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Digital In Arbeit

„Ich glaube ans Zusammenleben "

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Valentin Inzko ist der neue Botschafter Österreichs in Bosnien: Sein Glaube an die Versöhnungsbereitschaft prädestiniert ihn für diese Aufgabe.

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Valentin Inzko ist der neue Botschafter Österreichs in Bosnien: Sein Glaube an die Versöhnungsbereitschaft prädestiniert ihn für diese Aufgabe.

dieFurche: Hat Österreich auf dem Balkan etwas einzubringen' Wie sehen Sie ihre künftige Tätigkeit in Sarajevo, die man mit einer normalen diplomatischen Arbeit wohl kaum vergleichen wird können?

Botschafter Valentin Inzko: Ich sehe das in politischer, in wirtschaftlicher und in'kultureller Hinsicht. Ich war früher Direktor des österreichischen Kulturinstitutes in Prag und ich glaube gerade auf diesem Gebiet kann Osterreich viel einbringen. Ich habe erst jüngst ein Gespräch mit einer Dame aus Sarajevo geführt, und die hat gesagt, nur die Kultur hat die Leute gerettet während dieser vier Jahre. Es hat jeden Tag Theatervorstellungen gegeben, es wurden Bücher gedruckt, es gab Konzerte auch während der schlimmsten Zeit. Und obwohl die Leute oft zwei Stunden bis zum Konzertsaal gebraucht haben, weil sie ja praktisch von Haus zu Haus laufen und in Deckung bleiben mußten, wenn geschossen wurde, sind sie trotzdem zu diesen kulturellen Veranstaltungen gegangen. Gerade hier hat Österreich eine große Chance, etwas zu tun, weil die Kultur den Haß und die Gräben, die zwischen den Völkern dort herrschen, überwinden kann. Zum wirtschaftlichen Gebiet: Die österreichische Bundesregierung hat 100 Millionen als Wirtschaftshilfe für Bosnien beschlossen. Das ist ein ganz bedeutender Teil unserer Zusammenarbeit. Es gibt dann noch die hervorragende Arbeit der Caritas; es gibt das Sarajevo-Programm der Stadt Wien; es gibt die Partnerstadt Innsbruck, als Olympia-Stadt; es gibt das Welt-Universitätsservice der Universität Graz, die hat schon Hunderten Studenten geholfen in Sarajevo, das ist praktisch eine academic-life-line. Und wenn man das alles zusammentut und Österreich politisch als Andockstation beziehungsweise als Südostflanke der EU sieht - da haben wir genug zu tun; das erwartet man unten von uns Österreichern. Nicht zu vergessen, die übermenschlichen Anstrengungen von Ex-Minister Mock, der unten unglaublich verehrt wird.

dieFurche: Braucht es jetzt nicht erneut einer uemehrten Anstrengung Österreichs in diesem Krisengebiel?

Inzko: Eigentlich war ich sehr überrascht vom Bealismus der Leute. Die erwarten sich von Österreich keine Wunder. Die sagen, es ist genug, wenn uns die Österreicher verstehen, wenn sie wissen, wie es bei uns zugegangen ist. Das ist einmal der Grundstein. Und gerade bei den Österreichern erwartet man dieses Verstehen am meisten.

dieFurche: Sie sprechen von „den Leuten" in Bosnien Wer sind diese? Muß man heute— nach Dayton - nicht deutlicher differenzieren zwischen dem serbischen, dem bosnischen, dem kroatischen Menschen in Bosnien?

Inzko: Da gibt es sprachlich neuere Varianten. Ich habe mir gerade jetzt die Berichte von der OSZE-Konferenz in Wien über Bosnien angesehen. Da wurde übersetzt ins Bosnische, ins Kroatische, ins Serbische. Es ist im Grunde die gleiche Sprache, die jetzt drei sehr starke Ausprägungen hat, wie vergleichsweise das American English und das britische Englisch oder das österreichische Deutsch. Dann kommt das politische auch dazu: Viele Moslems wollen nicht als solche, sondern als Bosniaken bezeichnet werden. Grundsätzlich würde ich sagen, daß man unterscheiden kann entlang dieser zwei großen Staatseinheiten beziehungsweise entlang dieser Einteilung der serbischen Republik und der kroatisch-bosnischen Föderation. Ich glaube, was innerhalb der kroatisch-bosnischen Föderation liegt, das ist äußerst positiv eingestellt gegenüber Österreich. Selbstverständlich wird auch Pale oder Banja Luka wie auch Mostar zu meinem Amtsbereich gehören.

dieFurche: Haben Sie schon Kontakte dorthin geknüpft?

