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Neun Gebote für das Uberleben

Wenn nun am 10. Oktober die 70. Wiederkehr der Kärnt- ner Volksabstimmung von 1920 ge- feiert wird, sollte man neben dem Feiern nicht ganz darauf verges- sen, ein wenig über diesen Tag nachzudenken. Er ist sowohl für Kärnten und seine Bevölkerung als auch für Österreich in seiner Ge- samtheit (war er doch das erste große Erfolgserlebnis der jungen Ersten Republik, derer sie noch mehrere auf allen Ebenen ihres Existenzkampfes bedurft hätte!) ein großer Tag gewesen, den zu feiern auch nach 70 Jahren angebracht ist. Grundsätzlich jedenfalls, über die Inhalte der Feierlichkeiten soll- te jedoch jederzeit diskutiert wer- den können, denn ein Wermutstrop- fen hat immer schon die 10.-Okto- ber-Feiern begleitet: das Fernblei- ben der slowenischen Volksgruppe (siehe Seite 11).

Auf den ersten Blick erscheint dies nicht verwunderlich, denn wer wird schon seine eigene Niederlage feiern wollen? Aber auf den zwei- ten Blick sehen die Dinge doch ein wenig anders aus: rein formal war die Abstimmung am 10. Oktober nicht zwischen „deutsch" und „slowenisch", sondern zwischen „Österreich" und „Jugoslawien" (offiziell: Kraljevina SHS) und untrennbar damit verknüpft die Frage der Landeseinheit: die Stim- me für Österreich bedeutete deren Erhaltung, die Stimme für Jugosla- wien den Vollzug der Teilung des Landes Kärnten. Einer solchen Teilung versagte nicht ganz die Hälfte derer, die bei der Volkszäh- lung 1910 Slowenisch als Umgangs- sprache angegeben hatten, ihre Zustimmung:

(Zone I, siehe Graphik) Volks- zählung 1910: 68,6 Prozent slowe- nischen, 31,4 Prozent deutschen Ur- sprungs.

10. Oktober 1920:59 Prozent gül- tige Stimmen für Österreich, 41 Prozent für Jugoslawien

Rein rechnerisch müssen (um auf 59 Prozent für Österreich zu kom- men) neben den 31,4 Prozent Deutschsprachigen rund 27,6 Pro- zent Slowenischsprachige für Österreich gestimmt haben, das sind rund 40 Prozent der slowenischen Bevölkerung laut Volkszählung 1910 - oder fast jeder zweite.

Ein solches Ergebnis läßt viele Interpretationen zu; sie füllen gan- ze Bücherschränke und brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Aber eine Interpretation verdient es, hervorgehoben zu werden (sie wird sonst nur marginal' erwähnt): das Volksabstimmungsergebnis war bei den Kärntner Slowenen ein Sieg der Vernunft über die nationa- len Leidenschaften im Zuge des Auseinanderbrechens des vermeint- lichen Völkerkerkers Österreich- Ungarn. Für den großen Teil der slowenischen bäuerlichen Bevölke- rung des Kärntner Unterlandes war der Verbleib in einem ungeteilten Land Kärnten mit freiem Zugang zu den Wirtschaftszentren Klagen- furt und Villach eben attraktiver als der verkehrsgeographische Wurmfortsatz eines unter serbi- scher Vorherrschaft stehenden Jugoslawien zu werden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß eine Volksabstimmung in der Un- tersteiermark ein ähnliches Ergeb- nis gebracht hätte, andererseits kann die Frage, was wäre gewesen, wenn die befragte Bevölkerung zwischen Österreich, dem deutsch- sprachigen Reststaat der alten Monarchie, und einem unabhängi- gen Freistaat Slowenien zu ent- scheiden gehabt hätte, nicht ein- deutig beantwortet werden.

Mit dem 10. Oktober 1920 waren die Kärntner Slowenen, bislang eines unter mehr als einem Dut- zend verschiedener Völker (mit 4,5 Prozent Bevölkerungsanteil in der österreichischen Reichshälfte) zur unbedeutenden regionalen Minder- heit in einem fast rein deutsch gewordenen Reststaat geworden (knapp ein Prozent der Gesamtbe- völkerung). Aber auch den übrigen Slowenen war es nicht vergönnt, in einem Staat vereint zu sein: der Westen des slowenischen Sprach- gebietes war an Italien gefallen. Somit ist auch 1918/20 der Gang der Geschichte nicht zugunsten der Slowenen verlaufen.

