Bosnien 20 Jahre nach Dayton - Reise in ein GETEILTES LAND

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Der Friede von Dayton wurde zu einem hohen Preis erkauft. In Bosnien und Herzegowina herrschen heute alte Ressentiments und instabile Zustände.

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Der Friede von Dayton wurde zu einem hohen Preis erkauft. In Bosnien und Herzegowina herrschen heute alte Ressentiments und instabile Zustände.

Es dauert nicht lange, bis die Spuren des Krieges in Bosnien-Herzegowina auf einen Schlag wieder sichtbar werden. Kurz nach Überquerung des Flusses Sava an der kroatisch-bosnischen Grenze reihen sich in der Gemeinde Bosanski Brod entlang der Schnellstraße nach Doboj unzählige zerstörte Häuser nebeneinander, die auch zwei Jahrzehnte nach Kriegsende nicht wieder aufgebaut wurden.

Zwischen 1992 und 1995 versank Bosnien-Herzegowina in einem blutigen Bürgerkrieg, in dem sich zuerst eine bosniakisch-kroatische Koalition mit den bosnischen Serben militärisch bekriegte, später jedoch alle drei Kriegsparteien im Land gegeneinander kämpften. Die Folge waren 120.000 Tote, über zwei Millionen Vertriebene, ethnische Säuberungen, Konzentrationslager, Massenvergewaltigungen und das Massaker von Srebrenica.

Zwanzig Jahre ist es her, dass mit dem Abkommen von Dayton, das unter starkem amerikanischen Druck zustande kam, das dreieinhalbjährige Blutvergießen in Bosnien offiziell beendet wurde (siehe rechts). Die mangelnde Kooperation der Ethnien bedeutet im gesamten Staat kategorisch Stillstand, Korruption und Vetternwirtschaft. Doch das größte Problem stellen auch weiterhin die Abneigungen der Volksgruppen untereinander dar.

Der lange Schatten des Krieges

Viele der ehemaligen kroatischen Bewohner der Gemeinde Bosanski Brod sind nach dem Krieg nicht mehr zurückgekehrt und blieben in Kroatien, wie etwa der 33-jährige Fernfahrer Joso. Er lebte als Kind mit seiner Familie in Bosnien, heute kann er sich nicht mehr vorstellen, zurückzukehren und besucht nur gelegentlich Verwandte, die noch hier leben. "Ich werde meine Kinder nicht unter Serben großziehen", sagt er voller Verachtung. "Wir gehören nach Kroatien, in Bosnien sehe ich keine Zukunft."

Tatsächlich wanderten in den vergangenen Jahren überproportional viele bosnische Kroaten ab. Ein ähnliches Bild bietet sich in der Herzegowina, wo sich Bosniaken und Kroaten immer noch hasserfüllt gegenüberstehen. Auch wenn in Mostar die namensgebende, und im Krieg zerstörte, alte Brücke (stari most) seit 2004 den kroatischen und bosniakischen Teil, westlich und östlich der malerischen Neretva, wieder vereint, bleibt die Stadt in den Köpfen der Menschen weiterhin geteilt.

In dem kleinen Ort Novo Selo besteht für Rückkehrer ein ganz anderes Problem. Das Dorf lag einst inmitten der kroatisch-serbischen Frontlinie und noch immer stellen Blindgänger und nicht explodierte Clusterbomben eine ernstzunehmende Gefahr für die Bevölkerung dar. Heute wirkt Novo Selo wie eine Geisterstadt: Gespenstisch leer und verlassen. Nur wenige Häuser sind intakt, landwirtschaftliche Grundstücke werden kaum bestellt.

Elvir Omerovic, ein Entminungsspezialist der Norwegischen Volkshilfe, fasst die Situation nüchtern zusammen: "Für Kinder ist die Gegend lebensgefährlich. Kein Wunder, dass niemand hierher zurückkehren will." Das Entminungsteam bereitet eine kontrollierte Sprengung vor. "Wir haben einen Blindgänger entdeckt, der zu instabil ist, um ihn woanders zu sprengen", erläutert der Spezialist die heikle Situation. Ältere Dorfbewohner in den umliegenden Häusern werden evakuiert. Eine lästige, aber längst zur Routine gewordene Übung. Dann ein lauter Knall: Die Sprengung war erfolgreich. Ob die Eigentümer der Grundstücke nach Abschluss der Räumungsarbeiten zurückkehren werden, bleibt indes ungewiss.

In einer kleinen Sporthalle in Doboj umzingeln ein halbes Dutzend Volleyballspieler ihren Teamchef Zoran Panic und lassen ihn laut hochleben. Der "Odbojkaski Klub Invalida Doboj" hat soeben die gegnerische Mannschaft haushoch geschlagen, die Spieler lassen ihren Emotionen freien Lauf.

Zoran Panic kämpfte während des Krieges in der Armee der Republika Srpska. Irgendwann trat er auf eine Mine und verlor einen Teil seines Beines. Wie ihm erging es vielen Männern in Doboj. "Nach dem Krieg wurde mir bewusst, wie viele von uns ihre Beine verloren hatten", erinnert sich Panic. Danach beginnt er für die landesweite "Initiative für Landminenopfer" zu arbeiten, wenig später gründet er in seiner Heimatstadt einen Volleyballverein für Beinamputierte. Zoran Panic kümmert sich in der Republika Srpska um alle Minenopfer, ein vertrautes Verhältnis hat er auch zum Bosniaken Amir Jusicic, dessen Schicksal sich vom Rest der Männer in Doboj unterscheidet.

