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Es entscheidet die Innovation

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Vernetzung ist ein Schlüssel zum erfolgreichen Bestehen der Landwirtschaft unter den schwierigen Gegebenheiten der neunziger Jahre.

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Vernetzung ist ein Schlüssel zum erfolgreichen Bestehen der Landwirtschaft unter den schwierigen Gegebenheiten der neunziger Jahre.

dieFurche: Sie sind Biobauer. Was hat Sie dazu geführt auf diese Form der Landwirtschaft umzusteigen?

Alois Tragler: Biolandwirtschaft betreiben wir schon zehn Jahre. Bei uns ist der Wunsch zur Umstellung auf "biologisch" von allen drei Kindern gekommen. Sie denken ökologisch wie zum Glück viele Jugendliche. Wir haben auch vorher schon auf unserem kleinen Acht-Hektar-Betrieb sehr ökologisch gewirtschaftet, hatten aber die offizielle Anerkennung noch nicht. Seit eh und je hatten wir eine Riesenabneigung gegen die agrarindustrielle Welle, die unser Land bis zur Unkenntlichkeit negativ verändern würde. Darum haben wir in dieser Region eine riesige biologische Welle losgetreten, wir haben hier überdurchschnittlich viele Biobauern. Dann sind wir einen Schritt weiter gegangen: Märkte aufzubauen und Konsumenten zu gewinnen, damit auch Absatz für unsere Produkte da ist.

dieFurche: Acht Hektar: Das ist für EU-Verhältnisse ein Minibetrieb. Wird Ihr Sohn eine so kleine Wirtschaft übernehmen?

Tragler: Ich sehe heute eine große Krise, ein Jahrhundertereignis. Eine Zeitbombe tickt, wenn wir die Bauern in Scharen verlieren, weil sie in diesem "Wachsen und Weichen"-Prozeß nicht mitkommen können und wollen. Wo der Wettbewerb tobt, scheidet jede Menge Bauernkinder aus. Sie suchen sich einen Job. Bei uns hat der Sohn Landwirtschaft studiert, er ist auf der gleichen Wellenlänge und hat damit eine Motivation zum Weiterführen eines biologischen Kleinbetriebs und auch realistisch Einkommen daraus zu erzielen. Allerdings macht er eine 50-Prozent-Tätigkeit als Geschäftsführer von unserem regionalen Bioverband "Hofmarke". Ich selbst war 50 Prozent Lehrer und 50 Prozent Bauer. Wichtig ist, daß man die Arbeit schafft und das gewünschte Einkommen erzielt, beides ist in dieser Form möglich.

dieFurche: Sie sprachen von Initiativen zur Förderung des Absatzes von Bioprodukten. Welchen Erfolg hatten Sie damit?

Tragler: Wir haben aufgrund von Initiativen des in Schlierbach beheimateten Vereins "Spes" in unserer Region pilotartig viele Projekte gestartet, etwa Märkte wie den Schlierbacher Bauernmarkt oder den Kirchdorfer Bauernladen. Weiters fährt ein Biomobil mehrere hundert Haushalte in Wien, Salzburg oder Linz an. Marktstände bei Fleischhauern und Dorfgeschäften wurden eingerichtet. Wir haben eine eigene Marke mit kontrollierter Qualität, die "Hofmarke", gegründet. Man muß ganz schön dahinter sein, daß man Märkte erschließt. Werbung genügt da nicht. Vorangehen muß eine breit angelegte Bewußtseinsbildung.

dieFurche: Kann man von der biologischen Landwirtschaft auch im Vollerwerb leben?

Tragler: Es ist nicht eine Frage der Hektare, sondern eher der Innovation. Wenn ein Bauer nur Rohstoffe erzeugt, hat er etwa zehn Prozent vom Lebensmittelpreis für seine Wertschöpfung. Veredelt er die Produkte, hat er 60 Prozent, weil das viel Arbeit ist. Wenn er vermarktet, hat er 30 Prozent. Also 100 Prozent, wenn wir bis zum Konsumenten vermarkten! Wir müssen in die Wertschöpfung hinein, in wertvolle Produkte, die einen etwas anderen Preis haben, als ihn der Weltmarkt bietet.