Unter keinem günstigen Stern stand die ganze Geschichte der Slowenen: der Karantanen-Staat des 8. Jahrhunderts war zu kurzle- big, als daß er die Grundlage zum Entstehen eines slowenischen Staatswesens hätte legen können. Die slowenischen Länder gehörten zunächst zum Karolinger-, dann zum Ostfränkischen und schließ- lich zum Deutschen Reich („Heili- gen Römischen Reich") und wur- den 1335 größtenteils habsburgisch. Erst im 19. Jahrhundert kam es zur Ausbildung eines slowenischen Na- tionalbewußtseins und es kam der Gedanke auf, alle slowenischen Länder administrativ zusammen- zufassen, freilich im Rahmen der Monarchie, aber dies hätte trotz- dem eine Teilung des Landes Kärn- ten bedeutet, der sich selbst auch führende Kärntner Slowenen wi- dersetzten (zum Beispiel Matthias Rulitz). Auch das slowenische Pflichtschulwesen (seit 1855 in kirchlichen Händen) mit sloweni- scher Unterrichtssprache mußte 1869 neu organisiert werden: of- fensichtlich entsprach die von na- tionalslowenischen Kreisen so sehr angefeindete utraquistische Schu- le dem Willen der Mehrheit der meisten slowenischen Gemeinden Kärntens - eine Tatsache, die man heute gerne verschweigt. Somit kam es unter den Kärntner Slowenen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung zweier Lager: eines nationalen und eines deutsch- freundlichen. Ersteres stimmte am 10. Oktober für Jugoslawien, letz- teres für Österreich. Beide zusam- men machen die slowenischspra- chige Minderheit aus. Die deutsch- freundlichen Slowenen wurden schon vor dem 1. Weltkrieg „Win- dische" genannt und bezeichneten sich auch selbst so.

Nach dem 10. Oktober 1920 ging es (statistisch gesehen) mit der slo- wenischen Minderheit bergab, ei- nen katastrophalen Schwund gab es nach dem Zweiten Weltkrieg: von (1910) 66.463 Personen slowe- nischer Umgangssprache fiel (bei steigender Gesamtbevölkerung) der Anteil auf (1981) 16.552, wobei der Schwund allein durch Sprachwech- sel („Assimilation") bedingt ist. Diesen aufzuhalten käme der Qua- dratur des Kreises gleich: minder- heitenfördernde Maßnahmen wie slowenischsprachiger Pflichtunter- richt für alle in den Schulen des gemischten Gebietes sind schon in früheren Jahren, als die Zahlen noch günstiger waren (1951:42.095), aus verschiedenen Gründen nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Und zwei- sprachige Aufschriften allein ver- mögen ebenfalls nichts zu verän- dern. Assimilanten („Windische") stehen ihrer eigenen Herkunft sehr zwiespältig gegenüber und sehen allein das Aufgehen in der Mehr- heit als wünschenswert an - und sind somit der eigentliche Span- nungsfaktor im gemischten Gebiet. Hier weise Lehren zu erteilen ist leicht, sie aber in Realität umzuset- zen praktisch unmöglich. Hier liegt eine sich „demokratische Wissen- schaft" nennende Richtung unter der jüngeren österreichischen Hi- storiker- und Linguistengeneration schief, wenn sie den Begriff „win- disch" hochspielt und die histori- sche Entwicklung verzerrt darstellt, indem sie nur den Standpunkt der nationalbewußten Slowenen wür- digt, den der übrigen aber nicht weiter ernst nimmt. In der Wissen- schaft ist freilich der Begriff „win- disch" obsolet geworden, eine vom Slowenischen verschiedene „win- dische Sprache" konnte sprachwis- senschaftlich nie ernst genommen werden. Allerdings erscheint auch soziologisch gesehen „windisch" als ein schwer faßbarer vorübergehen- der Zustand, der an Einzelperso- nen oder einzelne Familien gebun- den ist, nicht aber an gefühlsmäßig zusammengehörige Gruppen.

Aber kann die Ächtung des Be- griffes „windisch" das Phänomen des Sprachwechsels aus der Welt schaffen? Wohl kaum, damit wird sich auch die „demokratische Wis- senschaft" abfinden müssen, die bisher keine Rezepte zur Lösung des Problems anbieten konnte. Die „Windischen" wurden auch nicht vom Kärntner Historiker Martin Wutte „erfunden", wie vielfach behauptet wird, sondern dieser hatte 1927 den Status quo festge- halten, ohne (wie er ausdrücklich sagt!) eine eigene „windische Na- tion" begründen zu wollen, aber er hat sich im Zeitgeist der späten zwanziger Jahre ausgedrückt, noch lange bevor der Nationalsozialis- mus in Kärnten Fuß gefaßt hat. Dieser hat sich Wuttes Formulie- rungen bemächtigt, wofür man diesen nicht verantwortlich machen kann - Vorwand für viele Histori- ker von heute, Wuttes Arbeiten herabzuwürdigen.

