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Der Ärger mit dem Fleisch

Ein junger Reichenberger startet um 4 Uhr früh sein Motorrad. Sein Nachbar wird wach und ruft ihm zu: „Wohin so zeitig?“ — „Auf den Jeschken ums Fleisch!“ — „Wieso auf den Jeschken?“ — „Dort endet ja die Schlange zu den Reichenberger Fleischerläden.“ (Der Jeschken ist von Reichenberg ungefähr so weit wie der Anninger von Wien entfernt.)

Das Ende der Fleischmisere ist nicht abzusehen. Nicht nur die Gegner des „Sozialismus“, sondern auch uniformierte Menschen seien geneigt, im Fleischmangel einen Fehler des Regimes zu sehen, beklagte kürzlich der führende Journalist der slowakischen KP, Andrej Klokoc. In Wirklichkeit werde mehr Fleisch, Fett, Butter und Eier als während des Kapitalismus erzeugt. Aber es reicht nicht, denn es werde mehr verbraucht, und mit dem Essen wächst der Appetit. Aus der Vogelperspektive

Eine einfache Erklärung: nicht die Genossenschaftsbauern, die wenig abliefern, sondern die Verbraucher sind schuld. Da nahezu alle Bauern in die Genossenschaften eintreten mußten, kann man nicht mehr, wie vor einem

Jahrzehnt, die noch selbständigen Landwirte („Kulaken“) für die Versorgungsschwierigkeiten verantwortlich machen. „Ich kann doch nicht 50 bis 60 Kollektivbauern wegen Sabotage der Ablieferung einsperren lassen“, bedauerte unlängst der Parteisekretär eines mittelslowakischen Dorfes. Anscheinend sind sich die „sozialisierten“ Bauern ihrer kollektiven Stärke bewußt geworden. Die Preßburger satirische Zeitschrift „Rohac“ brachte im vergangenen Winter eine Zeichnung eines Dorfes aus der Vogelperspektive. Man sieht, daß in jedem Bauernhof Schweine geschlachtet werden. Auf der Straße geht müden Schrittes ein Aufkäufer der staatlichen Ablieferungsgesellschaft, der die Ablieferungen der Kolchosbauern, in seinem Taschentuch eingeschlagen, in der Hand trägt.

Während das Vieh, das die Genossenschaftsbauern für eigenen Bedarf in ihren Höfen noch halten dürfen, fett wird, waren die Kühe in vielen Genossenschaftsstallungen im vergangenen Winter und Frühjahr dem Verhungern nahe, da es an Futtermitteln mangelte. Andrej Klokoc weiß darüber zu berichten: „Und im Vorfrühling, mancherorts sogar den ganzen Winter, hungerte das Vieh; dann wurden die Kühe — nur Haut und Knochen — auf die Weide getrieben.“ In den ersten fünf Monaten d. J. wurde der Ablieferungsplan bei Fleisch mit 97,3 Prozent, bei Milch mit 90,2 Prozent und bei Eiern mit nur 81,7 Prozent erfüllt. Selbst wenn die Zahlen stimmen sollten, läßt sich nicht feststellen, wieviel tatsächlich den Verbrauchern zur Verfügung gestellt wurde, denn seit etwa einem Jahr werden die staatlichen Lebensmittelreserven intensiv aufgefüllt. „Wenn Berlin nicht wäre, ginge es uns allen besser!“ lassen die Parteifunktionäre durchsickern. Das Wetter und die „agrotechnischen Termine“

Allerdings wirkt sich auch die außerordentlich schlechte Witterung dieses Jahres nachteilig aus. Die Frühjahrsaussaat sei stark verspätet, die Bearbeitung der Hackfrüchte fällt mit der Heuernte zusammen. Die vielgepriesenen „agrotechnischen Termine“ der landwirtschaftlichen Arbeiten wurden durch die unberechenbare Witterung über den Haufen geworfen. Es mangelt auch an einsatzfähigen landwirtschaftlichen Maschinen und Ersatzteilen. Die Sensen aus Eigenproduktion sind schwer und werden schnell stumpf. Dabei soll das Metall ebenso gut sein wie bei den berühmten „Stajerky“ — den steirischen Sensen. Aber die „technologischen“ Vorschriften bei der Sen-seriDroduktion wurden nicht eingehalten, stellt Andrej Klokoc fest. Die Bauern werden einfach sagen, schuld an allem hätten die kommunistischen Fremdwörter: Agrotechnik, Technologie usw.

