#

Die lebende Fabrik

Fleisch - © Foto: APA / DPA / A3634 Friso Gentsch
Politik

Intransparenz mit System

1945 1960 1980 2000 2020

Über unseren Teller können wir die Welt gestalten – wenn wir wissen, was darauf landet. Doch genau dieses Wissen wird uns Konsumenten häufig verwehrt. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Über unseren Teller können wir die Welt gestalten – wenn wir wissen, was darauf landet. Doch genau dieses Wissen wird uns Konsumenten häufig verwehrt. Ein Gastkommentar.

Es gibt wenig, womit wir uns so intensiv beschäftigen wie mit unserer Ernährung. Oft unbewusst. Mindestens dreimal täglich, ein Leben lang. Und doch wissen wir kaum etwas über die Herkunft unserer Lebensmittel oder ihre Erzeugung. Das ist das Resultat einer Entfremdung. Heutzutage wissen wir so gut wie nichts mehr über die Realitäten der heimischen Bauern und der Erzeugung von Nahrung. Und wenn man den Fernseher einschaltet, dann sieht man höchstens das Werbe-Idyll des 19. Jahrhunderts. Mit sprechenden Schweinen, glücklichen Kühen auf saftigen Almen und zufriedenen Landwirten, die im Kreise der Familie den ganzen Tag im Einklang mit den Tieren und einer intakten Natur verbringen können. Schön wär’s. Die Realität sieht leider auch in Öster reich gänzlich anders aus. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft stirbt, die Größe der Betriebe wächst kontinuierlich.

Durchhalten können nur jene, die beständig wachsen. Das kostet Geld. Wer konventionell produziert, der muss den Ertrag steigern. Also mehr Tiere und mehr Leistung. Die Schweinebranche ist da ein anschauliches Beispiel: Im Jahr 2000 gab es noch mehr als doppelt so viele Schweinebauern wie heute, von rund 64.000 sank ihre Zahl auf knapp 26.000 im Jahr 2016. Dafür werden heute im Schnitt mehr als fünfmal so viele Schweine pro Betrieb gehalten wie noch 1991 – nämlich 119 Stück. Nur 2,6 Prozent der Schweine leben in Bio-Haltung, der Rest lebt konventionell. Konventionell, das bedeutet übrigens nicht gut. Es bedeutet ein Leben auf Vollspaltenböden, die krank machen. Es bedeutet betäubungslose Ferkelkastration, von der Veterinärmediziner sagen, dass sie sich anfühlt, als würde man ohne Betäubung einer Wurzelbehandlung unterzogen. Und es bedeutet: gefüttert mit genmanipuliertem Regenwald-Soja. Über 600.000 Tonnen werden jährlich nach Österreich importiert, der Großteil landet in der heimischen Schweinemast. Für den Anbau dieses Sojas wird der Regenwald brandgerodet. Die hochaktuelle Debatte um den Verlust unserer grünen Lunge am Amazonas schließt also direkt an unserer Ernährung an, doch sie findet in der Regel nicht den politischen Anschluss. Noch nicht.

Wir wollen wissen, was wir essen

Mit einer neuen Kampagne möchte sich das Tierschutzvolksbegehren genau dem annehmen. Es möchte die Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen der Erzeugung unserer Lebensmittel aufzeigen – und es möchte diskutieren, wieso wir eigentlich so wenig über Herkunft und Tierwohl bei ihnen erfahren.

Wir importieren Unmengen an Lebensmitteln aus fragwürdiger Quelle, produziert zu Bedingungen, die wir unseren eigenen Landwirten aus guten Gründen verboten haben.

Gemeinsam mit Hunderten Landwirten, Gastronomen und Unternehmern im ganzen Land wird dabei die Systemfrage gestellt: Muss Nahrung wirklich so billig wie möglich erzeugt werden? Müssen wir zulassen, dass Lebensmittel unerkannt auf unseren Tellern landen, deren Erzeugung wir in Österreich bereits verboten haben? Und wieso sind wir so entfremdet von der Entstehung unseres Essens, das für uns alle überlebensnotwendig ist? Zwei Drittel aller tierischen Lebensmittel werden mittlerweile außer Haus konsumiert – also in Restaurants oder öffentlichen Küchen. Dort gibt es in der Regel keinerlei Kennzeichnung der Herkunft oder des Tierwohls. Oft weiß es nicht mal das Personal. Auf den Speisekarten sehen wir mitunter allerlei Rot-Weiß-Rot-Flaggen, wir sehen dort Frauen in Dirndl und vielleicht lachende Kühe. Aber wir erfahren nichts über die Herkunft unserer Lebensmittel.

