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Winden im Schulk(r)ampf

Liberale Sprache, reaktionäre Praxis?

Im Süden nichts Neues: Der Kärntner Schulkampf harrt noch immer einer friedlichen Lösung. Eine solche ist weit und breit nicht in Sicht.

Causa belli ist — wie bereits berichtet - ein umstrittenes Volksbegehren des „Kärntner Heimatdienstes“ in Koproduktion mit FP-Mann Jörg Haider aus dem Jahre 1984. Das Ziel: die Trennung der Südkämtner Volksschüler nach sprachlichen, also ethnischen Gesichtspunkten.

Das Volksbegehren brachte knapp über 34.000 Unterschriften (neun Prozent der Stimmberechtigten). Dennoch erreichten die Initiatoren des Volksbegehrens das, was sie wollten: Der Kärntner Landtag mußte sich mit ihm beschäftigen.

Die Folge war in den vergangenen Monaten eine Flut von Sitzungen, Besprechungen, Expertisen, Exkursionen, Parteienverhandlungen und Hearings, in denen darüber gegrübelt wurde, ob und wie das Schulgesetz — ein Provisorium aus dem Jahr 1958, das bislang passabel funktionierte — umzumodeln sei.

Bis jetzt sah die Schulpraxis in Südkärnten so aus, daß die Kinder beider Volksgruppen gemeinsam die Schulbank drückten, wobei die eine Hälfte jeder Unterrichtsstunde in Deutsch, die andere in Slowenisch abgehalten wurde.

Der „Kärntner Heimatdienst“ (KHD) und die Kärntner Freiheitlichen argwöhnen hinter diesem Modus „Slowenisierungsten-denzen“ und eine „Diskriminierung“ der Deutschkärntner Schüler.

Während also die Befürworter des Volksbegehrens weiter ungeniert die Trennungsvariante propagieren, warnen auf der anderen Seite vor allem die Klagenfurter Universität, aber auch die Diözese Gurk und freilich die Minderheitenvertreter selbst vor den negativen pädagogischen und sozialen Folgen einer Quasi-Apartheid im Kindesalter.

Vieles deutet darauf hin, daß der Kärntner Landtag eine Kompromißlösung anpeilt, die den KHD samt Anhang zufriedenstellen und die Minderheit nicht gänzlich vor den Kopf stoßen soll. Etwa in der Richtung, daß in den „Haupf'gegenständen ethnisch getrennt und in den musischen oder handwerklichen Fächern gemeinsam unterrichtet wird.

Landeshauptmann Leopold Wagner selbst gibt sich im unseligen Kärntner Schulstreit „neutral“ und würde sich entweder auf keine der beiden Seiten schlagen oder für beide gleichzeitig eintreten.

Die Schizophrenie Wagners ist wahltaktisch motiviert: Der rote Landesfürst weiß nur zu gut: wenn er dem „agent provocateur“ KHD eine Abfuhr erteilt, machen die Nationalen unter seinen Wählern dasselbe mit ihm. So wurschtelt Wagner zwischen den beiden Fronten hin und her, möchte am liebsten keiner wehtun, gratwandert, windet sich.

Auch Wien wird langsam ungeduldig und ungehalten, daß nichts weitergeht. Für die nationalen Mätzchen im rot-weiß-roten Süden hat man in den Parteizentralen ohnehin nie viel übrig gehabt.

In Kärnten selbst reagiert man auf Kritik von außen sauer. So stieß auch die Stellungnahme von Unterrichtsminister Herbert Moritz, der in der Schulfrage eindeutig für den Status quo und gegen eine Trennung eintritt, auf wenig Gegenliebe in Kärntens rechten Kreisen.

Es ist daher kein Zufall, sondern wohldurchdachte Strategie, daß sich die Vertreter der slowenischen Volksgruppe in letzter Zeit verstärkt in Wien engagieren. Die Gründung eines eigenen Volksgruppenzentrums ist nur das jüngste Beispiel hiefür: Die Minderheit weiß, daß Wien für ihre Anliegen ein besserer Boden ist als Kärnten.

Der Maria Saaler Autor Peter Turrini hat das momentane Klima in seiner Heimat auf folgende Kurzformel gebracht: „Es gibt eine ungemein große Diskrepanz zwischen einer neuen Liberalität der Sprache und der nach wie vor reaktionären Praxis.“ Diese manifestierte sich das letzte Mal am 10. Oktober, jenem Tag, an dem das offizielle Kärnten alljährlich unter Ausschluß der Minderheit seiner Heimat gedenkt und das Abwehrkampfjubiläum 1920 als Sieg über die slowenische Volksgruppe feiert.

Das andere Kärnten applaudiert schon lange nicht mehr. Aber es pfeift auch nicht

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