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Das kleinkarierte B oll wer k- Gehabe

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Aktiver Schutz der slowenischen Minderheitwar in Kärnten nie ein politisches Thema. Jetzt drohen die Grundlagen des Zusammenlebens der Volksgruppen zu zerbrechen.

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Aktiver Schutz der slowenischen Minderheitwar in Kärnten nie ein politisches Thema. Jetzt drohen die Grundlagen des Zusammenlebens der Volksgruppen zu zerbrechen.

„Wir werden die alten Parteien vor uns hertreiben!“ — Was Jörg Haider mit diesem Satz für seine Politik auf Bundesebene nach der Wahl vom 23. November 1986 angekündigt hat, das ist in einer etwas anderen Form in Kärnten schon längst Wirklichkeit. Hier treiben in Sachen Minderheitenpolitik FPÖ und KHD („Kärntner Heimatdienst)“ die beiden

Großparteien vor sich her und die slowenische Minderheit immer mehr ins Getto (FURCHE 3/1987).

Voll und ganz wurde die „neue“ FPÖ unter Jörg Haider zum politischen Sprachrohr des KHD, als beide Organisationen die Bekämpfung der angeblich „privilegierten“ Minderheit, insbesondere ihre staatsvertraglich gesicherten Rechte, zur taktischen und politischen Zielsetzung machten.

Dies ist zumindest seit dem Herbst 1983 offenkundig, als die FPÖ einen Gesetzesantrag im Landtag einbrachte, der auf der radikalen ethnopolitischen Forderung des KHD beruht, daß deutsch- und slowenischsprachige Kinder an Südkärntner Volksschulen nicht mehr gemeinsam unterrichtet werden sollen.

Seither vergeht keine Gedenksteinenthüllung, keine Fahnenweihe, kein Landesfeiertag, ohne daß Landespolitiker, Heimat-

dienstier, Abwehrkämpfer und andere „Heimattreue“ stolz ihre Einsprachigkeit zur Schau stellen und immer wieder darauf verweisen, daß die „Schulfrage“ noch ungelöst sei und die „Deutschkärntner“ Kinder weiterhin beim gemeinsamen Unterricht durch das Anhören der slowenischen Sprache kulturell „vergewaltigt“ würden.

Diese von oben her angeheizte Stimmung, die durch Serien von Leserbriefen in allen Tageszeitungen widergespiegelt wird, stieß bei den beiden Großparteien auf eine Aufnahmebereitschaft, die rasch in Mittun und Nachmachen überging.

Da ein aktiver Minderheitenschutz in Kärnten ohnehin nie politisches Thema war, schwenkten ÖVP und SPÖ auf die ideologischen Vorgaben der ewiggestri-gen Abwehrkämpfer und Bollwerkverteidiger ein — ganz nach dem Motto der Kärntner FP-Lan-desobfrau Kriemhild Trattnig: „Wir wollen weiterhin ein Bollwerk gegen negative und volkszerstörende Elemente sein.“

Während also auf Bundesebene eine Regierungskoalition in Brüche ging, hat sich im Bundesland Kärnten der gegen die Minderheit gerichtete und von dieser gefürchtete „Dreiparteien-Pakt“ noch gefestigt und ausgerechnet jenes Schul-Trennungsmodell als „Kärntner Lösung“ nach Wien, empfohlen, das die Haider-Partei

im Dunstkreis des „Heimatdienstes“ propagiert hat.

Dieses Trennungsmodell führt sprachliche Diskriminierung (Unterscheidung) und Segrega-tion (Abtrennung) genau dort ein, wo der österreichische Volks-schullehrplan vorsieht, daß in der gemeinsam arbeitenden und zu-sammenlebendenSchulklasse Toleranz und Achtung gelernt werden sollen.

Daß der letzte Schritt zur Beschlußfassung dieser unpädagogischen Verständigungs- und Kontaktsperre noch nicht getan ist, verdankt sich weniger den ideologischen als den ökonomischen Vorbehalten auf Bundesebene.

Für eine Bundesregierung, die das Budget sanieren will, würde es ja auch in der Tat nicht gut aussehen, wenn der Bund mit einem fürstlichen Geschenk von 50 Millionen Schilling jährlich die „Deutschkärntner Sache“ (FP-Diktion) unterstützte — und soviel wollen die Kärntner Landespolitiker haben, damit zirka 120 neue einsprachige Lehrer die abgetrennten Gruppen in eigenen Klassen unterrichten können.

Während also an dieser Neueinrichtung rein deutscher Parallelklassen das Kärntner Trennungsmodell möglicherweise scheitern wird, ist die Saat der Entzweiung und kleinkarierten Gehässigkeit im Lande selbst schon längst aufgegangen.

