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Den Winter hätten viele nicht überlebt

dieFurche: Wie entstand Ihre Aktion, und worin bestand Ihre Hilfe?

Doraja Eberle: Zu zweit haben wir uns auf den Weg gemacht, und jemand hat uns in ein Gebiet in der Nähe von Zagreb geführt: eine von der Umwelt abgeschnittene Enklave, in der 2.000 Bauern lebten. Alles völlig kaputt. Auf unsere Frage, was sie am meisten brauchen, kam die Antwort: "Ein Dach über dem Kopf." Zu Hause beschlossen wir: Wir versuchen, den Menschen dort Holzhäuser hinzustellen. Mein Mann und ich haben ausgerechnet, was das kosten könnte, und an 100 Personen einen Brief geschrieben, daß wir Holzhäuser für Kroatien bauen würden. Kosten für ein Haus: 56.000 Schilling. Das war im November. Als erstes haben sich die Bauern von Siezenheim gemeldet. Daher nennt sich unsere Aktion auch "Bauern helfen Bauern". Und zu Weihnachten sind wir mit den ersten drei Häusern hinuntergefahren.

dieFurche: Ist es bei der Lieferung von Häusern geblieben?

Eberle: Ganz und gar nicht, obwohl wir nebenbei bemerkt bis heute 186 Häuser gebaut haben - ohne öffentliche Unterstützung. Ein Dach überm Kopf allein reicht nicht. Noch während des Krieges, direkt an der Frontlinie, haben wir versucht, den Leuten zu helfen, als Bauern zu überleben. Erste Aufgabe: Die Gärten entminen. Wir bekamen ein Minensuchgerät geschenkt. Es fiel damals noch unter das Waffenembargo. Also mußten wir schmuggeln. Sehr aufregend. Die nächste Aktion neben dem Häuserbau, war die Anlieferung von Saatgut. So konnten sie wenigsten, was das Gemüse betrifft, autark leben. Im Gefolge haben wir landwirtschaftliche Geräte hinuntergebracht und schließlich auf örtlichen Märkten Nutztiere eingekauft. Klarerweise haben wir auch für die Einrichtung der Häuschen gesorgt: Öfen, Matratzen, Bettwäsche ...

dieFurche: Wieviele wurden versorgt?

Eberle: Sieben Dörfer. Die Entscheidung, wer jeweils das nächste Haus bekommt, haben wir den Ortsgemeinschaften überlassen. Interessanterweise haben sie sich schon beim zweiten Mal geeinigt, eine Kapelle zu bauen. Das hat uns sehr beeindruckt, weil es ihnen wirklich schlecht ging. Heute - inzwischen haben wir sechs Kapellen gebaut - wissen wir auch warum: Die Kapelle war ein Zentrum, wo man zusammenkommen konnte. So komisch es klingt: Serben, Moslem und Kroaten treffen sich inzwischen in diesen Kapellen.

dieFurche: Aus wievielen Leuten besteht heute das Team?

Eberle: Von 1991 bis 1993 waren mein Mann und ich ziemlich allein auf weiter Flur. Damals war ich fast jede Woche dort. Um nicht allein zu sein, nahm ich jeweils einen oder zwei Freunde mit. Wertvoll war dabei die Erfahrung, in Gemeinschaft zu helfen. Wir erinnerten uns an das Wort Christi: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen. 1994 war ich am Ende meiner Kräfte. Die Sache war einfach zu groß geworden ...

dieFurche: Was heißt groß?

Eberle: Naja, bis heute haben wir 600 Lkws hinuntergeführt. 1994 waren es vielleicht 300. Das alles selber abzufertigen, zu schauen, daß alles richtig verteilt wird, beim Häuserbau dabei sein ... Aber auch seelisch war es belastend ... Im November 1994 habe ich Freunde zu Hilfe gerufen. Es war die Geburtsstunde unseres heutigen Teams. Wir sind damals 40 Mann hoch mit 18 Lkws hinuntergefahren, unser größter Transport. Und diese 40 sind bis heute treu geblieben. Wir sind zum ersten Mal in ein neues Gebiet gefahren in Westslawonien. Noch nie vorher hatte ich gesehen, daß Menschen unter so jämmerlichen Bedingungen leben.

dieFurche: Wieviele Orte wurden bisher überhaupt betreut?

Eberle: Wir haben bisher drei Projekten jeweils eineinhalb Jahre die Treue gehalten. Wir bleiben so lange, bis alle das Gefühl haben, daß die örtliche Bevölkerung ohne Hilfe weiterkommt. Mittlerweile haben wir folgendes System entwickelt: Für jeden Ort - bei unserem zweiten Einsatzgebiet waren es zehn - ist einer von uns hauptverantwortlich und drei andere helfen ihm. Es ist immer ein Übersetzer dabei. Der Verantwortliche nimmt Kontakt mit jeder Familie auf. Notiert alles: Schuh- und Kleidergröße, Sorgen und Leid. Jede Familie bekommt eine Patenfamilie, derzeit sind es über 500. Diese machen alle zwei Monate für ihre Familie Pakete. So ist die Hilfe sehr persönlich. Auf diese Weise fällt sowohl das Geben als auch das Nehmen leichter.

dieFurche: Brauchen denn die Menschen immer noch Hilfe?