Die Lieferunwilligkeit der Bauern wird auch durch die niedrigen Aufkaufspreise verursacht. Ganze Kollektivwirtschaften ziehen es vor, die Verbraucher und die Gaststätten direkt zu höheren Preisen zu beliefern und damit die ansehnliche Handelsspanne, die sonst der Staatshandel kassiert, selbst einzuheimsen. Die private Initiative läßt sich nicht ganz unterdrücken. Die Genossenschaften verkaufen an Privatpersonen, die „Spekulanten“ genannt werden, Kirschen zur Selbsternte, weil sie einerseits nicht die Arbeitskräfte für das Pflücken haben und anderseits sich die Scherereien mit dem staatlichen Aufkaufapparat ersparen wollen, der nicht imstande ist, die Ernte von leichtverderblichem Obst zu bewältigen. 70 Prozent der Obstversorgung bestreiten noch immer die Besitzer von kleinen Gärten, die vor allem ihre Bekannten beliefern oder an Sonntagen am Straßenrand einen regen Handel treiben. Den unverkauften Rest übernimmt dann an Montagen der Staatshandel. Um die Lieferfreuddgkeit zu erhöhen, wurden die Ablieferungspreise bei Obst gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich eine tschechische Krone je Kilogramm erhöht, so daß der Produzentenpreis nunmehr bei Kirschen erster Qualität 3,60 tschechische Kronen beträgt.

Das Prager Regime bedient sich dabei derselben Methode, die Ende Mai Chruschtschow vorexerzierte: Preiserhöhung für Erzeuger und Verbraucher zur Bekämpfung der Mangelerscheinungen. Allerdings kann die Tschechoslowakei bei Preissteigerungen die Priorität im.gesamten Obstlager für sich buchen: Bereits seit Jahresbeginn Wurden die Preise einer ganzen Reihe von Waren erhöht. Zunächst waren es Wein und Orangen, n<dann folgten Preise für ändere importierte Lebensmittel und für kleine Haushaltsgegen-sfSrtde. Die Erzeuger sollen ^durCh höhere Preise angeregt werden, die Produktion von Mangelwaren zu erhöhen. Bisher lagen die Erzeugungskosten der Mangelwaren vielfach unter den Großhandelspreisen, so daß jedes Unternehmen trachtete, unrentable Produktionen abzustoßen oder wenigstens einzuschränken. Spekulanten kauften die Waren des „schmalen Profits“ auf und gingen damit hausieren. Nunmehr verspricht man sich wegen der höheren Preise eine größere Produktion und einen geringeren Verbrauch.

Es herrscht kein Hunger, aber der notorische Mangel an Gemüse und Obst bringt es mit sich, daß die Ernährung der Bevölkerung sehr einseitig ist. Es überwiegen Speisen aus Mehl, und die Anfälligkeit zu Krankheiten ist groß. Die Grippewelle im Februar verursachte in der Industrie einen Ausfall von mehr als einer halben Million Arbeitskräften, obwohl das Gesundheitssystem gut und streng organisiert ist. Die geringe Marktleistung der kollektivierten Landwirtschaft wird noch durch das Versagen des Staatshandels unterstrichen. Selbst in bevorzugten Industriegebieten entfällt ein Milchgeschäft, oft mit nur einer sehr schlecht bezahlten Verkäuferin, auf 2000 Einwohner. Stundenlanges Anstellen der größtenteils in den Arbeitsprozeß eingegliederten Frauen ist die Folge, auch wenn genügend Ware da ist. Und wenn man endlich an die Reihe kommt, versucht man möglichst viel zu ergattern, denn man weiß nicht, wie die Anlieferung morgen sein wird. Auch die Werkküchen geben zu Klagen Anlaß. Statt der benötigten 1200 Kalorien, die den Bergarbeitern in Rudnany geboten werden sollen, brachte es die in der Versorgung bevorzugte dortige Werkküche an manchen Tagen kaum auf 500 Kalorien.

Die Preishinaufsetzung von Fleisch und Milch um 25 bis 35 Prozent, die in der Sowjetunion am 1. Juni in Kraft trat, veranlaßte die Bauern in der Tschechoslowakei, noch zögernder zu liefern, da auch sie höhere Preise erwarten. Es gibt also hier noch kein brauchbares Rezept für die Landwirtschaft!

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