im Land?

jandl: Der Druck durch die Visapflicht für fast alle Staaten der Welt, dieses Nicht-Aus-Dem-Land-Rauskönnen, ist ungeheuer groß. Das dürfen auch Europas Entscheidungsträger nicht außer Acht lassen. Schon für Slowenien brauchen die Bosnier ein Visum, vom Schengen-Raum ganz zu schweigen. Das empfindet man hier als eine Ohrfeige. Und ein Visum kostet 20 bis 70 Mark, nicht wenig Geld, wenn man bedenkt, dass das monatliche Einkommen durchschnittlich 350 bis 500 Mark beträgt.

die furche: Wie viele Visa werden für Österreich beantragt?

jandl: Im Jahr stellen wir rund 25.000 Visa aus. Die Mehrzahl sind Besuchsvisa, aber die Geschäftsvisa nehmen zu, und die Ablehnungsquote ist relativ gering. Weltweit sind wir die viertgrößte Visabotschaft Österreichs. Dazu muss man wissen, 160.000 Bosnier leben in Österreich, 60.000 davon haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Überhaupt bin ich der Meinung, angesichts der engen historischen Verbindungen und der Freundschaft zwischen den Menschen der beiden Länder sowie der massiven Investitionen der österreichischen Wirtschaft, sollte Österreich innerhalb des Schengenabkommens über die sich für uns selbst ergebenden Vorteile einer Abschaffung der Visapflicht gegenüber Bosniern nachdenken.

die furche: Steigende Kriminalität und fehlende Arbeitsplätze werden als Gegenargumente dafür genannt.

jandl: Die Bosnier sind die zweitgrößte Ausländergruppe in Österreich, in der Kriminalitätsrate liegen sie hingegen erst an zehnter Stelle. Dieses Argument trifft also nicht zu. Schon jetzt arbeiten sehr viele Bosnier als Saisoniers in den österreichischen Tourismusregionen. Tendenz auf massiven Wunsch der österreichischen Wirtschaft steigend. Außerdem, Visapflicht und Arbeitsgenehmigung sind zwei völlig verschiedene Schuhe.

die furche: Welchen Rat geben Sie der internationalen Staatengemeinschaft im Umgang mit Bosnien?

jandl: Wir sollen weg von der Vorstellung, wir müssten die Bosnier immer nur belehren. Sie können Europa auch viel geben. Die Bosnier haben jahrhundertelang gezeigt, wie unterschiedliche ethnische und religiöse Gruppen zusammenleben können. Vergessen wir nicht, in Bosnien finden wir einen echten autochthonen europäischen Islam. Und die muslimische Bevölkerung in Bosnien will sich nach Europa orientieren. Dabei müssen wir sie unterstützen. Sonst füllen Radikale und Fundamentalisten die Lücke, und die fördern dann mitten in Europa eine andere Form des Islams. Gerade die jungen Leute hier wissen, wohin sie wollen, sie wollen ein fixer Bestandteil Europas sein.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Zur Person: Strauß-Fan in Sarajewo

"So viel Flair, so viel Charme", schwärmt Gerhard Jandl über Sarajewo und "Strauß wird hier mit so viel Gefühl gespielt", zeigt der Botschafter auch sofort, wo seine Vorlieben liegen. Nur schade, dass den bosnischen Künstlern fast jegliche Möglichkeit zum Austausch mit Kulturschaffenden in anderen Ländern abgeht, klagt Jandl. Eine Museumstour für Kunststudenten nach Österreich hat der Botschafter in Kooperation mit der österreichischen Wirtschaftskammer deswegen schon organisiert. Eine Fahrt des Balletts von Sarajewo an die Wiener Staatsoper ist geplant.

Seit Juli 2000 ist Gerhard Jandl Österreichs Botschafter in Sarajewo. Vorher war der promovierte Jurist fünf Jahre lang der Leiter des Balkanreferats des Außenamtes und noch vorher führte ihn seine diplomatische Karriere von Kairo über Tunis zur österreichischen UNO-Vertretung in New York. Seit 1999 ist Jandl auch Lektor an der juridischen Fakultät Graz für die Sprachen: englisch, französisch, spanisch und natürlich bosnisch/kroatisch/serbisch.

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