Kehren wir zurück zum zentra- len Problem, dem Erhalten der Sprache. Die slowenische Minder- heit in Kärnten unterscheidet sich von der Mehrheit (fast nur) durch die Sprache; die Volkskultur ist nahezu identisch, die alte Sprach- grenze zwischen dem ursprünglich relativ geschlossenen slowenischen Siedlungsgebiet und dem mehrheit- lich beziehungsweise rein deutschen Sprachgebiet hat kaum Spuren hinterlassen und hier wieder vor allem in der Sprache (Mundart) - kein Wunder, denn Sprachwechsel hinterläßt immer seine Spuren. Außer der Sprache ist das ethni- sche Bewußtsein entscheidend, al- lerdings haben sich nie alle Perso- nen slowenischer Mutter- und/oder Umgangssprache ethnisch als Slo- wenen bezeichnet (ebenso wie sich vor 1938 nie alle deutschsprachi- gen Österreicher ethnisch als Deut- sche betrachtet haben). Einen Aus- weg aus diesem Dilemma gibt es nicht, als Sprachwissenschaftler kann ich nur darauf verweisen, was eine Sprachminderheit braucht, um überleben zu können. Diese neun Punkte haben die Rätoromanen der Schweiz und die Ladiner Südtirols formuliert, und sie entsprechen auch der Situation der Kärntner Slowenen:

(1) Die Sprache der Minderheit braucht ein klar abgegrenztes Sprachgebiet;

(2) die Minderheit braucht eine solide wirtschaftliche Grundlage, denn man kann die Sprache nicht erhalten, ohne die Bevölkerung zu erhalten;

(3) die Sprache muß in allen Domänen des Alltagslebens (Fami- lie, Schule, Kirche, Verwaltung und so weiter) präsent sein;

(4) in allen Schulstufen, beson- ders aber in den höheren Schulen, muß eine Ausbildung in der Mut- tersprache stattfinden;

(5) die Sprache einer Minderheit braucht umfassende Massenmedien (Zeitung, Radio, Fernsehen), anson- sten wird sie von der Sprache der Mehrheit allmählich überflutet und verdrängt;

(6) die Sprache braucht eine umfassende Kultur, die alle Tätig- keiten und Seinsformen erfaßt, die den Menschen hier und heute be- treffen;

(7) eine Minderheit braucht eine einheitliche Schriftsprache, die den Gebrauch der Sprache in wichti- gen Domänen erst ermöglicht;

(8) sie braucht vor allem Einheit und Zusammenhalt;

(9) der Ausverkauf der Heimat muß endgültig gestoppt werden.

Die Punkte 6 und 7 sind durch die gemeinsame Schriftsprache für alle Slowenen positiv „erledigt", für Ladiner und Rätoromanen freilich (noch) nicht, auch Punkt vier er- scheint für die Kärntner Slowenen recht günstig zu sein, mit dem Punkt vier haben allerdings auch andere Minderheiten ihre Probleme.

Ladiner beziehungsweise Räto- romanen und Kärntner Slowenen haben eines gemeinsam; sie sind autochthon und historisch die älte- re Bevölkerung in ihrer Region, keineswegs „Fremde in der Hei- mat", in gemeinsamem Schicksal und in schicksalhafter Gemein- schaft mit dem überregionalen deutschen Element verbundener untrennbarer Teil der Gesamtbe- völkerung. Somit sind die Kärnt- ner Slowenen ein Teil von uns selbst, Teil der Kärntner Identität, die es zu wahren gilt. Dabei ist es ziem- lich gleichgültig ob man das Wort „slowenisch" oder „windisch" bevorzugt, Toleranz fragt nicht nach Worten. Toleranz ist wohl der wichtigste Pfeiler der Brücke, die die slowenische Minderheit zwi- schen Kärnten und dem neuen demokratischen Slowenien bildet. Die jüngste Entwicklung in Slowe- nien ist von vielen Kärntnern mit großem Interesse und auch mit Sympathie beobachtet worden, was die Verbundenheit beider Länder in der Alpen-Adria-Region unter- streicht. Gerade für den Alpen- Adria-Gedanken ist die Zweispra- chigkeit im südlichen Kärnten ein produktives Element, dessen ideel- ler Wert nicht hoch genug einge- schätzt werden kann.

Der Artikel 7 des Staats Vertrages und das Volksgruppengesetz von 1976 liefern zwar einen guten ge- setzlichen Rahmen zur Erhaltung und Förderung der slowenischen Minderheit, erfolgreich waren die- se Gesetze aber - statistisch gese- hen - nicht. Mit Schuldzuweisun- gen an die Kärntner Mehrheitsbe- völkerung und ideologisierenden Analysen, wie dies viele Autoren (und „Autorenkollektive") sehr gerne tun, ist das Problem aller- dings nicht zu lösen. Dazu ist es zu komplex. Und eben dies versuchte ich zu zeigen.

Der Autor ist a.o. Universitätsprofessor für Allgemeine und Diachrone Sprachwissenschaft an der Universität Klagenfurt.

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