Eberle: Also bei unserem neuesten Projekt in Bosnien kann man sagen, daß die Hälfte der Menschen ohne unsere Hilfe nicht leben könnten. Wir bringen jeweils ein Lebensmittel- und ein Hygienepaket. Wir notieren aber auch "Sonderwünsche". Übrigens bittet uns niemals jemand um Geld. Jetzt in Bosnien betreuen wir erstmals Heimkehrer. Von den 10.000 Gebäuden dort sind 8.000 verbrannt und 2.000 sind desolat, die Bewohner geflüchtet. Dorthin sind 6.000 Menschen "zurückgekehrt". Es gibt in der gesamten Enklave keinen Arbeitsplatz. Alle Fabriken sind zerstört. Die Landwirtschaft liegt am Boden.

dieFurche: Selbst jetzt, da es schon einige Jahre Frieden gibt, sind die Zustände so jämmerlich?

Eberle: Bisher haben wir dort elf Häuser gebaut, und nächste Woche sind es weitere vier. Gebe Gott, daß wir wieder Gönner dafür finden. Im September erkannten wir, daß einige Menschen - rund elf Familien - ohne unsere Hilfe den Winter nicht überleben würden. Sie hausten ohne Ofen, ohne Fenster, ohne Türen. Diesmal versuchen wir, nicht alles hier zu fabrizieren, sondern möglichst viel unten zu kaufen. In der republika srpska habe ich ein Sägewerk entdeckt, das relativ billig ist. Daß die Serben für den bosnischen Teil arbeiten, herüberkommen und mit ihren "Feinden" zusammenarbeiten, ist auch ein kleiner Beitrag zum Frieden. Hier kümmern wir uns um neun Orte und eine Stadt. Allerdings können wir nicht 6.000 Leute betreuen und von Haus zu Haus die Bedürfnisse aufnehmen. Diesmal haben wir uns an die sechs Priester der Enklave gewandt. Sie haben uns die Namen der Ärmsten gegeben. Wir haben sie erfaßt und helfen ihnen.

dieFurche: Also keine Rede von Normalisierung ...

Eberle: In Bosnien gibt es zwei Millionen Personen, die "nach Hause" geschickt wurden, aber nicht in ihre Heimat, in ein anderes Gebiet, eine andere Wohnung ... Sie sind zum zweiten Mal Flüchtlinge geworden. Heute ist alles schlimmer als vorher. Im Krieg gab es noch Zusammenhalt. Jetzt, wo der Krieg aus ist, geht auch das verloren. Die Menschen, die im Land ausgeharrt haben, sind nicht "heiß d'rauf", daß sie mit jenen, die im goldenen Westen waren, das Wenige, was noch übrig ist, teilen müssen. Die Heimkehrer landen in einem Umfeld, wo man nicht einen Schilling verdienen kann, wo es keine Kuh, also auch keine Milch, kein Benzin gibt ... Es ist dramatisch.

dieFurche: Wie ist die psychische Verfassung der Menschen?

Eberle: Besonders schlimm ist die Situation bei den Männern. Tiefe Depressionen sind an der Tagesordnung und sehr viel Alkoholismus. Sie sitzen den ganzen Tag herum, haben nicht das primitivste Werkzeug, um den Lebensraum zu gestalten, keinen Hammer, keine Nägel. Nichts. Die Frauen halten das Ganze noch irgendwie zusammen. Sie sind die ersten, mit denen man in Kontakt kommt. Nur sie sind es, die auch noch lachen, danken können. Viele meinen mit "Nachbar in Not" hätten wir in Österreich ohnedies genug getan. Jetzt sollen sie sich endlich selber helfen. Das tut mir weh. Ich möchte zu bedenken geben: Die Menschen kommen zurück in ein Land, in dem 68 schwerste Kriegsverbrecher mitmischen, ja noch die Zügel in den Händen haben. Daher werden auch heute Menschen wegen ihrer Religion und ihrer Nationalität umgebracht. In Dubrovnik kann man zwar Eiskaffee trinken, aber eine Stunde weiter im Hinterland ist die Situation dramatisch. Der Krieg kann morgen wieder losgehen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person: Sie hat von zu Hause eine soziale Ader mitbekommen Aufgewachsen in einer Familie mit 10 Kindern hat Doraja Eberle von zu Hause "eine soziale Ader mitbekommen". 15 Jahre lang war sie in Salzburg als Sozialarbeiterin tätig, hauptsächlich für schwererziehbare und drogenabhängige Mädchen. Seit 18 Jahren ist sie "glücklich, sehr glücklich, verheiratet" ("Ohne meinen Mann könnte ich all das nicht machen - und wollte es auch nicht"). 1988 hat sie "zwei prachtvolle Kinder von der Mutter Teresa bekommen" (siehe Bild). Um die Transporte kostengünstig durchzuführen, haben das Ehepaar Eberle und ihre Helfer den C-Führerschein gemacht: "Übrigens haben wir zwei Lastwagen geschenkt bekommen - testamentarisch von einem Pfarrer". Bis heute ist es ihnen gelungen, als Hilfsorganisation weder ein Büro, noch einen Angestellten zu haben: "Kein Spendenschilling ist in die Administration gegangen."

Bauern helfen Bauern Doraja und Alexander Eberle, Prötschhofstr. 12, 5082 Grödig, Tel: 06246 73408, Fax: o6246 75867

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