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Politik

Das stinkt zum Himmel

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Aufschrei gegen die Massentötung von Nutztieren: Das Thema ist so ethisch wie kaum ein anderes.

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Aufschrei gegen die Massentötung von Nutztieren: Das Thema ist so ethisch wie kaum ein anderes.

EU-Kommissar Franz Fischler reichte es ganz offensichtlich: Man solle doch endlich mit dieser Ethik-Debatte aufhören, fordert er dieser Tage barsch in einem Interview mit der "Presse". Natürlich bedauere auch er, dass jetzt wegen der BSE-Krise tonnenweise Rindfleisch vernichtet werden müsse. Aber was sollte man tun, angesichts von übervollen Ställen und begrenzten Lagerkapazitäten? Dass nicht nur (möglicherweise) infizierte Tiere vernichtet werden sollen, sondern auch gesunde (wenn auch ältere Kühe), "ist nun einmal zur Krisenbewältigung nötig", meinte er lapidar. Denn, wie er ebenso pointiert an anderer Stelle verriet: Er könne die Tiere "ja nicht auf den Mond schießen!"

Seit Tagen hagelt es nun Prosteste von Kirchenvertretern, Umwelt- und Tierschutzorganisationen gegen die Idee, rund zwei Millionen Rinder europaweit zu töten und zu verbrennen, weil die Konsumenten sie nicht mehr essen wollen. Sogar von der Schlachtung neugeborener Kälber ist wieder die Rede, um die Rinderproduktion zu reduzieren.

Hat man in Brüssel über Alternativen - auch wenn sie zeit- und kostenaufwendig wären - wirklich ernsthaft genug nachgedacht, so drängend die im Augenblick nötigen Entscheidungen auch sein mögen? Offensichtlich nicht. Es gibt nicht einmal Ansätze dafür, dass mit den Tieren etwas anderes geschehen könnte als eine simple Vernichtung.

Den Vorschlag, das Fleisch an Arme zu verteilen, hält der Brüsseler Kommissar jedenfalls lediglich für einen "frommen Wunsch" und überdies "zynisch". Denn solche Lieferungen würden die Eigenproduktion der betrofffenen Länder dem Zusammenbruch aussetzen. Auch dem Vorschlag, Fleisch in Form von Konserven in Krisenregionen zu schicken, sei schlichtweg zu vergessen. "Wer soll das bezahlen?"

Soweit die Statements aus Brüssel.

Nur die Caritas?

Und dennoch: Caritas-Präsident Franz Küberl und sogar Finanzminister Karl-Heinz Grasser halten die Idee, das überschüssige Fleisch über Hilfsorganisationen und in Kooperation mit der UNO in sinnvoller Weise an arme Länder zu verteilen, für wenigstens "überlegenswert", auch wenn Küberls Organisation damit vor enormen logistischen Herausforderungen stünde. Ist die Caritas wirklich die einzige Organisation, die sich diesen Herausforderungen stellen will ...?

Franz Fischler vermittelte die letzten Tage aber massiv den Eindruck, Schlachten und Verbrennen sei die einzig vertretbare Lösung. Grundtenor: Rinder sind - wie eben alle Nutztiere - Objekte der Vermarktung. Wenn wir jetzt ein Problem haben, muss eben auch so reagiert werden, wie das im Marktgeschehen üblich ist: Im Notfall muss die Überproduktion halt einfach verheizt werden. Eine perverse Logik, die zum Himmel stinkt.

Die Alternativen zu Tötung und Verbrennung ganz deutlich aufzuzeigen und klarzulegen, wäre der besorgten Öffentlichkeit gegenüber sicher fairer gewesen. Was spricht für, was gegen die eine oder andere Form der "Problemlösung"?