Und auch die Produkte im Supermarkt sind oftmals verarbeitet, auch dort gibt’s dann kaum Infos. Woher stammen die Eier in den Nudeln? Woher das Fleisch im Snack? Man weiß es nicht. Und man kann es in aller Regel auch nicht in Erfahrung bringen. Die Intransparenz hat System. Und Gründe. Denn es ist schlicht bedeutend billiger, die Pute aus Polen, das Schwein aus dem Osten Deutschlands oder die Eier aus Argentinien, Aserbaidschan oder Indien zu besorgen und für Speisen zu verwenden. Es ist billiger, weil dort unter massiv niedrigeren Umwelt- und Tierschutz-Standards produziert werden kann. Wenn Tiere & Natur wie Dreck behandelt werden können, dann ist das eben gut für den Profit. Beispiel Eier: Österreich ist absoluter Pionier, was das Ende der Käfighaltung betrifft. Mit Ende 2019 gibt es keinen einzigen „ausgestalteten“ Käfig mehr in Österreich – ein weltweites Unikum. Dennoch werden über 600 Millionen Eier aus Käfighaltung jährlich nach Österreich importiert. Und landen dann unerkannt am Teller.

Die Mär vom bewussten Konsum

Unser Essen ist hochpolitisch. Ein geflügeltes Wort sagt sogar, dass wir über unseren Teller die Welt gestalten können. Das stimmt auch. Aber nur, wenn wir wissen, was darauf landet. Die viel zitierte „Macht der Konsumenten“, gerne von der Politik ins Treffen geführt, um von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken, gibt es nicht, wenn Konsumenten keine bewusste Konsumentscheidung treffen können. Es geht hier nicht um Bevormundung. Wer wirklich das Schnitzel vom Kalb aus holländischer Massentierhaltung essen möchte oder den Kaiserschmarrn mit Flüssig-Ei aus der Ukraine, der soll das machen. Aber wer ein paar Cent mehr zahlen möchte, um Tierleid und Umweltzerstörung aufzuhalten, soll das auch tun können. Es geht hier nicht um die Frage, ob und wie stark der Staat sich einmischen darf. Die Frage ist vielmehr, wie stark der Staat wegschauen dürfen soll bei unseren Lebensmitteln. Wenn sogar der Präsident der Landwirtschaftskammer, Josef Moosbrugger, schon offen von einem System des „Betrugs“ spricht, in dem wir leben, weil in Gastronomie und öffentlichen Küchen viel Schindluder betrieben wird, dann brennt der Hut. Aber er hat Recht. Und ist es nicht die ureigenste Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass die Konsumenten nicht getäuscht werden? Dass die eigenen Gesetze nicht konterkariert werden? Dass der Profit eben nicht über das Wohl der Tiere, der Natur, der nachfolgenden Generationen geht?

Augen auf die Fakten

Um noch einmal zu verdeutlichen von welchen Dimensionen wir sprechen, hier ein paar Fakten. Jährlich konsumieren wir im Schnitt 239 Eier pro Kopf. Die Hälfte davon in Form von verarbeiteten Produkten – also in der Regel produziert mit Käfigeiern aus dem Ausland. Unerkannt. Jedes Jahr werden 85.000 Stück Kalbfleisch nach Österreich importiert, zwei Drittel des konsumierten Kalbfleisches stammt aus dem Ausland. Unerkannt. Während gleichzeitig zigtausende Kälber in Langstreckentransporten durch die halbe Welt gekarrt werden, weil es in Österreich angeblich keinen „Markt“ dafür gibt. Und jedes Jahr werden 180.000 Tonnen Schweinefleisch importiert, obwohl wir eine Selbstversorgungsrate von 102 Prozent haben. Wir importieren also Unmengen an Lebensmitteln aus fragwürdiger Quelle, jedenfalls produziert zu Bedingungen, die wir unseren eigenen Landwirten aus guten Gründen bereits verboten haben. Und wir kennzeichnen diese nicht, sodass die Konsumenten sich auch nicht für das heimische, tier- und klimafreundlich erzeugte Produkt entscheiden können. In Sonntagsreden beschwören wir zwar die Wichtigkeit der Ernährungssouveränität in Zeiten der Klimakrise, doch jedes Jahr sperren über 2000 Bauernhöfe für immer zu. Und im AMA-Gütesiegel-Fleisch steckt weiterhin das genmanipulierte Regenwald-Soja, obwohl es hinreichend Alternativen gibt. Das ist grotesk. Und es ist schlicht inakzeptabel. Es geht nicht drum, dass es nicht anders ginge. Es geht drum, dass die Po- litik offenbar noch nicht will. Zeit, das zu ändern.

Der Autor ist Ökonom und Geschäftsführer des Tierschutzvolksbegehrens

Furche Zeitmaschine Vorschau