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Biologischer Landbau: Ausweg aus Agrarkrise

1945 1960 1980 2000 2020

Industrielle Produktionsmethoden nehmen in der Landwirtschaft überhand. Sie führen zu Überproduktion auf übersättigten Märkten, erhöhen die Einkommensunterschiede im ländlichen Raum, führen zfu wachsender Abhängigkeit der Bauern von Betriebsmitteleinkauf und begünstigen die Abwanderung des bäuerlichen Nachwuchses. Die stärkere Berücksichtigung von Methoden des biologischen Landbaus könnte zum Abbau dieser Probleme beitragen

1945 1960 1980 2000 2020

Industrielle Produktionsmethoden nehmen in der Landwirtschaft überhand. Sie führen zu Überproduktion auf übersättigten Märkten, erhöhen die Einkommensunterschiede im ländlichen Raum, führen zfu wachsender Abhängigkeit der Bauern von Betriebsmitteleinkauf und begünstigen die Abwanderung des bäuerlichen Nachwuchses. Die stärkere Berücksichtigung von Methoden des biologischen Landbaus könnte zum Abbau dieser Probleme beitragen

Immer mehr Bauern sind gezwungen, einem außerlandwirtschaftlichen Neben- oder Hauptberuf nachzugehen. Der vielgelobten Leistungssteigerung und Tüchtigkeit der Bauern einerseits steht ein modernes Bauernsterben in großem Ausmaße andererseits gegenüber. Ich frage mich, ob es richtig ist, die bäuerliche Jugend weiterhin zu immer noch mehr Leistungssteigerung, betriebswirtschaftlichem Denken usw. anzuregen, wenn dadurch immer noch mehr Bauern überflüssig werden.

Den Einwand, das sei nun einmal die Folge und der Preis des Fortschritts, lasse ich ungern gelten. Wenn die Arbeiter mit ihren Maschinen in den Fabriken und auf den Baustellen statt 40 noch 48 Stunden arbeiten würden, könnte man sich auch ein Sechstel dieser Leute einsparen. Wir würden bei 48stündiger Arbeitszeit ein Sechstel weniger Beamte und Angestellte brauchen.

Die Gewerkschaften haben rechtzeitig erkannt, wohin für sie der gewerblichindustrielle Fortschritt führt, wenn sie nicht beginnen, energisch Bremsen einzulegen.

Weiters haben bei mir unerwünschte Folgen der modernen Produktionsverfahren zu einem Umdenken geführt. Deren Folgen sind unter anderen: Größere Krankheitsanfälligkeit der Rinder, wie z. B. Fruchtbarkeitsstörungen (und als Konsequenz eine sehr kurze durchschnittliche Nutzungsdauer), Stoffwechselerkrankungen, mangelnde Streßresistenz bei Schweinen, Verschlechterung der Fleischqualität, hohe Tierarztkosten, größere Krankheitsanfälligkeit der Pflanzen.

Ich kam zur Uberzeugung, daß vieles, was man in der modernen Landwirtschaft tut (und was ich vor 10 Jahren noch als richtig angesehen habe), zwar (zumindest) kurzfristig wirtschaftlichen Erfolg bringt, aber ökologisch falsch ist, daher längerfristig auch neue wirtschaftliche Probleme bringt und bringen wird.

Schlußendlich hat mich noch beunruhigt, daß manche Jungbauern und Bauern (ich will gewiß nicht verallgemeinern) reine Betriebswirte und Techniker geworden sind und daher hauptsächlich in Schilling je Arbeitskraft, Deckungsbeiträge, PS usw. denken.

Bei ihnen ist einiges verlorengegangen, was einen guten, natur- und bodenverbundenen Bauern auch noch auszeichnet. Vor 30 Jahren sprach man vom Farmerdenken.

Ich dachte in den letzten Jahren viel darüber nach, ob es Mittel und Wege gibt, und welche, um

• das Bauernsterben aufzuhalten,

• die agrarinterne Einkommensdisparität zu verringern,

• Einkommensverluste durch steigende Betriebsmittelpreise auszugleichen oder zu vermindern,

• ökologische Schäden zu verhüten und optimale Nahrungs- und Futterqualitäten zu erreichen und

• bei der bäuerlichen Jugend auch die Verbundenheit zur Natur und zum Leben wieder mehr zu fördern und zu vertiefen und damit den bäuerlichen Beruf auch noch mit anderen Augen zu sehen.

