Die Essenz Jugoslawiens

Sarajevo wurde im Balkankrieg von der serbischen Armee besetzt. Heute erinnert dort vieles an diese Zeit, vor allem aber an das, was durch den Krieg verloren ging.

Trotz all dem, was passierte, ist Sarajevo immer noch die Stadt der Freundschaft zwischen Mario und Ismar. Mario, ein sephardischer Jude, sein Freund Ismar Moslem, beide sind gebürtige Sarajevaner. Sie kennen sich ihre Leben lang, sind zusammen aufgewachsen. Mario arbeitet im jüdischen Museum, wo Stücke aus der jahrhundertelangen Geschichte der Juden in Bosnien ausgestellt sind, Ismar führt unweit davon einen Souvenir-Laden. Wenn sein Freund Ismar im Fastenmonat Ramadan Lust auf eine Zigarette hat, kommt er zu Mario und setzt sich auf einen der Stühle vor dem Eingang des Museums, das Plätzchen liegt ein wenig verwinkelt, da hat man seine Ruhe. Wer hat schon Lust auf die vorwurfsvollen Blicke der asketischen Frömmler? Ismar kommt lieber hierher und schnorrt eine Zigarette von Mario. Die beiden Kumpels grinsen übermütig wie zwei Halbstarke, dabei gehen beide auf die Sechzig zu. Die Dinge nicht so ernst nehmen, zusammen herumhängen - nur hier in Sarajevo weiß man, was es wirklich bedeutet, ein lässiger Typ zu sein, raja zu sein, wie es hier heißt. Nein, ein Text über diese Stadt sollte nicht den Jerusalem-Vergleich anstellen, wegen der vielen Religionen, die hier ebenso wie dort aufeinander treffen, wegen der vielen Moscheen, Kirchen und Synagogen, die hier auf engstem Raum nebeneinander stehen. Nein, Sarajevo ist nicht Klein-Jerusalem, Sarajevo ist Sarajevo. Viele sagen heute aber, dass Sarajevo nicht mehr das sei, was es einmal war.

Mit dem Bosnien-Krieg sei hier eine ganze Welt untergegangen, klagen viele. Bosnien-Herzegowina und vor allem diese Stadt sei die jugoslawischste des ehemaligen gemeinsamen Landes der Südslawen gewesen. Trotz Freundschaften, wie es sie immer noch gibt, wie eben zwischen Mario und Ismar. Einst lebten die Leute nicht nur nebeneinander, die nationale und religiöse Vielfalt und der antifaschistische, jugoslawische Pathos dieser 300.000-Einwohner-Stadt sollten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hier eine spezifische Mischung befördern, die die Entstehung einer Jugend- und Popkultur begünstigen sollte, die den gesamten Balkan und sein Bild in der Welt prägten. Es war der Sukkus des guten Jugoslawiens, Sarajevo war die Heimatstadt von Künstlern, die weltweit berühmt werden sollten, wie etwa der umstrittene Regisseur Emir Kusturica und der Musiker Goran Bregovic´. Das, was diese Stadt einst hatte, ist nahezu vollkommen zerstört. Sarajevo heute ist nicht mehr multikulturell, wie es einst war. Und die Schuld dafür trägt der Krieg.

So wie im gesamten Land hat sich die Struktur der Bevölkerung auch hier radikal verändert. Wegen ethnischer Säuberungen und Vertreibungen gab es massive innerbosnische Wanderbewegungen, die auch Sarajevo betreffen. Viele Menschen, die heute hier leben, kamen während des Krieges von woanders her, heute leben hier fast ausschließlich muslimische Bosniaken und einige wenige katholische Kroaten. So wie überall, wo es Neuankömmlinge gibt, klagen Alteingesessene, auch wenn die Zuwanderer aus der unmittelbaren Umgebung kommen, das ist auch hier nichts Neues. Die Bevölkerungsstruktur hat sich jedoch nicht deswegen verändert, weil die muslimischen Bosniaken die anderen vertrieben hätten. Vielmehr sollten serbische Streitkräfte die Stadt nahezu vier Jahre lang belagern, 1425 Tage, um genau zu sein. Eingekesselt in Sarajevo blieben muslimische Bosniaken und katholische Kroaten, die letzteren waren ohnehin die kleinste Gruppe der Stadt, wie auch im gesamten Land. Diese Menschen erlebten den Horror ihres Lebens, Babys wurden während der Belagerung geboren, Kinder wurden zu Erwachsenen, 11.541 Menschen wurden während der Belagerung getötet. Unter Kugelhagel galt es zu überleben, oft, indem man die Sniper überlistete, die Kinder, Frauen, Jungs, alles, was sich bewegte, im Visier hatten, wie auf der Jagd. Davon zeugt bis heute die so genannte Sniper Alley, ein zerschossener Straßenzug, der die damalige Front markierte.

Sarajevo bildet keine konzentrischen Kreise wie andere Städte, Sarajevo ist länglich. Die Viertel schichten sich nach Epochen, je mehr man gen Osten vordringt, desto mehr geht es zurück in die Vergangenheit. Zunächst sind die Neubausiedlungen aus der Zeit Jugoslawiens zu sehen, dann kommt der Teil mit den Gebäuden der k.u.k. Periode, große Verwaltungsgebäude, Gründerzeithäuser. Und schließlich die Altstadt mit dem alten Bazar, der aus der osmanischen Zeit dieses Landes zeugt. Jede bosnische Stadt nennt ihren Ortskern den Bazar, die Einkaufsstraße C˘ars˘ija. Aber nur Sarajevo hat die Mutter der C˘ars˘ijas - die Bas˘c˘ars˘ija. Es ist eine Altstadt mit schmalen Gässchen und niedrigen osmanischen Pavillons, hier existiert traditionelles Handwerk neben Souvenir-Läden mit orientalischem Nippes, Kannen, Kugelschreiber, die aus Patronenhülsen gefertigt wurden, T-Shirts mit dem Konterfei des jugoslawischen Staatsgründers Tito und Vukovic, das Wolfsmaskottchen der Olympischen Winterspiele 1984, die hier in Sarajevos umliegenden Skigebieten stattgefunden haben, ein Ereignis, an das man sich hier gerne erinnert. Hier wird türkischer Kaffee geschlürft, Alkohol wird seit neuestem kaum noch ausgeschenkt. Die Touristen kommen jedenfalls wieder, ein bisschen Kriegstourismus, ein bisschen Orientalismus. Sie bestellen C´evapc˘ic´i von Blechtabletts in löchrigem Fladenbrot, lepinja, mit fein gehackter Zwiebel und machen große Augen, wenn der Fleischberg nur mit einer Gabel serviert wird.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau