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Die Zukunft wird GENial

1945 1960 1980 2000 2020

Gentech-Nahrungsmittel stehen vor der Haustüre Österreichs -nur keiner will sie. Die einzigen, die davon profitieren würden, sind die Hersteller, kritisieren die Gegner.

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Gentech-Nahrungsmittel stehen vor der Haustüre Österreichs -nur keiner will sie. Die einzigen, die davon profitieren würden, sind die Hersteller, kritisieren die Gegner.

Der für diese Woche eilig einberufene Krisengipfel mit Bundeskanzler Franz Vranitzky, Vizekanzler Wolfgang Schüssel, Umweltminister Martin Bartenstein, Ge-sundheitsminterin Elisabeth Kram-mer, Vertretern von Global 2000 und Greenpeace macht eines deutlich: Der Hut brennt. Gentechnisch veränderte Lebensmittel stehen vor unserer Haustüre. Wird kein Importstopp über die „neuartige” Sojabohne verhängt, wird Österreich bald von Gentech-Nahrung überschwemmt.

Denn: Soja ist aus der Nahrungsmittelindustrie nicht mehr wegzudenken. Als Rohstoff für rund 30.000 Lebensmittel sind Teile der erbsengroßen Bohne in zwei von drei Nahrungsmitteln zu finden: Mayonnaise, Babynahrung, Wurst, Schokolade, Speiseöl bis hin zu Brot, Müsli und Diätkost. Eine spezielle Kennzeichnung der Gentech-Nahrung ist bisher nicht vorgesehen. Sich gentechnik-frei zu ernähren, wird in Zukunft kaum möglich sein.

Mitte November ist die neue Sojaernte aus Amerika in Antwerpen und Hamburg eingetroffen. Zum ersten Mal waren auch gentechnisch veränderte Bohnen, die „Boundup Ready Soybeans”, dabei. Daraufhin versuchten Aktivisten von Greenpeace mit Schlauchbooten und dem Aktionsschiff „Sirius” den Frachter zu stoppen, und das Entladen des Frachters am Pier der US-Öl-Mühle Cargill zu behindern. Ohne Erfolg. Nach eineinhalb Tagen räumte die Polizei das Gelände. Rechtlich gesehen hatten die Umweltaktivisten keine Chance. Die Europäische Union hatte bereits Anfang April den Import der gentechnisch veränderten Sojabohne genehmigt.

„Erfinder” der neuen Sojabohne ist der US-Konzern Monsanto, der während des Vietnamkrieges traurige Berühmtheit als Lieferant des Entlaubungsmittels „Agent Orange” erlangte. Das neue Produkt wurde von den Gentechnikern so verändert, daß sie gegen das - ebenfalls von Monsanto hergestellte - Unkrautvernichtungsmittel „Boundup” resistent ist. Monsanto verdient nun doppelt an der Bohne, kritisieren die Gegner: Mit den Lizenzgebühren und mit dem Spritzmittel.

Um die Gen-Bohne entgegen Protesten der Konsumenten unwiederbringlich auf den Markt zu werfen, wurde das gentechnisch veränderte Soja mit herkömmlichen vermischt.

Greenpeace Österreich hat darauf prompt reagiert und eine Liste mit rund 500 Produkten herausgegeben, die Gentech-Soja enthalten könnten. „Wir wollen damit den Konsumenten ein gezieltes Einkaufen ermöglichen”, erklärt Greenpeace-Sprecher Matthias Schickhofer.

„Ein Grund, die Vorhaben der Pflanzengenetiker skeptisch zu betrachten, sind ihre bisherigen Ziele: Ganz oben steht meist nicht die propagierte Resistenz gegen Krankheiten oder Schädlinge, sondern die gegen Herbizide (Pflanzenschutzmittel Anm.d.Red.)”, kritisiert die Zeitschrift „bild der Wissenschaften” in ihrer Novemberausgabe und folgert weiter, daß durch den großflächigen Anbau der patentgeschützen Pflanzen es hauptsächlich einen Gewinner geben wird - den Hersteller. Ungeklärt sei bisher auch noch, ob die Resistenz von den Nutzpflanzen gegen ein Herbizid nicht - ungewollt - auf

Die „Arge Schöpfungsverantwortung”, die „Österreichische Bergbauernvereini-gung”, der Tierschutzverein „Vier Pfoten” und das „ÖkoBüro” haben sich zu einer Plattform zusammengeschlossen, um gegen Gen-Lebensmittel mobil zu machen. Die drei Forderungen des Volksbegehrens:

■ Ein gesetzlich verankertes Verbot der Produktion, des Importes und des Verkaufs gentechnisch veränderter Lebensmittel und Agrarpro-dukte in Österreich.