Was Franz Fischler offensichtlich nicht versteht, ist, dass sich das massive Unbehagen, das jetzt die Protestierer vorbringen - das aber auch in der gesamten Bevölkerung weit verbreitet ist - nur vordergründig gegen die "Massentötungen" richtet. Die Vorwürfe zielen ja auch massiv gegen die unsäglichen Bedingungen, unter denen die moderne Konsumgesellschaft ihre Tiere in die Welt setzt, mästet, transportiert, am Fließband schlachtet. Es ist ein gestörtes, erbarmungsloses Verhalten. Der Aufruhr der Menschen dagegen kann doch nicht mit einer Handbewegung weggewischt werden!

Lügen & betrügen Die ganze Entstehung der Krise hat außerdem nicht nur die Gewissenlosigkeit gegenüber den Tieren wieder krass gezeigt, sondern auch gegenüber den Konsumenten: jahrelang wurden doch auch in Brüssel die Augen zugedrückt, Gefahren ignoriert, Hinweise verdrängt, verharmlost: Tierärztinnen und -ärzte, die auf die Gefahren von BSE aufmerksam machten, wurden unter Druck gesetzt, strafversetzt, kritischen Wissenschaftlern die staatlichen Förderungen gestrichen etc.

Rund um die Ausbreitung von BSE hat sich in Wirklichkeit ein ganzer Rattenschwanz von fragwürdigen Vorgangsweisen angesammelt, die zornig machen. Wer das nicht leugnen will, dem ist klar, welch gewaltiger Problemkomplex die ganze Aktion "Rinderverbrennung" ist. Niemandem, der auch nur halbwegs aufmerksam die Berichterstattung in den vergangenen Wochen verfolgt hat, wird man einreden können, dass das eine Problem nichts mit den anderen zu tun hat. Das Thema ist in Wirklichkeit so ethisch wie kaum ein anderes!

Die Milliarden, die jetzt für die Rettung des Rindermarktes zur Verfügung gestellt werden sollen und die vorgelegten Pläne zur nachhaltigen Verringerung der Rindfleisch-Produktion sind sicherlich notwendig. Ausreichen werden sie aber nicht, um das Vertrauen in die Politik und die Landwirtschaft wieder einigermaßen herzustellen.

Es geht nicht nur um ein paar nette Reden oder fromme Augenaufschläge. Es geht um einen anderen Umgang mit Tieren und Konsumenten. Das ist eine Kulturaufgabe und nicht eine des Marktes!

EU-Kommissar Franz Fischler reichte es ganz offensichtlich: Man solle doch endlich mit dieser Ethik-Debatte aufhören, fordert er dieser Tage barsch in einem Interview mit der "Presse". Natürlich bedauere auch er, dass jetzt wegen der BSE-Krise tonnenweise Rindfleisch vernichtet werden müsse. Aber was sollte man tun, angesichts von übervollen Ställen und begrenzten Lagerkapazitäten? Dass nicht nur (möglicherweise) infizierte Tiere vernichtet werden sollen, sondern auch gesunde (wenn auch ältere Kühe), "ist nun einmal zur Krisenbewältigung nötig", meinte er lapidar. Denn, wie er ebenso pointiert an anderer Stelle verriet: Er könne die Tiere "ja nicht auf den Mond schießen!"

Seit Tagen hagelt es nun Prosteste von Kirchenvertretern, Umwelt- und Tierschutzorganisationen gegen die Idee, rund zwei Millionen Rinder europaweit zu töten und zu verbrennen, weil die Konsumenten sie nicht mehr essen wollen. Sogar von der Schlachtung neugeborener Kälber ist wieder die Rede, um die Rinderproduktion zu reduzieren.

Hat man in Brüssel über Alternativen - auch wenn sie zeit- und kostenaufwendig wären - wirklich ernsthaft genug nachgedacht, so drängend die im Augenblick nötigen Entscheidungen auch sein mögen? Offensichtlich nicht. Es gibt nicht einmal Ansätze dafür, dass mit den Tieren etwas anderes geschehen könnte als eine simple Vernichtung.

Den Vorschlag, das Fleisch an Arme zu verteilen, hält der Brüsseler Kommissar jedenfalls lediglich für einen "frommen Wunsch" und überdies "zynisch". Denn solche Lieferungen würden die Eigenproduktion der betrofffenen Länder dem Zusammenbruch aussetzen. Auch dem Vorschlag, Fleisch in Form von Konserven in Krisenregionen zu schicken, sei schlichtweg zu vergessen. "Wer soll das bezahlen?"

