Mehr Appetit auf Sicherheit

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Nach dem ersten heimischen BSE-Verdachtsfall schrumpft der Gusto auf Rindfleisch, Innereien und Wurst weiter: Sprechen die einen von "hysterischen" Reaktionen, so hoffen andereauf kritischere Konsumenten.

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Nach dem ersten heimischen BSE-Verdachtsfall schrumpft der Gusto auf Rindfleisch, Innereien und Wurst weiter: Sprechen die einen von "hysterischen" Reaktionen, so hoffen andereauf kritischere Konsumenten.

Ich persönlich esse weiterhin Rindfleisch." Der Wiener Neurologe und Prionen-Forscher Professor Herbert Budka lässt sich auch nach dem ersten Verdacht auf BSE bei einem aus Österreich stammenden Rind den Appetit nicht verderben - aus gutem Grund: "Wir haben die Hauptmenge des Risikos bereits gegessen," weiß der Experte. Die größte Gefahr, sich über die Nahrung mit Prionen zu infizieren, hätte Mitte der 80er Jahre in Großbritannien bestanden. 80 Menschen sind dort seither an jener mysteriösen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben, die als menschliche Variante von BSE gilt.

Noch hat sich der heimische Verdacht nicht bestätigt. Allein: Dass ausgerechnet ein Tiroler Bergbauernhof mit ganzen zwölf Kühen im Stall betroffen sein könnte, durchbricht das Schema von "böser" industrieller und "guter" ökologischer Landwirtschaft. So gibt auch nach Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer (ÖVP) "ein artgerecht gehaltenes Tier keine Garantie, BSE-frei zu sein."

Dennoch: Die momentane Krise birgt die Chance zu einem Kurswechsel in der Lebensmittelproduktion. Kein leichtes Unterfangen, wie die in Deutschland versuchte Kehrtwendung zeigt: So sehen die deutschen Bauern in der grünen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast, einen "Affront". Verständlich, gab doch die Nachfolgerin von Karl-Heinz-Funke (SPD) eine völlig neue Marschrichtung vor. Sie werde "eine Menge Anstrengungen" unternehmen, um im Rahmen einer Agrarreform naturnähere Produktion und Tierhaltung zu fördern. Schließlich sei es an der Zeit, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, gab sich Künast kämpferisch.

Tatsächlich sind die Auswirkungen jenes "schwarzen Freitags", des 24. November 2000, an dem in Deutschland der erste BSE-Fall bekannt wurde, enorm. Ausgelöst durch die Angst vor dem Rinderwahn ist der Pro-Kopf-Verbrauch bei Rindfleisch auf zehn Kilogramm gesunken - den tiefsten Wert seit der Wiedervereinigung. Auch groß angelegte Werbekampagnen der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) konnten den Absatzeinbruch zu Jahresende nicht verhindern. Stützungskäufe um 30 Millionen Mark (211 Millionen Schilling), großteils finanziert von der Europäischen Union, sollen indessen verhindern, dass der Rindfleischpreis in den Keller rasselt.

Nicht nur den deutschen Nachbarn, auch den österreichischen Konsumenten ist der Appetit auf Beef und Co. vergangen: Die Schätzungen über den Absatzrückgang reichen von einem Viertel bis zu - von der "Kronen Zeitung" kolportierten - 80 Prozent. Zwar habe sich der Fleischkonsum insgesamt nicht verringert, berichtet Oskar Wawschinek von Agrarmarkt Austria (AMA). Doch die Präferenzen hätten sich verschoben: von Rind zu Geflügel und Schwein. Die Krisensituation hat zudem zu einem Preisverfall geführt, unter dem vor allem die Bauern leiden: Seit November sind die Erzeugerpreise für Rindfleisch um rund ein Viertel gefallen.

