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Wende in Kärnten?

Kurz vor dem 69. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung von 1920 wurde in Klagenfurt eine zweisprachige Volksschule eröffnet. Sie ist im Haus der Hermagoras-Bruderschaft untergebracht und wird auf privater Basis geführt. Eine katholische Institution hat damit einen bedeutsamen Schritt auf dem Gebiet des Schulwesens der slowenischen Volksgruppe getan. Abwechselnd wi rd einen Tag in slowenischer, am nächsten Tag in deutscher Sprache unterrichtet.

Bei der Eröffnungsfeier, an der Unterrichtsministerin Hilde Haw-licek, Bischof Egon Kapellari und

Landes-Vize Christof Zernatto teilnahmen, wurde von den Schulverantwortlichen versichert, daß- das jeweilige Volkstum des Landes respektiert würde. Die Schule ist auch Kindern deutscher Muttersprache zugänglich.

Das Schulwesen hat im gemischtsprachigen Gebiet Kärntens eine wechselvolle Entwicklung hinter sich. Im Jahre 1945 wurde der zweisprachige Unterricht im Süden des Landes an den Volksschulen für beide Bevölkerungsgruppen verpflichtend eingerichtet. Der Staatsvertrag von 1955 sichert den Slowenen in Kärnten und den Kroaten im Burgenland den Anspruch auf Ele-mentar-Unterricht in der jeweiligen Sprache und auf „eine verhältnismäßige Anzahl eigener Mittelschulen“ zu.

Die deutschsprachige Bevölkerung Kärntens fand sich aber mit dem „Zwangsunterricht“ nicht ab und erreichte eine Regelung, welche die Anmeldung zum Slowenisch-Unterricht vorsieht. Dieser wurde vor etwa dreißig Jahren an fast hundert Schulen erteilt. Diese Zahl ist seit Ende der fünfziger Jahre auf siebzig zurückgegangen.

Die neue Regelung sah praktisch die Halbierung des Unterrichts in einen slowenischen und in einen deutschen Teil vor, wobei die deutschsprechenden Kinder während des Slowenisch-Unterrichts still beschäftigt wurden. Deutsch-Kärntner sahen darin eine Benachteiligung und fanden mit ihrer Auffassung beim Abwehrkämpferbund und bei der FPÖ Unterstützung in der Ablehnung dieses Unterrichtssystems.

Die Forderung zielte zunächst auf die Schaffung eigener Schulen für die Volksgruppe. Diese wehrte sich entschieden und sprach von Ghet-

to-Schulen, in die sie sich nicht drängen lasse. Hinweise, daß beispielsweise die Slowenen im benachbarten Friaul auf eigene Schulen beharren und in dem immer wieder als Vorbild präsentierten deutschdänischen Grenzraum sehr wohl getrennte Schulen bestehen, wurden von der Volksgruppe negiert. Sie wisse um das für sie Notwendige besser Bescheid.

Das fast zweijährige Tauziehen mündete in eine Regelung, welche, die Anmeldung zum zweisprachigen Unterricht beibehält und die Teilung der Klasse vorsieht, wenn mehr als neun Kinder zum zweisprachigen Unterricht angemeldet werden. In einem solchen Falle gibt es eine rein deutsch- und eine zweisprachige Klasse, sodaß der Unter-

rieht in Deutsch in vollem Ausmaße gewährleistet ist. Musische Fächer führen die Kinder wieder zusammen.

Das Schulgesetz sieht eine dreijährige Beobachtungszeit durch eine Kommission beim Unterrichtsministerium vor. Erfahrungen, die in dieser Zeit gewonnen werden, sollen in Novellierungen Berücksichtigung finden. Während die Schulbehörde in Kärnten erklärt, daß die neue Regelung bis auf wenige Ausnahmen ohne Störung ablaufe, machen Volksgruppenvertreter weiterhin Vorbehalte geltend.

Erfreulicherweise sind Befürchtungen hinsichtlich des Rückganges der Anmeldungen zum zweisprachigen Unterricht nicht eingetreten, ja, es wird sogar eine leicht steigende Tendenz registriert. Bemerkenswert ist dabei, daß die Zahl

jener Kinder zunimmt, die, ohne Slowenischkenntnisse zu besitzen, angemeldet werden. Dies macht erst recht die Erteilung eines intensiven Slowenischunterrichtes in der Unterstufe notwendig.

Das Wohl und Wehe einer Volksgruppe hängt eng mit der Schule zusammen. Die Slowenen Kärntens verfügen über eine stark wachsende Zahl von Maturanten und Hochschulabsolventen.

Heuer hat der tausendste Maturant das vom ehemaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel gegründete Gymnasium in Klagenfurt verlassen. Der Forderung nach einer eigenen Handelsakademie will das Unterrichtsministerium Rechnung tragen.

In einem ohne die Einschaltung

der Kärntner Landesregierung im Vorjahr zustande gekommenen sogenannten „Wiener Memorandum“ sind weiters die Subventionierung der Kindergärten im gemischtsprachigen Gebiet durch den Bund, die Erhöhung der finanziellen Zuschüsse an die Slowenenorganisationen und die Einführung einer wöchentlichen Fernsehsendung (was inzwischen geschehen ist) vorgesehen. Kärnten fühlte sich von Wien wieder einmal übergangen. Die Reaktionen im Land sind entschieden, aber ohne verletzende Töne. Es scheint ein neues Kapitel slowenisch-deutscher Beziehungen aufgeschlagen worden zu sein. Volksgruppenführer selbst sprechen von einem Wendepunkt, an dem man angelangt sei.

Der Autor ist Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ in Klagenfurt.

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