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Es ist kein Land für alte Männer

Über die Geschichte Kärntens, die Zerrissenheit und den Streit der Volksgruppen, die Hymne von der Blutgrenze und die Landnahme Jörg Haiders. Eine Erklärung.

Was haben wir gelacht, früher, als wir im tiefen Süden allabendlich in einem bei Eltern gefürchteten Wirtshaus Villacher Bier aus den schlanken Exportflaschen tranken, über jene, die eine Vorstellung von ihrer Zukunft hatten oder glaubten, eine haben zu sollen. Weil Papa Zahnarzt war oder Steuerberater oder Rinderzüchter. Oder weil er auch gar nichts Besonderes war und nur wenig Geld in der Tasche hatte und der Nachwuchs es einmal besser haben sollte. Chancengleichheit nannte man das in den siebziger Jahren, als Bruno Kreisky milde aus der elektrifizierten Weihnachtskrippe meiner Großmutter lächelte. Damals waren Autogrammkarten dieses einen Bundeskanzlers, von dem man glaubte, er werde bis zum jüngsten Tag noch Bundeskanzler sein, so wertvoll wie der Geschmack des Kusses von Papst Paul VI. auf den träumenden Lippen unseres Pfarrers. Sie alle haben von der Erlösung geträumt, von der Kraft des Guten aus dem Geist des Widerspruchs. Das war schon vor dem Erscheinen Jörg Haiders so.

Wir haben gelacht über den aus Wien zugezogenen Oberösterreicher mit dem schiefen Zähnen, der sich kärntnerischer gab als jeder Kärntner es je zu sein vermochte. Der den Menschen an der Grenze, die man, wie es in der Landeshymne heißt, mit Blut geschrieben hat, demonstrierte, dass man sich ganz selbstbewusst als Außenseiter fühlen kann, als Sizilianer Österreichs, wie Erwin Ringel das einmal nannte. Nicht die Tatsachen zählen, sondern allein das Gefühl, das Irrationale, das Kärntnerlied als Seinsgrundlage: valossn, valossn und weiterleben gegen den Rest der Welt!

Doch der Oberösterreicher musste die Kärntner Gefühlsäcker nicht erst bearbeiten, sie lagen ja vor ihm, braun und schrundig und wenig ertragreich bis an den Karawankenkamm, umgegraben bereits seit dem 19. Jahrhundert, als im Grenzland bewusst Zwietracht gesät wurde: In den Dörfern wurden die Menschen mit harter Hand von slowenischen Pfarrern und deutschnationalen Lehrern auseinanderdividiert. Diese Lektion sollte noch viele Generationen lang sitzen.

Die Verteidigung des Deutschtums

Wie oft habe ich, der ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens nirgendwo anders gelebt habe als in Kärnten, gehört, dieses Land sei deutsch. Oft genug jedenfalls aus den Mündern von Lehrern, Chorsängern, Kulturfunktionären, Turngauleitern und Politikern, so dass mir lange Zeit die Frage nicht in den Sinn kam, warum gerade deutsch, wo doch das Deutsche Reich seit 1945 nicht mehr existierte. Trotzdem war immer wieder die Rede vom deutschen Grenzland an Gail und Drau und von der Verteidigung des Deutschtums gegen die Slawen. Als das Österreichische Bundesheer in den achtziger Jahren in unserem Ort (und anderswo entlang der Grenze) Wehranlagen errichtete, um, wie es hieß, für den Kriegsfall vorzusorgen, war ich gegen jegliche Panik bereits immunisiert. Ich wusste zu dieser Zeit schon, dass es so wenig ein Deutschkärnten gibt, wie es ein Französischkärnten oder ein Griechischkärnten gibt.

Ich hatte außerdem im Gymnasium erfahren, was plumper Rassismus ist. Von diversen Geschichts- und Geografielehrern hatte ich gelernt, dass Italiener nur mit nassen Fetzen zur Vernunft zu bringen seien, dass Europa früher oder später von der gelben Rasse überflutet werde, dass Gailtaler schwul seien und Kärntner Slowenen ein Haufen Politaktionisten, hinter denen der greise Hund Tito stehe.

Das war Sozialisation auf Kärntnerisch, begleitet von viel melancholischem Gesang, Weihrauch, Zeltfestatmosphäre und dem Geheul meines Cousins, der sonn- und feiertags auf Geheiß seines Vaters in den ackerschollenbraunen Kärntneranzug schlüpfen musste.