Soweit die Statements aus Brüssel.

Nur die Caritas?

Und dennoch: Caritas-Präsident Franz Küberl und sogar Finanzminister Karl-Heinz Grasser halten die Idee, das überschüssige Fleisch über Hilfsorganisationen und in Kooperation mit der UNO in sinnvoller Weise an arme Länder zu verteilen, für wenigstens "überlegenswert", auch wenn Küberls Organisation damit vor enormen logistischen Herausforderungen stünde. Ist die Caritas wirklich die einzige Organisation, die sich diesen Herausforderungen stellen will ...?

Franz Fischler vermittelte die letzten Tage aber massiv den Eindruck, Schlachten und Verbrennen sei die einzig vertretbare Lösung. Grundtenor: Rinder sind - wie eben alle Nutztiere - Objekte der Vermarktung. Wenn wir jetzt ein Problem haben, muss eben auch so reagiert werden, wie das im Marktgeschehen üblich ist: Im Notfall muss die Überproduktion halt einfach verheizt werden. Eine perverse Logik, die zum Himmel stinkt.

Die Alternativen zu Tötung und Verbrennung ganz deutlich aufzuzeigen und klarzulegen, wäre der besorgten Öffentlichkeit gegenüber sicher fairer gewesen. Was spricht für, was gegen die eine oder andere Form der "Problemlösung"?

Was Franz Fischler offensichtlich nicht versteht, ist, dass sich das massive Unbehagen, das jetzt die Protestierer vorbringen - das aber auch in der gesamten Bevölkerung weit verbreitet ist - nur vordergründig gegen die "Massentötungen" richtet. Die Vorwürfe zielen ja auch massiv gegen die unsäglichen Bedingungen, unter denen die moderne Konsumgesellschaft ihre Tiere in die Welt setzt, mästet, transportiert, am Fließband schlachtet. Es ist ein gestörtes, erbarmungsloses Verhalten. Der Aufruhr der Menschen dagegen kann doch nicht mit einer Handbewegung weggewischt werden!

Lügen & betrügen Die ganze Entstehung der Krise hat außerdem nicht nur die Gewissenlosigkeit gegenüber den Tieren wieder krass gezeigt, sondern auch gegenüber den Konsumenten: jahrelang wurden doch auch in Brüssel die Augen zugedrückt, Gefahren ignoriert, Hinweise verdrängt, verharmlost: Tierärztinnen und -ärzte, die auf die Gefahren von BSE aufmerksam machten, wurden unter Druck gesetzt, strafversetzt, kritischen Wissenschaftlern die staatlichen Förderungen gestrichen etc.

Rund um die Ausbreitung von BSE hat sich in Wirklichkeit ein ganzer Rattenschwanz von fragwürdigen Vorgangsweisen angesammelt, die zornig machen. Wer das nicht leugnen will, dem ist klar, welch gewaltiger Problemkomplex die ganze Aktion "Rinderverbrennung" ist. Niemandem, der auch nur halbwegs aufmerksam die Berichterstattung in den vergangenen Wochen verfolgt hat, wird man einreden können, dass das eine Problem nichts mit den anderen zu tun hat. Das Thema ist in Wirklichkeit so ethisch wie kaum ein anderes!

Die Milliarden, die jetzt für die Rettung des Rindermarktes zur Verfügung gestellt werden sollen und die vorgelegten Pläne zur nachhaltigen Verringerung der Rindfleisch-Produktion sind sicherlich notwendig. Ausreichen werden sie aber nicht, um das Vertrauen in die Politik und die Landwirtschaft wieder einigermaßen herzustellen.

Es geht nicht nur um ein paar nette Reden oder fromme Augenaufschläge. Es geht um einen anderen Umgang mit Tieren und Konsumenten. Das ist eine Kulturaufgabe und nicht eine des Marktes!