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"Lügen und krankhafte Geheimnistuerei"

1945 1960 1980 2000 2020

Lange Zeit leugnete und ignorierte die britische Regierung den Zusammenhang zwischen BSE-infiziertem Rindfleisch und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Der neue BSE-Untersuchungsbericht schlägt in den Medien hohe Wogen.

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Lange Zeit leugnete und ignorierte die britische Regierung den Zusammenhang zwischen BSE-infiziertem Rindfleisch und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Der neue BSE-Untersuchungsbericht schlägt in den Medien hohe Wogen.

Zoe Jeffries mochte Cheeseburger über alles. An die dreimal pro Woche wird sie wohl einen gegessen haben, meinte ihre Mutter jüngst, und das vom zarten Alter von zweieinhalb Jahren an.

Mitte Oktober gingen Bilder der 14-jährigen durch die britischen Medien: Wenige Tage vor der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts der Londoner Regierung zu BSE hatten Zoes Eltern einem Kamerateam Aufnahmen ihrer leidenden Tochter erlaubt. Sie zeigten die vor zwei Jahren von der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), der menschlichen Form der sogenannten Mad-Cow-Krankheit (BSE), befallene in ihrem Bett, von Medikamenten betäubt und wohl kaum der Gegenwart der Medienvertreter bewusst. "Es ist, als ob jemand ein Messer in Zoes Körper gebohrt hätte. Ich glaube wirklich, dass man sie ermordet hat", sagte die Mutter. Kurz darauf lag der BSE-Bericht vor. Und wiederum nur wenig später war das Bild des Mädchens erneut in der Presse, diesmal aus Anlass ihres Todes. Am 28. Oktober war Zoe als vorerst 82. Opfer der Creutzfeld-Jakob-Krankheit erlegen.

Ein "Ausrutscher" ...

Wieviele Briten noch mit dem CJK-Erreger infiziert sind und in den kommenden Jahren daran erkranken und sterben könnten, ist derzeit unmöglich zu sagen. Lagen die geschätzten Zahlen bis vor kurzem noch weit unter eintausend, so rechnen manche Experten nun mit weit mehr mehr als einhunderttausend möglichen Opfern. Wissenschafter gestehen ein, dass sie noch viel zu wenig über die Krankheit und ihre Inkubationszeit wissen. Sollte es sich um eine relativ kurze Inkubationszeit von maximal acht Jahren handeln, dann wären die kommenden ein, zwei Jahre wohl der Höhepunkt der Epidemie, erklärte kürzlich ein Mitglied der einschlägigen Beratungskommission für die Regierung. Bei einer Inkubationszeit von bis zu 20 oder 30 Jahren aber könnten die bisher 82 Opfer nur ein winziger Teil der noch zu erwartenden Todesfälle sein. Dann nämlich könnten die ersten Infektionen bereits aus den siebziger Jahren datieren, also lange, bevor 1987 reihenweise Kühe zu verenden begannen und die damalige Regierung nicht umhin konnte einzugestehen, dass es ein Problem gab - auch wenn sie, wie der Untersuchungsbericht nun festhält, vieles tat, um das Ausmaß der BSE-Krise zu verschleiern, und nachfolgende Kabinette dann den Zusammenhang zwischen BSE-infiziertem Rindfleisch und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen herunterspielten oder schlichtweg bestritten.

Neben dieser Verschleierungstaktik - die, wie es heißt, durch die Angst vor unnötiger Panikmache motiviert war -, wirft der 16-bändige Bericht den damaligen konservativen Regierungen mangelhafte Durchsetzung des Verbots von Fleisch- und Knochenmehl im Tierfutter vor. Das Gesundheitsministerium sei nicht ausreichend über die wachsenden Hinweise darauf informiert gewesen, dass es sehr wohl einen Zusammenhang zwischen BSE und CJK gebe. Zudem habe selbst zu einer Zeit, als der Zusammenhang nicht mehr zu leugnen war, kein Kabinett Notpläne für den Umgang mit einer möglichen CJK-Epidemie entworfen.

Falsche Entwarnung Immer wieder fühlten sich Minister und Experten im Dienste der Regierung stattdessen bemüßigt - aufgrund ungenügender Information, wie nun feststeht - Entwarnung zu geben. So versicherte Sir Donald Acheson, der damalige höchste medizinische Berater, 1990 in einem Fernsehinterview, dass "absolut kein Risiko mit dem Konsum von britischem Beef verbunden" sei. Gegenüber der BSE-Untersuchungskommission gestand er knapp ein Jahrzehnt später ein, dass "dieser Satz wohl ein Ausrutscher gewesen sein muss, dessen ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war." Interessanterweise will Acheson erst 1988, also eineinhalb Jahre, nachdem Wissenschafter im Dienste des Landwirtschaftsministeriums BSE diagnostizierten, von der Krankheit gehört haben.