Englische Coolness Völlig anders habe dagegen die britische Öffentlichkeit reagiert, rechnet Wawschinek vor: Trotz der insgesamt 180.000 BSE-Fälle seit 1987 sei der Rindfleischkonsum letztes Jahr wiederum um 13 Prozent gestiegen. "Die Engländer essen brav, fleißig und immer mehr Rindfleisch. Dort schreiben die Medien genau das Gegenteil wie bei uns, nämlich dass es sich um einen Angriff der Kontinentaleuropäer auf das gute britische Rindfleisch handelt. Und wir glauben, die Prionen fallen uns an und bringen uns alle um. Das ist widersinnig und hysterisch." Dass sich die von der BSE-Krise verunsicherten Konsumenten nun vemehrt nach der Herkunft ihrer Lebensmittel erkunden, sieht jedoch auch Wawschinek positiv: "Bei verschärften Kontrollen und mehr Transparenz könnte der Konsument in Zukunft bereit sein, für Qualität mehr zu bezahlen - oder zu sagen: Das ist mir wurscht."

Dass gerade die Wurst und ihr Inhalt vielen Rätsel aufgibt, weiß die Ernährungswissenschafterin Angela Mörixbauer vom Verein für Konsumenteninformation aus eigener Erfahrung: "Die Verunsicherung ist groß. Bei Wurstwaren ist es etwa nicht verpflichtend, das Herkunftsland des Fleisches anzugeben. Nur die Fleischart muss, wie auch bei Konserven, auf der Zutatenliste angegeben sein." Milchprodukte seien nach Mörixbauer ebenso unbedenklich wie Gelatine. Den Fragenden an der Ernährungshotline (0810/810 227) rät sie jedoch grundsätzlich zu Produkten aus biologischer Landwirtschaft oder mit dem AMA-Gütesiegel. Fleisch mit dieser Kennzeichnung stammt von Tieren, die in Österreich geboren, gemästet und geschlachtet worden sind. Absolute Sicherheit gebe es aber nirgendwo. "Wenn man sich etwa bei Konserven nicht sicher ist, sollte man lieber selber kochen."

Der großen Unsicherheit der Verbraucher hat nun auch Gesundheitsminister Herbert Haupt (FPÖ) den Kampf angesagt: "Vom Konsumentenschutz her wären die Kontrollen seit Anfang November schon ausreichend", erklärt sein Pressesprecher, Gerald Grosz. "Um die Konsumenten zu beruhigen, werden aber die Kontrollen noch verstärkt". Und dies nicht erst seit der entsprechenden Forderung von Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpl, wie Grosz betont.

Billige Qualitäten Dass die Zeit reif ist für einen bewussteren Umgang mit den Lebensmitteln, weiß auch Landwirtschaftsminister Molterer: "Bei Autos gibt es ein höheres Konsumentenschutzbewusstsein als bei der Nahrung". Auch der Wiener Ernährungsmediziner, Universitätsprofessor Kurt Widhalm, plädiert dafür, "nicht immer das Billigste zu kaufen." Produkte aus Österreich seien angeraten - und Besonnenheit: "Wir haben noch nie so gesunde Lebensmittel gehabt wie heute." Kritischer zeigt sich hingegen der Wiener Ärztekammerpräsident Walter Dorner. "Wir können nur fordern, dass entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um mehr Forschungsergebnisse über den Infektionsweg von BSE zu erhalten."

Der Rinderwahn birgt indes so manche Kuriosität: So legt das Deutsche Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik (D.I.E.T.) Rindfleischverweigerern pauschal die Einnahme von Zinktabletten ans Herz - während die Wiener Ernährungsmedizinerin Gabriele Müller davor warnt, ohne Konsultation eines Arztes "wahllos Zusatzstoffe einzuwerfen."

Und "Master Foods Austria" erinnert besorgte Tierfreunde an die Tatsache, dass man in Whiskas, Sheba, Chappi oder Frolic schon seit zehn Jahren auf risikoreiche Rindermaterialien wie Gehirn oder Rückenmark verzichte, also "länger als die Nahrungmittelindustrie."

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