Von der politisch angeheizten Debatte um die Abtrennung und Isolation der slowenischsprachigen Minderheit ging ein Ausstrah-lungs- und „Ermutigungseffekt“ aus. Mit den in Aussicht gestellten Trennungsparagraphen im Hinterkopf machten sich Politfunk-tionäre auf Gemeinde- “t und Verwaltungsebene eilfertig an die Arbeit, um vorerst in ihren Bereichen die Ausgrenzung des Slowenischen zu pro- • bieren.

Die folgenden grotesken, aber

leider wahren Begebenheiten aus dem zweisprachigen Kärnten stellen nur einige Beispiele dafür dar, wie ein bestimmtes Apartheiddenken ausufert, und wie der ethnopolitische Trennungswahn alle Lebensbereiche erfassen kann.

• Globasnitz/Globasnica: Der Fraktionsführer der ÖVP möchte durch einen Antrag die Gemeinderäte dazu bewegen, daß bei den neuen Kraftfahrzeugen der Gemeinde keine Wappen angebracht werden, da das Gemeindewappen die zweisprachige Inschrift „Glo-basnitz Globasnica“ trägt.

• Sittersdorf/Zitara vas: Der Gemeinderat beharrt auf seinem Beschluß, daß der Direktor der örtlichen Volksschule die zweisprachigen Türschilder auch bei den zweisprachig geführten Klassen wieder zu entfernen hat.

• Schiefling/Skofice: Der slowenische Schulverein eröffnet sei-

nen privaten zweisprachigen Kindergarten. Obwohl der Andrang groß und der pädagogische Erfolg gegeben ist, konnte sich die Gemeinde nur zu einer minimalen Subvention bereitfinden.

• St. Egyden/Sentilj: Es werden Gerüchte lanciert, der Pfarrer „verleite“ die Jugend zum Slowenischsprechen und -singen. Die „Landjugend“ setzt eine „rein deutsche Messe“ durch.

• Bleiburg/Pliberk: Slowenische Gesangs- und Kulturgruppen erhalten keine Erlaubnis, im örtlichen Kulturhaus („Grenzlandheim“) aufzutreten.

• Klagenfurt/Celovec: Der Lan-desschulrat lehnt die Projekte zu Schulversuchen im Minderheitenschulwesen ab, die von zweisprachigen Lehrergruppen erarbeitet wurden. Der Landesschul-rat verbietet in einem Rund-

schreiben, daß Kinder für die Anmeldung zum zweisprachigen Unterricht „geworben“ werden. Entsprechende Plakate, die Eltern zur Anmeldung motivieren sollen, dürfen an den Schulen nicht ausgehängt werden.

Die von oben lancierte, in die Gemeindestuben eingesickerte Trennungsperspektive hat bereits für die Organisationsform des menschlichen Zusammenlebens in Südkarnten verheerende Folgen gezeitigt. Gebrochen wurde mit der kulturellen Tradition des nachbarschaftlichen Ver-stehens und Tolerierens. Die Verständigungsbereitschaft wurde durch Trennungs- und Ausgrenzungsabsichten destruiert.

Das „ethnische Prinzip“ funk-toniert nun nicht mehr als Stimulation und Regulator für neugieriges Auf-sich-Zugehen, für kulturerweiternde Lernwünsche und friedliche Koexistenz. Damit ist es — bei einer Fortschreibung der herrschenden Politik — auf absehbare Zeit aus.

Das „ethnische Prinzip“ wurde — zum Schaden für alle — einseitig zum „sprachlichen Trennungsund Abgrenzungskriterium“ gemacht und in eine wertende Skala gebracht. Keine Frage, daß im herrschenden Kärntner Klima das Slowenische auf die unterste Stufe der Sprachenhierarchie verdrängt wurde.

Die Schäden, die allein durch die Propagierung der Trennungspolitik entstanden sind, wie Iden-

titätsbeschädigungen, Sprach-entwicklungsschäden, Kultur-und Demokratieaushöhlung, sind heute bereits unabsehbar und durch einzelne schulische Maßnahmen kaum mehr reparabel.

Nur ein entschiedener Minderheitenschutz, verbunden mit einer Festigung des demokratischen Bewußtseins und mit einem engagierten, umfassenden Ausbau des zweisprachigen Bildungswesens, kann das vergiftete Klima und die gekippte Ethno-ökologie noch einmal zum Besseren wenden. v

Dies ist für ein multikulturelles Kärnten wahrscheinlich die einzige Chance, als solches zu überleben und der monokulturellen Verarmung zu entgehen.

Der Autor ist Professor und Vorstand des Instituts für Weiterbildung an der Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt.

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