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Keine Brücke über die Fronten?

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„Das Ziel einer echten Minderheitenpolitik muß es doch sein, daß sich in unserer Republik alle Österreicher daheim fühlen können. Wenn ich sage, alle Österreicher, dann meine ich selbstverständlich auch die Minderheiten ... Daheim fühlen kann man sich dann, wenn man sich sicher fühlt. Und wir als das Mehrheitsvolk müssen der Minderheit eine gewisse Sicherheit geben, ein Gefühl der Sicherheit. Das basiert nicht nur auf Vertragsbestimmungen oder auf Gesetzen, sondern das basiert auch auf diesem persönlichen Herangehen an die Fragen, die uns gegenseitig berühren. Ich glaube, daß es möglich ist, hier ein vernünftiges Miteinander, das auf der einen Seite von einer Großzügigkeit und auf der andern Seite auch von einem gewissen Vertrauen geleitet ist, zu schaffen.“

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„Das Ziel einer echten Minderheitenpolitik muß es doch sein, daß sich in unserer Republik alle Österreicher daheim fühlen können. Wenn ich sage, alle Österreicher, dann meine ich selbstverständlich auch die Minderheiten ... Daheim fühlen kann man sich dann, wenn man sich sicher fühlt. Und wir als das Mehrheitsvolk müssen der Minderheit eine gewisse Sicherheit geben, ein Gefühl der Sicherheit. Das basiert nicht nur auf Vertragsbestimmungen oder auf Gesetzen, sondern das basiert auch auf diesem persönlichen Herangehen an die Fragen, die uns gegenseitig berühren. Ich glaube, daß es möglich ist, hier ein vernünftiges Miteinander, das auf der einen Seite von einer Großzügigkeit und auf der andern Seite auch von einem gewissen Vertrauen geleitet ist, zu schaffen.“

Eigentlich wäre diesen Worten des Bundespräsidenten nichts hinzuzufügen. Die Tatsachen aber sehen anders aus. Die zuständigen Parlamentarier aller drei Parteien klopfen einander befriedigt auf die Schulter ob der selten gewordenen Einstimmigkeit in der Minderheitenfrage. Gleichzeitig zeigen die Proteste, daß diese Einigung über die Köpfe der davon direkt Betroffenen hinweg erzielt worden ist, zum mindesten über die Köpfe jener hinweg, die die Volkstumsproblematik des südlichen Kärnten in ihrer ganzen politischen und soziopsychologi-sohen Brisanz zu ihrem wichtigsten Anliegen gemacht haben.

Sollte es wirklich keine Brücke über die tiefe Kluft geben, die der Mirederheitenstreit in Kärnten aufgerissen hat? Die Worte des Bundespräsidenten leiteten jene umstrittene Fernsehreportage ein, die Claus Gatterer und Traut! Brandstaller den „Fremden in der Heimat“ widmeten. Die slorwenischsprachige Kulturzeit-sohrift „Mladje“ (Jugend) faßt nun die Mitschrift des Films, der anschließenden Diskussion und die Reaktionen in Zeitungen und Publikum in einer Dokumentation zusammen, die zu denken geben sollte — gleichgültig, welche Ausgangsposition der Leser einnimmt, Anlaß zum Umdenken, zum Verzicht auf überholte und zur Suche nach neuen Denkkategorien.

Die völkerrechtliche Tragfähigkeit der neuen Gesetze einschließlich der Sprachenzählumg sei unibezweifelt. Die Verpflichtung aus dem Staatsvertrag, die Minderheiten zu schützen, steht ebenso außer Diskussion. Aber gerade damit kommen wir schon in die falsche Perspektive: eine slawische Bevölkerung gibt es nördlich der Karawanken seit der Völ-

kerwanderungszeit, einen jugoslawischen Staat, der nun Schutzfunktionen in Anspruch nimmt, seit noch nicht 60 Jahren. Die sprachlichen und ethnosoziologischen Unterschiede zwischen den Menschen zwischen Bleibiurg und Villach und jenen zwischen Cilli und Triest bilden eben einen der Gründe für die Vielfältigkeit des Problems. Die Kärntner Minderheitenfrage muß eine Kärntner, eine österreichische — und nur dies — sein.

