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"Unternehmer zu sein, ist der schönste Job"

1945 1960 1980 2000 2020

Mega-Fusionen und Sterben der Kleinunternehmen: In diesem scheinbar widrigen Umfeld hat "Geiger-Moden", ein Tiroler Textilunternehmen, noch dazu ein Familienbetrieb, internationalen Erfolg. Und dabei nimmt sich Firmeninhaber Hansjörg Geiger den mittelalterlichen Handwerker zum Vorbild!

1945 1960 1980 2000 2020

Mega-Fusionen und Sterben der Kleinunternehmen: In diesem scheinbar widrigen Umfeld hat "Geiger-Moden", ein Tiroler Textilunternehmen, noch dazu ein Familienbetrieb, internationalen Erfolg. Und dabei nimmt sich Firmeninhaber Hansjörg Geiger den mittelalterlichen Handwerker zum Vorbild!

dieFurche: Nach welchen Grundsätzen richten Sie ihre Geschäftspolitik aus?

Geiger: Im Grunde genommen eine ganz simple. Ich betreibe mein Geschäft so, daß ich es nur Stück um Stück erweitere. Ich schaue darauf, daß alles was ich tue, finanziell vertretbar ist. Wer Gewinne macht und dabei seine Steuern zahlt, kann die Eigenkapitalbasis erhöhen. Heute gehen viele auf den Aktienmarkt, managen Konzerne, schauen darauf, das eigene Geld ins Trockene zu bringen. Was hinterher passiert, ist dann meist egal. Wenn man es selbst nicht mehr "derschnauft", fusioniert man halt. Mein Vater hatte zu seiner Zeit wahnsinnige Geldsorgen. Trotzdem ist der Betrieb in der Familie geblieben. Für mich sind die mittelalterlichen Handwerkmeister Vorbild. Sie haben das, was gebraucht wurde, für ihre Kunden produziert, sie haben Lehrlinge ausgebildet, aus denen dann Gesellen wurden, sie haben dafür gesorgt, daß das Handwerk vom Vater auf den Sohn überging. Diese jahrtausendalte Notwendigkeit, nämlich die Fortsetzung der Familie, ist das Um und Auf, um so etwas zu bewerkstelligen. Unsere Firma ist nach wie vor zu 100 Prozent im Eigentum der Familie. Unsere drei Kinder und natürlich meine Frau sind in den Betrieb eingebunden.

dieFurche: Wovon hängt Ihrer Meinung nach heute eigentlich geschäftlicher Erfolg besonders ab?

Geiger: Man braucht, um erfolgreich zu sein, vor allem eine gute und solide Ausbildung. Ohne die geht gar nichts. Als Hersteller muß man wissen, wie die Dinge in der Produktion gemacht werden, wie organisiert, rationalisiert und mit Menschen umgegangen wird. Man muß wissen, wie man etwas verkauft, wie kalkuliert wird, wie man Werbung macht, wie man sich behauptet. Für mich ist diese Vielfalt der schönste Job der Welt. Unternehmer zu sein, ist das Kreativste, was ich mir vorstellen kann. Ich bin in einer Person Stricker, Schneider, Zuschneider, Programmierer, Organisator, Verkäufer, PR-Mann, Realitätenhändler und Bauherr. Das bedeutet nicht nur viel Arbeit, sondern auch ein hohes Maß an persönlicher Erfüllung.

dieFurche: Sie sind heute erfolgreich. War das immer so?

Geiger: Meine Großmutter hat in einem 33 m2 großen Raum mit sechs Leuten damit begonnen, Handschuhe, Mützen, Pullover und Schals zu stricken. Dazu kamen Ausbesserungsarbeiten. Es war ein handwerklicher Betrieb wie im Mittelalter. Mein Vater hat unseren Betrieb in den dreißiger Jahren aus einem Zwangsausgleich heraus wieder kaufen müssen. Dann ist der Krieg gekommen, und alles ist wieder "flöten" gegangen. Schritt für Schritt konnte unsere Firma in die fünfziger Jahr hinübergerettet werden. Ab dann ist es aufwärts gegangen. Heute exportieren wir unsere Produkte in fast jedes Land der nördlichen Halbkugel mit Ausnahme von Indien und Tibet. In Übersee belief sich unser Geschäftsvolumen vor 18 Jahren auf Null. Im laufenden Geschäftsjahr haben wir in den USA Umsätze von 150 Millionen Schilling. Insgesamt erwartet unsere Firma für das Geschäftsjahr 1997/1998, Umsätze in Höhe von 470 Millionen Schilling.

dieFurche: Die Textilbranche gilt als schwacher Wirtschaftszweig. Wieso dann diese Erfolge?

