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Apartheid in der Klasse?

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Das zweisprachige Schulwesen ist in erster Linie durch das politische Klima in Kärnten gefährdet (FURCHE 3, 4/1987). Gibt's trotz allem noch positive Perspektiven?

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Das zweisprachige Schulwesen ist in erster Linie durch das politische Klima in Kärnten gefährdet (FURCHE 3, 4/1987). Gibt's trotz allem noch positive Perspektiven?

Beseelt von dem Gedanken besonderer „Schutzrechte“ für die „Deutschkärntner Kinder“, die auch vom bloßen Hören slowenischer Worte beim gemeinsamen Unterricht befreit werden sollen, setzte der „Kärntner Heimatdienst“ (KHD) noch vor dem Sommer 1986 eine eigene „Pädagogenkommission“ ein (unter der Leitung von KHD-Obmann Josef Feldner), die rasch ein radikales Schul-Trennungsmodell

ausarbeitete: Auch ein einziges zum Slowenischunterricht angemeldetes Kind sollte zur Abtrennung und Neueinrichtung einer separaten Klasse führen.

Im Windschatten dieser KHD-Kommission arbeitete fast zur gleichen Zeit die sogenannte Kärntner Pädagogenkommission; sie konstituierte sich im Auftrag des Landeshauptmannes und setzte sich aus Parteifunktionären (nach dem Proporz) und weisungsabhängigen Landesbeamten zusammen. Auf dem Wege der Parteizugehörigkeit waren auch Mitglieder des „Heimatdienstes“ und des „Abwehrkämpferbundes“ in der Kommission vertreten, nicht jedoch Vertreter der offiziellen Organisationen der

Kärntner Slowenen.

Das Ergebnis, das nach zwei Sitzungen vorlag, sieht entsprechend aus. Es trägt deutlich die Handschrift von KHD und Abwehrkämpferbund.

Alternative Modelle und Reformvorschläge, die zu dieser Zeit schon vorlagen und keine Trennungsperspektive verfolgten, wurden von der Kommission erst gar nicht erwogen, geschweige denn geprüft.

Die Kärntner „Polit-Pädago-gen-Kommission“ verabschiedete schließlich ein Trennungsmodell, nach dem ab sieben slowe-nisch-lernenden Kindern für die einsprachigen Kinder neue, rein deutsche Parallelklassen eingerichtet werden sollen. Auch unter der Trennungszahl Sieben soll während zwei Drittel der Unterrichtszeit (also in den wichtigsten sprachlichen Unterrichtsbereichen) eine Absonderung der Slowenischsprachigen stattfinden.

Die räumliche Abgrenzung soll je nach örtlichen Verhältnissen durch Vorhänge, Trennwände oder separate Zimmer und Käm-merchen erfolgen. Der „Volksmund“ hat dieses Gettodasein der slowenisch-sprechenden Kindergruppen bereits mit dem abfälligen Ausdruck „Tschüschen-Klasse“ belegt.

Bei den Slowenischen Zentralorganisationen, beim Leiter der Minderheitenschulabteilung des Kärntner Landesschulrates, bei

Pädagogik-Fachleuten mehrerer Universitäten, bei verschiedenen Organisationen der Kirchen und beim ehemaligen Unterrichtsminister stieß der Kärntner Kommissionsvorschlag auf Vorbehalte beziehungsweise Ablehnung.

Eine Reihe fundierter kritischer Stellungnahmen liegt vor. Sie halten die Neueinrichtung von einsprachigen Parallelklassen für verfehlt und kritisieren den geplanten Einsatz von 120

„Deutschkärntner“ Lehrern

• als ein durch nichts belegtes Eingeständnis, die bisherige Schulregelung hätte durch ihren Abteilungsunterricht deutschsprachige Kinder „benachteiligt“;

• als einen einschneidenden politischen Eingriff in die sozialen und pädagogischen Lern- und Arbeitszusammenhänge in den Schulklassen und Lehrerkollegien;

• als . eine Verschärfung der volksgruppenpolitischen Konkurrenzsituation zwischen den Lehrkräften und als Demotiva-tion bei jungen Lehrern, die Befähigung zum Zweisprachenunterricht zu erwerben;

• als eine weitere Aufwertung von Einsprachigkeit und Ver-ständnislosigkeit bei gleichzeitiger Abwertung der slowenischen Sprache in der Schulöffentlichkeit;