Als die Wehranlagen in unserem Ort errichtet wurden, hörte ich von einem Schriftsteller aus Unterkärnten namens Florjan Lipus\0x02C7 und dessen von Peter Handke übersetzten Roman "Der Zögling Tjaz\0x02C7". Ich habe lange Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass es in Kärnten überhaupt einen Schriftsteller gab, dessen Muttersprache das Slowenische war, der seine Bücher in Slowenien veröffentlichte und der viele Jahre warten musste, ehe ein Buch von ihm in einem österreichischen Verlag erscheinen konnte. Ich kaufte das Buch und las, dass der Autor aus dem Dorf Leppen/Lepena stammte, das ich im Atlas nicht fand, weshalb ich mir vorstellte, es müsse im unteren Kärnten eine Art Amazonasurwald geben, undurchdringlich, geheimnisvoll und nur wenigen Ortskundigen zugänglich. Was Lipus\0x02C7 aber in seinem Roman beschrieb, war so nahe an meinen eigenen Erfahrungen, die Welt zu sehen und zu beschreiben, dass ich während des Lesens eine Ahnung davon bekam, wie kulturelle und politische Segregation funktioniert, wie sehr Identität fremdbestimmt ist und auf Unterdrückung, Verleugnung, Deformation beruht, ohne dass all diese Dinge im Text angesprochen werden. Wenn über das Grundsätzliche keine Einigung besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu schmieden. Dieser schöne Gedanke ist dem von der Landesregierung erdachten Entwicklungsleitbild Zukunft Kärnten vorangestellt und macht deutlich, dass die Definitionshoheit über das Grundsätzliche auf Seiten der Mehrheit liegt. Der Minderheit bleibt es überlassen, sich auf die Vorgaben der Mehrheit zu einigen oder sich auf das Wort sinnlos zu beschränken.

Jörg Haider hat keine neuen Sitten in Kärnten eingeführt, er hat das gemacht, was Generationen von Politikern vor ihm gemacht haben: Er hat den Machtlosen vorgeführt, wer die Macht hat, in der Hoffnung, die Machtlosen würden sich früher oder später assimilieren. Oder zumindest aussterben. Die neue Qualität der haiderschen Politik bestand ausschließlich in der Entideologisierung des politischen Feldes. Er neutralisierte die Scharfmacher vom Kärntner Heimatdienst ebenso wie die Volksgruppenvertreter, die NGOs und die politische Opposition im Land. Politik hatte nichts mehr mit gesellschaftlichen Prozessen zu tun, sie wurde zu einem Akt der Verordnung, der Zuwendung und des Liebesentzugs, dem nicht einmal die Gesetze der Republik standhielten. Dieses Desperadotum, getarnt durch eine aufwändige Spektakelkultur (finanziert von den auf diese Weise sedierten Bürgern) trug zum Image des furchtlosen David bei, der dem Wiener Goliath das Fürchten lehrt.

Das Kämpfen gegen die Übermacht ist Teil der Kärntner Mythologie. An der Volksschule meines Heimatortes etwa kann man heute noch die zerschossene Westseite bestaunen. Im sogenannten Heimatkundeunterricht erzählte man uns, dass es sich um Spuren von Kampfhandlungen aus den Jahren 1918 und 1919 handelte. In jener Zeit, so hörten wir, kämpften aufrechte Kärntner Männer gegen weniger aufrechte jugoslawische Männer und deren Verbündete hierzulande, weil die Jugoslawen und solche, die zu Jugoslawien gehören wollten, sich ein Stück unserer Heimat einzuverleiben trachteten.

Das Lied von der Blutgrenze

Auch wenn ich mir nicht erklären konnte, warum das alles geschehen war, wurde mir doch klar, dass die Geschichte eine Geschichte des Verblutens ist. Zumindest in Kärnten. Kärntner bluten mehr als andere.

Die ganze unerfreuliche Aktion mehr als vierzig Jahre vor meiner Geburt hatte einen Namen, und der lautete: Abwehrkampf. Und die Westseite unserer Schule sei ein Mahnmal für die heldenhafte Verteidigung unserer Heimat, sagte die Lehrerin. Und deshalb laute die vierte und wichtigste Strophe des Kärntner Heimatliedes so: "Wo Mannesmut und Frauentreu' / die Heimat sich erstritt aufs neu' / Wo man mit Blut die Grenze schrieb / und frei in Not und Tod verblieb / Hell jubelnd klingt's zur Bergeswand / Das ist mein herrlich Heimatland."

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit sang man das Lied von der Blutgrenze. Man konnte sich aufgehoben fühlen. In der Geschichte. Im Leid. Im Gesang. Im allgegenwärtigen Trachtenbraun. Jörg Haider aber konnte keinen Helden neben sich ertragen, deshalb war er ja immer nur von diesen lächerlichen Trabanten umkreist.

Vor einiger Zeit sah ich B. im Fernsehen, einen Bekannten aus Schultagen, wie er mit getrübtem Blick und breitem Dialekt keine Ahnung von nichts vermittelte. Er hatte sich in der Kärntner Kulturpolitik engagiert, was noch nie einer Karriere förderlich gewesen ist, und es war klar, dass er zum Abschuss freigegeben war. Er war in die Ungereimtheiten um die berüchtigte Bühne im berühmten See verstrickt.

Warum, fragte ich mich, hat B. nicht gesagt, was Sache ist? Warum hat er nicht auf diejenigen gezeigt, die ihm in den Rücken gefallen sind? Warum hat er sich bis zur Dauertherapiereife misshandeln lassen und sich nicht ein einziges Mal dadurch Erleichterung verschafft, indem er die Wahrheit gesagt hat? Die Antwort lautet: Weil er, wie Generationen von Menschen in diesem Land gelernt hat, sich in den Schatten des Helden zu stellen. B. hätte es in der Hand gehabt, diesen Helden zu entzaubern, ihn als Poseur bloßzustellen, doch er hat den Weg des psychischen Zusammenbruchs gewählt. Jetzt ist der Held tot und B. hat sich noch immer nicht erholt.

Der Autor ist Schriftsteller und Journalist, Moderator der Ö1-Buchsendung Ex Libris

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