Das Geheimnis liegt nicht nur in den Einnahmen, sondern in den Ausgaben. Jetzt zum Beispiel, da wir hier sitzen, wird in meiner Wiese geheut: Es macht ein Bauer, der einen großen Traktor mit Mähwerk hat und die Wiese schon kennt. Das macht immer der gleiche, er gehört zum Maschinenring, den wir mitgegründet haben. Wir haben also unseren Hof und besitzen bis heute keinen Traktor! Wir brauchen auch keinen. Wenn gemäht ist, fahre ich nachmittags noch einmal mit dem Traktor - den ich mir dann ausleihe. Und Samstag am Nachmittag führen wir das Ganze mit einem anderen Bauern mit dem Ladewagen zu uns.

dieFurche: Damit sind Sie aber entscheidend auf Kooperation angewiesen.

Tragler: Man muß sich halt vernetzen: Das funktioniert natürlich nur bei jenen, die kooperieren können - und das ist wieder eine geistige Herausforderung. Die tägliche Stall- oder die Hausarbeit kann ich nicht vergeben, das muß ich selber machen, nicht aber die sporadischen Arbeiten draußen. Wir sind viel zu klein, um zu mechanisieren. Das muß man auch zum Thema machen, aber da sind wir in Österreich Gott sei Dank schon sehr weit, weil die Maschinenringe in allen Bundesländern sehr gut funktionieren.

dieFurche: Aber dennoch geben so viele Bauern auf. Sie sagen, es rentiert sich einfach nicht mehr, die Landwirtschaft habe keine Zukunft.

Tragler: Lebensqualität entsteht, wenn der Sachbereich, das Materielle nicht übermäßig betont wird. Diese Sichtweise hat unsere Bemühungen sehr stark bestimmt, vor allem bei der Frage der bäuerlichen und ökologischen Landwirtschaft. Da ist es uns nicht in erster Linie darum gegangen, wie wie man rasch mehr Geld verdienen kann, sondern darum, den richtigen Kurs zu steuern. In jedem Projekt stand die Frage nach der Ausgewogenheit von Sinn, Beziehung und Sache im Zentrum der Überlegungen: um Erfolgserlebnisse im Einklang mit der Natur, mit den Tieren und mit der Gemeinschaft. Deshalb haben wir auch Fuß fassen können, weil uns die Beziehung mit den Konsumenten wichtig war. Wenn meine Frau schon über zehn Jahre beim Bauernmarkt steht, so nicht deshalb, weil sie dort viel verdient, sondern weil eine gute Beziehung zu den Konsumenten ein Erfolgserlebnis ist. Wichtig ist, daß wir uns wieder an etwas freuen, bei dem wir nicht nur die Rechnung anschauen. Diese Motivation hat, wie erwähnt, vieles losgetreten.

dieFurche: Aber wirtschaftlich müssen sich die Projekte doch auch rechnen ...

Tragler: Wenn man ökologisch denkt und nicht unter Druck steht, fallen einem so viele Dinge ein, die in der Region möglich sind. Man muß nur eigenverantwortlich aktiv werden und Gemeinschaften bilden. Ich nenne da beispielsweise die Biogasanlage, die zusammen mit dem Stift Schlierbach errichtet wurde, oder die "Geflügel GesmbH", eine bäuerliche Initiative, die selbst den Absatz in die Hand nimmt. Zusammen mit dem Wiener Tierschutz haben wir einen Wien-Vertrieb aufgebaut. Zu nennen sind auch die Maschinenringe, die (Futter)Mischgemeinschaften. Insgesamt haben wir bisher 40 verschiedene Projekte gemacht: Hackschnitzelheizungen, auch Innovationen wie die "Kremstaler Weidegans" oder das "Biowildhendl", die Lammfleischerzeugung, die Holzveredelung, Urlaub am Bauernhof, das zukünftig geplante Bio-Feriendorf ...

Ing. Alois Tragler ist Biobauer, war Lehrer an der Landwirtschaftsschule in Schlierbach und ist Obman von "Spes". Mit ihm sprach Wolfgang Baaske.

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