■ Ein Verbot von Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen.

■ Keine Patentierung von Leben „Das Volksbegehren ist der Auftrag an die österreichischen Politiker auf österreichischer und europäischer Ebene gefährliche Fehlentwicklungen zu verhindern. Ähnlich wie bei der Atomkraft muß Österreich auf EU-Ebene auch bei der Gentechnik die immer wieder verandere Kräuter übertragen werden kann, bemängelt das Magazin. „Bisher hat es kein biologisches Tschernobyl' gegeben. Sollte sich aber ein gentechnisch veränderter Organismus einmal als gefährlich erweisen, wird er genausowenig unter Kontrolle zu bringen sein, wrie man die Zahncreme wieder in die Tube zurückbekommt.”

Vor allem Umweltschutzorganisationen machen jetzt mobil. Sie sehen die Interessen der Konsumenten wegen der Profitgier einiger Konzerne verraten.

Zum ersten Mal in Europa soll das gentechnisch veränderte Erbgut selbst Teil des Nahrungsmittels werden. Damit, so kritisieren die „Grünen”, wird in einem Langzeitversuch der Mensch zum Versuchskaninchen. Weder die ökologischen Risiken noch die Auswirkungen auf den Menschen seien tatsächlich abschätzbar.

Hans Peter Hutter von den „Ärzten für eine gesunde Umwelt” lehnt prinzipiell diese Art von Nahrungsmittel ab, da der Beweis, daß sie umfassend unbedenklich sind, bisher nicht erbracht werden konnte. Kurzfristig gesehen, sind Allergiker am schlimmsten dran. „Denen wird der Boden unter den Füßen weggezogen”, meint Hutter. Nach Schätzungen reagieren bereits fünf Prozent der Kinder und ein bis zwei Prozent der Erwachsenen auf Nahrungsmittel allergisch. Tendenz steigend. Mit der Gentechnik wird das Essen für Allergiker zum russischen Roulette. Einen Bückschlag diesbezüglich mußten die Gentechniker bereits hinnehmen: Soja mit einem Paranuß-Gen, mußte wegen Unverträglichkeit bei empfindlichen Menschen wieder vom Markt genommen werden.

Langfristig gesehen kann es durch den Einbau fremder Moleküle, die in der Nahrung bislang praktisch nie vorkamen (so etwa bei der Sojabohne, der ein Gen eines Bodenbakteriums eingesetzt wurde), vermehrt zu allergischen Beaktionen kommen.

Für Hutter stellt sich vor allem die Frage, wozu wir denn überhaupt die Gentech-Nahrung benötigen und fordert einen Bedarfsnachweis.

Die Österreicher sind von den neuen Lebensmitteln alles andere als begeistert. Bei einer „Fessel&GfK” Umfrage vom Herbst 1995, gaben 82 Prozent an, daß sie lieber keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen wollen. Eine eindeutige Kennzeichnung befürworten 94 Prozent der Österreicher.

Die breite Ablehnung zeigt bei den großen Konzernen zumindest vorerst Wirkung. Selbst Biesen wie Unilever und Nestle wollen bis auf weiteres keine Produkte aus der neuen Ernte verwenden. Viele Lebensmittelhersteller haben allerdings noch Vorräte vom letzten Jahr übrig. Derweilen wird in den großen europäischen Ölmühlen bereits Gentech-Soja verarbeitet...

Gentechnik Volksbegehren

Die Forreiterrolle übernehmen sprochene Vorreiterrolle übernehmen”, begründet der Ökologe Peter Weish das Volksbegehren. Vier-Pfoten Sprecher Helmut Dungler kritisiert, daß durch Patente auf Lebewesen, das Tierleid unkontrollierbar werde und von den Tierschutzgesetzen nicht mehr erfaßt werden könnte. Elisabeth Baumhöfer von der Österreichischen Bergbauernverei-nigung: „Generell können beim Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel keine Langzeitwirkungen auf die Gesundheit vorhergesagt werden.

Speziell für Nahrungsmittelaller-giker kann es zu verstärkten Problemen kommen. Es darf keine Langzeitversuche am Menschen gestartet werden.” Ein großes Problem sieht Baumhöfer auch darin, daß die Industrialisierung der Landwirtschaft durch den Einsatz von Gentechnik weiter vorangetrieben wird, ohne daß die Risiken für die Umwelt abzuschätzen sind.

Die Eintragungswoche für das Gentechnik-Volksbegehren findet im Frühjahr 1997 statt (siehe dazu Furche 56/1996).

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