Kurz nach Achesons Fernsehinterview im Mai 1990 sah sich auch der damalige Landwirtschaftsminister John Gummer veranlasst, alle Sorgen zu zerstreuen. Er tat dies, indem er seine vierjährige Tochter vor laufenden Kameras einen Hamburger verzehren ließ. Da konnte dann wohl auch der Premier nicht hintanstehen. Ende 1995, sieben Monate nachdem der 19-jährige Stephen Churchill als erstes bisher bekanntes Opfer an CJK gestorben war, versicherte John Major, dass es keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür gab, dass BSE auf den Menschen übertragen werden könne oder dass der Konsum von Rindfleisch diese Krankheit beim Menschen verursache. "Wir müssen alle die Verantwortung für unsere Versagen übernehmen", reagierte John Major nun auf den BSE-Bericht. Ein ehemaliger Sprecher im Landwirtschaftsministerium konnte sich zu einer Entschuldigung durchringen, ein früherer Gesundheitsminister bekundete sein Bedauern. Sir Donald Acheson dagegen blieb dabei, dass die Entwarnungen auf dem damaligen Wissensstand befusst hätten und nachträgliche Kritik, die auf besserem Wissen beruhe, nicht angebracht sei.

Dabei äußerten eine Reihe von Analysten ernste Zweifel darüber, ob die Untersuchungskommission ihre Erkenntnisse nicht in allzu sanfte Worte gefasst habe. Waren die Entwarnungen wirklich nur "ein Fehler", war die Regierung nur sparsam im Umgang mit der Wahrheit, oder hat sie schlichtweg gelogen?

"Krankhafte Geheimnistuerei" und "Lügen": In den Medienkommentaren zum BSE-Bericht fielen diese beiden Worte immer wieder. Und sie erinnern an jüngste Berichte zu Tests mit genmanipulierten Samen, wo der Regierung ebenfalls mangelnde Offenheit vorgeworfen wird.

Schlampig entsorgt Aber wie kann man noch einer Presse glauben, die, wie genaue Rekonstruktionen ihrer Berichterstattung ergeben, einmal mit großem Warngeschrei vorwärts preschte, dann wieder jede Gefahr bestritt, und dabei offenkundig eben solche "Fehler" wie diverse Kabinette beging? Warum traten Wissenschafter, die offenkundig von der Gefahr wussten, nicht an die Öffentlichkeit und widersprachen den Beschwichtigern? Mussten sie möglicherweise um ihren Job fürchten? Und was wussten die Beschwichtiger wirklich? Hatten vielleicht manche selbst schon längst vom Rindfleischverzehr Abstand genommen, während sie öffentlich von keinem Problem wissen wollten? Wer bestimmt, was geforscht wird oder werden darf, und inwieweit spielen Politik und Markt dabei eine verheerende Rolle? In der Fülle der Spekulationen, Verdächtigungen und Unsicherheiten sind definitive Aussagen derzeit schwer auszumachen.

Die Tageszeitung "The Guardian" zitierte jedenfalls Paragraph 1301 des BSE-Berichts, wonach "Wir glauben, dass Lebensmittel- und Arzneienpanik dann um sich greift, wenn die Menschen annehmen müssen, dass die Regierung Informationen zurückhält. Wenn Zweifel offen ausgedrückt und Nachforschungen angestellt werden, kann die Öffentlichkeit in aller Vernunft reagieren". Diese Worte, ergänzte The Guardian, möge sich jeder Bürokrat und Minister über seinen Schreibtisch hängen. Denn so wie es jetzt aussieht, werden die Verantwortlichen der Öffentlichkeit noch Schlimmes kundtun müssen.

Da besteht zum einen Gefahr, dass in den siebziger Jahren hergestellte Impfstoffe infiziert waren und die Krankheit bei der Injektion übertragen wurde. Zugleich ist es möglich, dass schon viel mehr Menschen an CJK gestorben sind, als bisher angenommen. Eine Analyse der ersten 77 Todesfälle ließ annehmen, dass vor allem die Altersgruppe der unter 55-jährigen betroffen sei. Die neuerliche Analyse des Todes eines 74-jährigen ergab aber auch bei ihm CJK als Ursache. Zahlreiche Todesfälle bei alten Menschen könnten irrtümlich als Altersdemenz diagnostiziert worden sein, in Wahrheit aber auf Creutzfeldt-Jakob zurückzuführen sein.

Weiteren Anlass zur Beunruhigung geben Berichte, wonach die Entsorgung von potentiell infiziertem Rindfleisch extrem nachlässig erfolge. So gebe es zum einen zu wenige Verbrennungsanlagen, zum anderen werde auch in diesen das gefährliche BSE-Protein, durch das die Krankheit an den Menschen übertragen wird, nicht zerstört. Die Umweltbehörde will das Protein jedenfalls in der Asche aus einer Verbrennungsanlage gefunden haben. Andere Berichte lassen vermuten, dass die britische Regierung tonnenweise infiziertes Rindfleisch wissentlich in außereuropäische Länder exportiert hat, nachdem ein Exportverbot nach Kontinentaleuropa eingeführt wurde.

Die Briten selbst wurden, kaum dass der BSE-Bericht heraußen war, auf eine weitere mögliche Gefahr zumindest einmal hingewiesen: Die unabhängige Lebensmittelkontrollbehörde plädierte Anfang November für genaue Tests an den Schafherden sowie für ein Verbot von Tiermehl in deren Futter. Noch gibt es keinen konkreten Verdacht - oder, sollte man angesichts der BSE-Saga wohl sagen, noch wurde kein konkreter Verdacht offen geäußert. Aber auszuschließen ist offenbar nichts mehr. Im Gegenteil, auch hier "könnte es wie in einer Lotterie sein", meinte ein Analyst. Da hilft offenkundig auch das Informationszeitalter nichts.

25 Briten sind heuer bereits an CJK gestorben. In keinem Jahr zuvor waren es je mehr als zehn. Und keiner kann heute sagen, wieviele Opfer es noch geben wird.

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