Als der Krieg ausbrach, wurde der muslimische Mann zwangsrekrutiert, um an vorderster Front Gräben auszuheben, irgendwann trat er auf eine Mine und verlor sein Bein. "Amir hat nie offiziell in einer Armee gedient. Daher erhält er vom Staat kaum Unterstützung", berichtet Zoran Panic über das Schicksal des Mannes. Ob Jusicic im Volleyballklub keine Aufnahme findet oder aus eigener Überzeugung lieber fernbleibt, lässt Panic offen. Eines sei jedoch klar: "Es ist sehr schwierig für ihn, hier unter all den Menschen zu leben, die ihn einst als Feind betrachteten."

Mitra Trifkovi´c, 70 Jahre alt, lebt in der Gemeinde Vukosavlje und hat nur einen Wunsch, bevor sie stirbt: Sie will, dass der Leichnam ihres Sohnes gefunden wird. "Seit Kriegsende vermisse ich meinen Jungen, und niemand kann mir sagen, wo er ist", berichtet die alte Frau. Ihr Sohn kämpfte in der Armee der Republika Srpska und wurde von bosniakischen Soldaten gefangengenommen. "Sie haben ihn wohl getötet und anschließend irgendwo vergraben", sagt sie voller Trauer. Wie viele Serben sieht sich die Frau in der Aufarbeitung ihrer Trauer alleingelassen und ist der Überzeugung, dass international nur den serbischen Verbrechen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dass zwei Drittel der in Massengräbern entdeckten Toten Bosniaken sind, kann für die trauernde Mutter nicht als Erklärung dienen, warum man ihren Sohn noch immer nicht gefunden hat. Beim ICMP, dem Internationalen Komitee für vermisste Personen, ist man sich bewusst, dass immer noch tausende Menschen vermisst werden.

Völkermord Ende des 20. Jahrhunderts

"Bislang konnten wir fast 20.000 Leichen aus den Kriegen identifizieren", berichtet Dragana Vucetic, forensische Anthropologin beim ICMP, "knapp 7000 davon können dem Massenmord in Srebrenica zugeordnet werden." Am 11. Juli 1995 überrennen bosnische Serben unter Führung von Ratko Mladi´c die UN-Schutzzone. Noch am selben Tag wurden Männer und Jungen von Frauen und Kindern getrennt, um schließlich in der Umgebung von Srebrenica systematisch exekutiert zu werden.

Mindestens 8372 Menschen wurden Opfer des mittlerweile als Völkermord titulierten Massakers. "Die Toten von Srebrenica haben wir in über 300 verschiedenen Massengräbern entdeckt", berichtet Vucetic. Viele Serben kritisieren, dass "ihre" Opfer vergessen wurden, denn auch bosniakische Soldaten der Enklave Srebrenica unter Führung des Kommandanten Naser Ori´c ermordeten wiederholt serbische Zivilisten.

Ein instabiler Frieden

Nur eine lückenlose Identifizierung aller Kriegsopfer und eine restlose Aufarbeitung aller Verbrechen können den Aussöhnungsprozess in Bosnien vorantreiben. Gegen Naser Ori´c wurde ein Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen ausgestellt, vergangenen Juni wurde er in der Schweiz verhaftet, einem Auslieferungsantrag von Bosnien-Herzegowina wurde zugestimmt. Die einstigen Führer der bosnischen Serben, Ratko Mladi´c und Radovan Karadzi´c, die Schlächter von Srebrenica, sitzen seit Jahren in Den Haag in Haft. Ihre endgültigen Verurteilungen werden für kommendes Jahr erwartet.

Wie instabil der Frieden im Land ist, zeigen die immer wiederkehrenden nationalistischen Töne. So forderte der bosnische Serbenpräsident Milorad Dodik erst kürzlich wieder ein Referendum über die Unabhängigkeit des serbischen Landesteils. Dass die Mehrheit der Bevölkerung der Republika Srpska diese Idee unterstützt, steht außer Frage.

Hinzu kommt die Problematik, dass radikale Islamisten in bosnischen Bergdörfern wie Gornja Mao cas, regelrechte Rekrutierungsstellen für die Terrormiliz des "Islamischen Staates" geschaffen haben. Vergangenen April erschoss ein Mann, der einige Zeit in einem der Dörfer verbracht haben soll, unter "Allahu Akbar"-Rufen im ostbosnischen Zvornik einen serbischen Polizisten.

Gerade solche tragischen Ereignisse werden für nationalistische Rhetorik missbraucht. Viel zu lange hat Europa die Probleme in einem Bosnien nach Dayton ignoriert und auf einer längst nicht mehr zeitgemäßen Ordnung im Land beharrt. Im ureigensten Interesse muss dem Vielvölkerstaat wieder vermehrte Aufmerksamkeit zukommen, sonst droht aus dem brüchigen Frieden rasch wieder ein offener Konflikt zu werden.

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