Inzko: Während meines letzten Besuches habe ich noch keine Kontakte knüpfen können. Es war ein privater Besuch, der einer Initiative meiner Gattin gefolgt ist, die als Frau und als Mutter sehen wollte, wo wir künftig leben werden. Da hatte ich noch keine Möglichkeit, Kontakte anzuknüpfen. Ich werde natürlich auch die Botschafter anderer Länder konsultieren, es gibt dort schon die Amerikaner, die Deutschen, die Schweizer — und sie werden sicher in diesem Sinne akkor-diert vorgehen und selbstverständlich aufgrund der Weisungen des Außenministeriums.

dieFurche: Können die Gräben des Hasses wieder zugeschüttet werden?

Inzko: Die einfachste Antwort hier wäre, daß es eine Möglichkeit geben muß. Wenn man in den Nahen Osten blickt, da haben Streitparteien, die vierzig Jahre miteinander gekämpft haben, sich am Ende doch zusammengesetzt. Es gibt ein Muß, ich glaube aber, daß es dort auch ein Können gibt. Man kann dort auch zusammenleben. Und ich möchte ein bißchen zurückgreifen in die Geschichte. Es gibt da die Medaille der Gerechten unter dem Motto: Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt. Und die erste Moslemin, die diese Medaille bekommen hat, war die Frau Hardaga. Sie stammte aus Sarajevo und hatte während der Nazi-Zeit vier Jahre lang Juden versteckt. Und auch während des jüngsten Krieges haben Moslems Serben geholfen und umgekehrt. Oder wenn ich statistisches Material hier vorbringen kann: 1994, am Höhepunkt des Krieges, war in Sarajevo ein Drittel aller Ehen interkonfessionell. Vor allem den jungen Leuten war es völlig wurscht, ob man eine Moslemin oder Serbin geheiratet hat. Das sagt sehr viel aus. Und noch etwas: So wie es bei uns im Christentum den Begriff der Barmherzigkeit gibt, gibt es im Islam den Ausdruck Merhamet. Das ist etwas wie Großherzigkeit, Barmherzigkeit, Vergebung oder Caritas. Das wurde unten 500 Jahre praktiziert. Wenn man zum Beispiel im Sandschak gewesen ist, dort gibt es in moslemischen Gegenden komplett erhaltene serbische Friedhöfe oder orthodoxe Kirchen. Und auch in Tuzla ist es so geblieben. Und ich glaube, diese Kraft, daß man verzeihen kann und muß, diese Philosophie gepaart mit dem Kult der guten Nachbarschaft, das ist unglaublich ausgeprägt, das gibt mir Zuversicht, daß es möglich sein wird, zusammenzuleben.

dieFurche: Ihre persönliche Geschichte, Ihre Erfahrungen als Kärntner Slowene mit dem Zusammenleben von Volksgruppen wird Ihnen sicherlich zugute kommen

Inzko: Es klingt vielleicht unbescheiden, aber wir verfügen wirklich schon seit 1850 über eine Versöhnungstechnologie, eine Versöhnungskultur. Meine Ururonkel saßen im ersten Kärntner Landtag, das waren zwei Priester, die Einspieler geheißen haben. Ein dritter Einspieler saß in Wien im Parlament, im Beichsrat. Allen ging es um das Zusammenleben der Volksgruppen. Die haben insgesamt sechs Zeitschriften herausgegeben, teils in deutscher Sprache - und bewußt in deutscher Sprache, damit man den Nachbarn ansprechen konnte. Und selbstverständlich mein Vater, der gemeinsam mit Dr. Waldstein im Rahmen der Kärntner Kirche als Versöhnungszwilling bezeichnet wurde. Vor kurzem konnte er als erster Kärntner Slowene in seiner Muttersprache nach 75 Jahren offiziell als Minderheitenvertreter in Klagenfurt bei der 75-Jahr-Feier Kärntens sprechen. Wir verfügen in unserer Familie über eine gewisse Versöhnungkultur oder Versöhnungstechnologie.

dieFurche: Mit welcher Einstellung gehen Sie jetzt nach Sarajevo?

Inzko: In Sarajevo selbst wird diese Stadt mit Jerusalem verglichen, und ich glaube, daß es wirklich ein europäisches Jerusalem sein kann und wieder sein wird. Die Leute selbst glauben daran. Es gibt dort immer noch die vier Religionen und die verschiedenen Völker und Traditionen. Und wenn dieses Jahrhundert mit dem Attentat in Sarajevo begonnen hat, dann muß es mit dem Frieden in Sarajevo enden.

Das Gespräch

führte Franz Gansrigier.

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