Geiger: Neben dem Vorteil eines sehr eigenständigen Modestils habe ich versucht, unsere Produkte für den Kunden auch erreichbar zu machen. Deshalb habe ich Zweigbetriebe in den USA, in Paris, London, Tokio, Osaka, New York, Moskau und jetzt auch in Wien gegründet. Die Zukunft liegt nicht nur in den großen Ketten, sondern auch in kleinen Spezialgeschäften, die Markenware anbieten. Spezialisten, die ihr Handwerk beherrschen, werden auch in Zukunft überleben. Dazu kommt, daß mein Betrieb in Zeiten, wo Umweltschutz noch ein Modewort war, ausschließlich naturbelassene Produkte erzeugte und die Firma durch Millioneninvestitionen auf den neusten technischen Stand gebracht wurde. Es ist heute sicher eine Rarität, daß wir alles unter unserem eigenen Dach produzieren. Das einzige was wir dazukaufen, ist der Stoff für Röcke und Blusen - auch da bemühen wir uns aber, nur hochwertiges Material zu verwenden. Das wird von unseren Kunden schließlich auch honoriert.

dieFurche: Viele Betriebe im Bekleidungs- und Textilsektor müssen heute aber zusperren ...

Geiger: Ja, man muß wissen, daß die Modebranche sehr grausam sein kann. Das kann sich vor allem auf Ausrüstungsbetriebe, Spinnereien, Webereien oder Druckereien auswirken. Wenn jemand Lodenstoff herstellt, und der Loden "geht" nicht mehr, ist er "weg vom Fenster". Wenn jemand eine Spinnerei besitzt und dort ein bestimmtes Garn produziert, das die Mode nicht mehr will, "steht" der Betrieb. Eine Kaschmir-Spinnerei, die von China keinen Kaschmir bekommt, "steht" ebenfalls. Ist man aber in der Lage, den Modetrends in irgendeiner Weise zu folgen, so geht es gut. Ich meine auch, daß man flexibel bleiben, also das erzeugen sollte, was auch verkauft wird. Heute kann ich nicht mehr sagen: "Ich bin Stricker, ich will dabei bleiben, auch wenn das Gestrickte nicht mehr gefragt ist." Außerdem ist wichtig, immer wieder neue Märkte zu finden. Wenn die Leute auf den neuen Märkten uns dann mögen, müssen wir sie auch - wie der Handwerksmeister im Mittelalter! - gut bedienen.

dieFurche: Kann man sagen, daß die EU-Mitgliedschaft ihren wirtschaftlichen Aktivitäten förderlich ist?

Geiger: Die EU ist ein Wahrheit gewordener Traum. Ich kann heute meine Kollektion nehmen und nach Spanien fliegen. Wenn wir bald auch in der gleichen Währung zahlen können, wird das der "Himmel auf Erden" sein. Es wird auch zu selten erwähnt, welch große Chancen die EU unserer Jugend bietet. Sie ermöglicht es ihr, in einem anderen Kulturkreis, in einer anderen Sprache arbeiten und leben zu dürfen! Mein Vater hat mich volontieren geschickt, weil er der Meinung war, daß man so am meisten lernt. Ich würde jedem Studenten heute dazu raten, sich gedanklich und auch praktisch schon während des Studiums mit dem künftigen Arbeitsbereich auseinanderzusetzen. Es scheint mir nämlich schwierig, sich erst mit 28 oder 30 Jahren und einem Abschluß in der Tasche der praktischen Frage der Berufswahl zu stellen.

dieFurche: Haben Sie für Ihr persönliches Leben einen Leitgedanken?

Geiger: Ich habe einmal den Spruch gelesen: "Das Beständigste im Leben ist die Veränderung." Ich sehe das Leben so. Auf Veränderungen sollten wir stets vorbereitet sein. Schwierigkeiten und Tiefschläge, die es auch in meiner Familie gegeben hat, haben wir durch die Hilfe unseres Herrgotts gemeistert. Für meine Familie und mich liegt der Sinn des Lebens im Glauben und im Evangelium. Das gibt uns Vertrauen in die Zukunft und die Kraft, schwierige Situationen zu meistern. Ich sage immer: "Nicht verzagt sein, wenn es einmal nicht so gut geht, aber auch nicht leichtsinnig werden, wenn's hinaufgeht."

Das Gespräch führte Angely Thierry.

Zur Person: Ein erfolgreicher Tiroler "Walk Man" Hansjörg Geiger wurde am 1943 geboren. Nach dem Realgymnasium in Innsbruck absolvierte er die Ausbildung zum Textil-Ingenieur an der Höheren Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie in Wien. Es folgten ein Abiturientenkurs an der Handelsakademie Innsbruck und ein Französisch-Studium an der Universite de Poitiers sowie Volontariate bei französischen Textilunternehmen.

1966 trat er als Angestellter in das Familienunternehmen ein, wurde 1969 Mitgesellschafter und übernahm 1974 die Leitung des von seiner Großmutter 1906 gegründeten und 50 Jahre lang von seinem Vater geleiteten Unternehmens. Dieses hat heute 350 Mitarbeiter, davon 280 in Tirol. Es beschränkt sich nicht mehr auf die Erzeugung von traditioneller Tracht, sondern ist heute auf modische Kleidung ausgerichtet. Geiger ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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