„Die deutschen Kärntner haben... stets die landsmannschaftliche Verbundenheit mit den Slowenen ... betont. Die führenden Schichten des Adels und des Bürgertums kultivierten im 16. Jahrhundert einen Landespatriotismus eigener Prägung und entwickelten einen ausgeprägten Stolz auf die vordeutsche Zeit des slawischem. Karantanien ... Dies fand seinen Ausdruck in der Formel vom .windischen' Erzherzogtum Kärnten im Mund dieses deutschen Kärntner Adels... Darin drückt sich der Stolz auf die eigene kolonisatorische Leistung aus, die auch die Tradition der patriarchalisch Beherrschten als eigene Geschichte empfand ...“, schreibt Wilhelm Neumann, Archivdirektor in Klagenfurt und als Historiker bemüht, zu zeigen, „wie es war“ — und gerade deswegen je nach Aussage einmal von dieser, dann wieder von der anderen Seite scharf angegriffen.

Dieses jahrhunidertealte doppelethnische, zweisprachige Charakteristikum Kärntens ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von außen her attackiert, in Frage gestellt worden. Durch Angriff und Abwehr 1918 bis 1920 ebenso wie durch NS-Zentralismus und Aussiedlung zwischen 1939 und 1945, durch erneuten Angriff dann, wie durch

die aus diesen Ereignissen erwachsende Unduldsamkeit in den Jahren seither. Daß es schwer ist, in dieser Atmosphäre die Verirrungen eines fehlgeleiteten Nationalismus — welcher Prägung immer — zu erkennen und aufzugeben, ist plausibel. Sie münden scheinbar zwangsweise in Ortstafelsturm, Denkmalsohändun-gen und dumme Polemiken, wie jene vom „bevorstehenden Genocid“ durch die Sprachenzählung.

Die Sprachenzählung ist Rechtens — aber psychologisch dumm. Gegen Meinungsterror und Manipulation können die besten Sicherungen eingebaut werden, aber niemand kann daran gehindert werden, sich subjektiv beeinflußt, beeinträchtigt, manipuliert zu fühlen. Die Propaganda dafür wie dagegen wirkt selbstverständlich beeinflussend — und heizt neue Emotionen an.

Wer gehört zur Minderheit? Wer könnte „gezählt“ werden? Der Gebrauch des heimatlich-slawischen Dialekts reicht von jenen, die ihn als Kinder von ihren Altersgenossen mitbekommen haben, über jene, die ihn zu Hause sprechen, sich aber bewußt vom (groß-)slowenischen Volk .abheben wallen, bis zu jenen, die dem deutschem Nationalismus einen slowenischen entgegensetzen. Das Beispiel von Bleiburg scheint charakteristisch: dort stellte eine interne Umfrage mehr als CO Prozent Slowenisch-Spr.aöhkenmtnisse fest, aber nur 20 Prozent stimmten für die slowenische Liste bei den Gemeinderatswahlen — und doch war es unmöglich, zum Kirchweihfest auch Plakate in Slowenisch (für die Gäste von .drüben“) aufzuhängen.

Atmosphäre, Fluktuationen, Emotionen kann man nicht zählen. Sie entziehen sich jeder Schematisier rung. Es kommt auch nicht auf Zahlen an. Es kommt darauf an, die Zusammengehörigkeit aller Kärntner wieder bewußt zu machen, welche Sprache immer sie zu Hause sprechen.

Vielleicht weist jene Idee den Weg, die Valentin Inzko und Ernst Waldstein .auf ihrer Pressekonferenz in Wien vortrugen: Förderung der Minderheit über jene Gemeinschaften, die aus dem Volkstum erwachsen sind, cfo es sich um Gesangsvereine, um landwirtschaftliche Genossenschaften, um Jugendklubs handelt. Sie sind die Sammelpunkte; von ihrer Attraktivität wird es abhängen, wer aus der fluktuierenden Schicht sich zur Minderheit gehörig fühlt. Wo sie arbeiten (können), wäre jenes Gebiet, in dem auch doppelsprachige Tafeln zu Recht gefordert werden. Ob sie nun einem gewissen Prozentsatz entsprechen oder nicht.

Ein zweiter Weg zur Versöhnung läge darin, daß sich auch die Verantwortlichen der Mehrheit um die Sprache ihrer Mitmenschen bemühten, um .sie besser zu verstehen und ihnen das Gefühl zu nehmen, im Ghetto zu leben. Wo ist der Richter, der Bezirkshauptmann, der keinen Dolmetscher braucht, um die versprochene Zweisprachigkeit wirksam wenden zu lassen? Wo der Landeshauptmann, der alle Landeskinder in ihrer Sprache ansprechen kann? Wäre das zuviel verlangt?

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