Nach meiner persönlichen Uberzeugung ist die Hauptursache, wenn auch nicht ganz die einzige der vorgenannten fünf Prombleme, die Aufgabe ökologischer Grundsätze in der Landwirtschaft (im weitesten Sinne des Wortes).

Industrielle Landwirtschaftsformen, aber auch schon die Möglichkeiten zur Massenerzeugung in mittleren und größeren Landwirtschaftsbetrieben unter Aufgabe ökologischer Grundsätze nehmen vielen Bauern Produktions- und damit Existenzmöglichkeiten. Ich möchte fast sagen, naturnahe Landwirtschaftsformen sind der dem Bauern von der Natur gewährte soziale Schutz zur Sicherung seines Arbeitsplatzes.

Würde man nach den Richtlinien des biologischen Landbaues wirtschaften, würden sich die Massentierhaltungssysteme aufhören. Ohne ständigen Einsatz chemischer Wirkstoffe können sich solche Systeme bekanntlich schlecht halten. Die Eiererzeugung, die Schweine-, Geflügel- und Kälbermast müßten sich wieder auf mehr Betriebe verteilen.

Ohne den Einsatz von synthetischem Stickstoff, von Herbiziden usw. könnten sich auf pflanzliche Monokulturen oder ganz eingeschränkte Fruchtfolgen (die ökologisch sicher falsch sind) nicht halten. Der Kleegrasbau zur Stickstoffgewinnung wäre unerläßlich. Ohne eine ordentliche Fruchtfolge gäbe es keine befriedigenden Erträge. Man müßte in vielen Betrieben wieder zur Viehhaltung übergehen und der Kompostwirtschaft große Aufmerksamkeit schenken. Auch die Pflanzenproduktion würde sich wieder auf mehr Betriebe verteilen.

Kurz gesagt, industrieähnliche Massenproduktionssysteme im Pflanzenbau und in der Tierproduktion (im letzteren Fall zum Teil bodenunabhängig), die nur mit ständigem Chemieeinsatz möglich sind, und in denen durch Einsatz chemischer Mittel die Folgen ökologischer Fehler verdeckt werden, würden sich aufhören.

Einen der Hauptgründe dafür sehe ich in der Tatsache, daß spezialisierte und vollmechanisierte Großbetriebe zu geringeren Stückpreisen produzieren können. Die große Menge bringt das Einkommen. Je mehr es nun solche Massenerzeugungsbetriebe gibt, umso weniger können Betriebe, denen eine Massenerzeugung nicht möglich ist, mithalten.

Wenn sich Massenproduktionsbetriebe nicht mehr halten können, würde das zu einer Entschärfung der agrarin-ternen Einkommensdisparität führen, weil sich die Produktion, wie schon vorhin erwähnt, wieder auf mehr Betriebe verteilen würde.

Die Mechanisierung (die zum Teil übertrieben hoch ist) und die Spezialisierung erfordern einen erhöhten Zu-kauf von Betriebsmitteln. Der Bauer wird als Folge der Spezialisierung von diesen Betriebsmitteln immer abhängiger. Eine mehrseitige, ökologisch orientierte Kreislaufwirtschaft macht den Bauern davon unabhängiger.Daß

eine biologisch (also lebensfolgerichtige) Landwirtschaft das beste Mittel ist, ökologische Schäden zu verhindern oder anstehende Probleme einer Lösung zuzuführen, ist wohl keine Frage. Es gibt hiefür zahlreiche Beispiele. Eine biologische Landwirtschaft erfordert mehr Beobachtungsvermögen, mehr vorausschauendes Denken und Planen, mehr Einfühlungsvermögen in die Naturzusammenhänge usw. Eine vielseitigere Landwirtschaft ist daher beruflicn interessanter und abwechslungsreicher. Sie erfordert gewiß in vielen Fällen etwas mehr Arbeit.

Für viele bäuerliche Familien wäre es leichter, etwas mehr Arbeit einzusetzen und dafür eine lebensfähigere Landwirtschaft zu erreichen oder sich dem Zwang zum Doppelberuf mit seinen arbeitsmäßigen Belastungen für Bauer und Bäuerin auszusetzen.

Ing. Josef Willi ist als Referent in der Landeslandwirtschaftskammer Tür Tirol tätig. Dieser Beitrag ist ein Auszug aus einem Artikel der „Agrarischen Rundschau". Er gibt die persönliche Ansicht des Autors wieder.

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