• als eine nochmalige Vernachlässigung der Reformbedürfnisse der Zweisprachenlehrer, die dringend didaktischer Hilfen in Form von zweisprachigen Büchern und Arbeitsmaterialien bedürfen;

• als bedenklichen ethnopoliti-schen Schritt in Richtung „ethnische Proporzverschiebung“ zugunsten der deutsch-einsprachigen Lehrerschaft;

• als eine fehlgeleitete pädagogische Maßnahme, weil sich Verständigung und friedliche Integration weder in den Randbereichen des Unterrichts noch durch nachträglich propagierte punktuelle „Maßnahmen“ erlernen und erleben lassen.

Diese fundamentalen Kritikpunkte wurden von der Landeskommission nicht zur Kenntnis genommen und von den Politikern abgeblockt. Die der Kommission von den Landtagsparteien „vorgegebenen grundsätzlichen Einstellungen“ verhinderten auch, daß die wirklichen Verbesserungsvorschläge Eingang in die Diskussion fanden.

So hatte die Klagenfurter Universität schon vor zwei Jahren den Versuch gemacht, durch ein umfassendes Reformpaket den Angriffen auf die zweisprachige Schule und das friedliche Zusammenleben in den Gemeinden zu begegnen. Dieses Rahmenkonzept für konstruktive Reforminitiativen ist von folgenden Zielsetzungen getragen:

• Zunächst muß das politische Klima entkrampft und für Reformen geöffnet werden. Dies ist nur durch eine Aufwertung der slowenischen Sprache in der Öffent-

lichkeit und durch vorgelebte Zweisprachigkeit möglich.

• Sofern für die innere Differenzierung in den zweisprachigen Schulklassen zusätzliches pädagogisches Personal erforderlich ist, muß dieses Personal zweisprachig qualifiziert sein und für seine unterstützende und kooperierende Rolle vorbereitet werden.

• Nur durch behutsame und auf die regionalen Reformbedürfnisse abgestimmte Schulversuche — für die eine wissenschaftliche Begleitung vorzusehen ist — läßt sich verläßlich prüfen, wie Zweisprachigkeit gefördert und die Verständigung pädagogisch optimiert werden kann. Dazu ist die Entwicklung neuer didaktischer Lehrmaterialien für den gemeinsamen Unterricht erforderlich.

• Eine zweisprachige Ubungs-volksschule an der Pädagogischen Akademie in Klagenfurt wäre dringend erforderlich. Dies würde nicht nur dem Bildungsbedürfnis jener Eltern und Kinder entgegenkommen, die eine zweisprachige Ausbildung in der Landeshauptstadt schon länger fordern, sondern wäre auch eine optimale Möglichkeit, zukünftige

Lehrer praktisch-pädagogisch für ihre Tätigkeit an zweisprachigen Schulen zu qualifizieren.

Der Argumentationsnotstand von Verwaltung und Politik gegenüber den Verbesserungs- und Ausbauvorschlägen dokumentierte sich erst kürzlich wieder, als die höchste wissenschaftliche Institution der Republik, die österreichische Rektorenkonferenz, vor einer weiteren Demontage des gemeinsamen Unterrichts warnte und die Ausbaukonzepte unterstützte.

Eine gesamtösterreichische, interdisziplinäre Universitätskommission wird demnächst ihre Arbeit aufnehmen, um alle sachlichen Argumente nochmals zu sammeln und zu prüfen. Die Zukunft wird zeigen, ob und wie lange die versteifte Abwehrhaltung der Kärntner Landespolitiker gegenüber den Trennungskritikern und deren berechtigten Ausbauwünschen aufrecht bleibt.

Einstweilen wird diesen Gruppen immer noch die Rolle der „Unruhestifter“ in die Schuhe geschoben. Auch dies ist eine auf den Kopf gestellte Realität, da diese Rolle zweifelsfrei jenen zukommt, die das Trennungsbegehren losgetreten haben und die mit den Gesinnungstätern und agitatorischen Unruhestiftern die „Trennungspartnerschaft“ eingegangen sind.

Die beiden Autoren lehren an der Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt und sind Mitglieder des überparteilichen „Komitees zur Verteidigung der zweisprachigen Schule“.

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