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Eine geniale Zukunft für die Küchen?

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Geht es nach den Befürwortern gentechnisch veränderter Lebensmittel werden diese sich schon bald auch in heimischen Vorratsregalen finden. Heftig umstritten sind ihre Kennzeichnung und mögliche gesundheitliche Konsequenzen ihres Konsums.

Schon seit Mitte der 70er Jahre werden u.a. in Wasch- oder Geschirrspülmitteln gentechnisch veränderte Enzyme eingesetzt. Sie sind für das Zerlegen des Schmutzes zuständig, was eine leichtere Reinigung ermöglicht. Gentechnisch veränderte Enzyme werden aber vor allem in der Erzeugung oder Verarbeitung von Lebensmitteln eingesetzt, etwa von Brot, Backwaren, Käse, Bier usw. Die trotz hoher Entwicklungskosten mittelfristig wesentlich billigere und mit höherer Ausbeute verbundene gentechnische Veränderung von Enzymen ist ein gutes Beispiel für die finanzielle Nutzung der Gentechnik: Der Weltumsatz beträgt ca. 15 Milliarden Schilling, ein Viertel wird dabei in der Lebensmittelindustrie, 700 Mio. Schilling für gentechnisch veränderte Enzyme für Papier-, Lederindustrie und die Herstellung von Wasch- und Geschirrspülmitteln umgesetzt. In den USA wird mit einem Umsatz von 50 Milliarden Dollar (= 500 Mrd. Schilling) mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln gerechnet.

Gentechnisch veränderte Aminosäuren liefern Geschmacksverstärker (z.B. für Suppen und Fertiggerichte), zum Teil kommen künstliche Süßstoffe (Kaugummis, Limonaden usw.) aus dem Genlabor. Von dort kommen auch einige Bakterien, Hefen und Schimmelpilze, die ebenfalls im Produktionsprozeß Einsatz finden, manche Käsesorten werden mit Unterstützung gentechnisch veränderter Hilfsstoffe erzeugt. All diese Produkte kommen erst langsam auf den Markt. In den USA sind es derzeit etwa 70 Produkte inklusive der berühmten „Anti-Matsch-Tomate", die länger rot und saftig aussieht. Die meisten Genehmigungsverfahren sind aber noch im Laufen.

In europäischen Begalen sind gentechnisch beeinflußte Lebensmittel zur Zeit eher die Ausnahme, finden sich aber schon in Frankreich, Großbritannien, Italien und der Schweiz bzw. als Importwaren auch in Deutschland.

Enzyme zählen übrigens nicht zu den kennzeichnungspflichtigen Lebensmittelzusatzstoffen. Sie werden -so die Argumentation der Hersteller -„nur" im Produktionsprozeß eingesetzt, ohne das Produkt zu verändern. Gefordert wird seit langem die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel.

Am 1. November ist die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Sojabohnen und Mais europaweit in Kraft getreten. Sie sollte eine Ergänzung der „Novel-Food" Verordnung vom Mai des Vorjahrs sein, in der es um die Herstellung von Lebensmitteln oder deren Bestandteile im Labor geht - die Gentechnik spielt hier eine Rolle neben anderen teils stark umstrittenen Verfahren.

„Nach wie vor ist die EU-Komissi-on jedoch konkrete Kennzeichnungskriterien für gentechnisch veränderte Lebensmittel schuldig geblieben. Ein ,Gen-Pickerl' ist damit in weiter Ferne, die Verordnung weist viele Lücken und Unstimmigkeiten auf", kritisiert Uli Sima, Gentechnik Expertin von „Global 2000". Sie verweist auch darauf, daß zwei Drittel aller Lebensmittel Soja enthalten -die Diskussion um gentechnisch veränderte Soja ist also von großer Bedeutung. Sima fordert „Gentech-und herkömmliche Rohstoffe von der Ernte an zu trennen und gesondert zu verarbeiten." Umweltinitiativen wie der Deutsche Umwelt- und Naturschutzbund sowie Greenpeace Osterreich arbeiten an Positiv-Kennzeichnungen für Produkte, die ohne Gentechnik hergestellt wurden. Heiß umstritten sind die möglichen Auswirkungen des Konsum gentechnisch veränderter Lebensmittel auf den Menschen:

Nachgewiesen wurde etwa, daß Allergiker auch auf eingeschleuste Gene reagieren: Ist jemand z.B. gegen Paranüsse allergisch, und wurde - wie geschehen - genetisches Material daraus in Soja eingebaut, kann er nun auch auf alle Sojaprodukte allergisch reagieren. Normalerweise vermeidet ein Allergiker bewußt bestimmte Lebensmittel - bei der abzusehenden eher oberflächlichen Kennzeichnungspflicht wird das zu einem Roulette mit der Gesundheit.

Soja ist ein wichtiges Tiernahrungsmittel und wird in der Produktion vieler Lebensmittel (auch von Babynahrung) eingesetzt. Eine Sorte ist etwa gegen das hochgiftige Pflanzen-„schutz"mittel „Ro-und-up" resistent.

Unklar ist dabei, ob genmanipulierte Soja nicht Spuren im menschlichen Organismus hinterläßt und ob Round-up nicht im Produktionsgang erhalten bleibt. Immer wieder erwähnt wird die Möglichkeit, daß eingeschleuste Gene in Pflanzen oder Tieren, die deren Wachstum beschleunigen oder andere erwünschte Eigenschaften herbeiführen sollen langfristig ebenso negative Konsequenzen für die Gesundheit haben. Ein Beweis für diese These existiert bislang nicht, allerdings ebensowenig ein glaubwürdiger Gegenbeweis.

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