Weißes Gold - <strong>Milchindustrie</strong><br />
Während eine Milchkuh vor 70 Jahren rund fünf Liter Milch pro Tag gab, sind es heute 20 – bei einzelnen Kühen gar 50 Liter täglich (im Bild: ein milchproduzierender Großtrieb in A Coruña im spanischen Galizien mit mehr als 300 Kühen). - © Getty Images / Xurxo Lobato / Cover
Gesellschaft

„Weißes Gold“ im Zwielicht

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Das Image der einst bestens beleumundeten Milch hat in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Warum eigentlich?

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Das Image der einst bestens beleumundeten Milch hat in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Warum eigentlich?

Für jüngere Generationen heutiger Erwachsener, die einst die Volksschulbank drückten, hieß es am Anfang eines jeden Schuljahres: Milch, Kakao oder Molke? Heute ist das Spektrum der Produkte, die in der seit 1930 bestehenden Schulmilchaktion den heimischen Tafelklasslern angeboten werden, noch etwas größer: Erdbeer- oder Bananenmilch und Himbeerjoghurt sind etwa vielerorts zur Auswahl dazugekommen. Über Jahrzehnte kauften die Eltern der Volksschüler mit einem jährlichen Betrag nicht nur eine tägliche flüssige Zwischenmahlzeit für ihre Kinder – sondern auch ein kleines Stück gutes Gewissen für sich selbst. Milch, das wusste schließlich jedes Kind, ist gut für den Nachwuchs. Denn sie enthält viel Calcium und das ist wichtig für den Knochenaufbau, wenn der Mensch noch im Wachstum ist.

Doch diese Erzählung bröckelt. Und das gleich aus mehreren Gründen. Einer davon: In den vergangenen Jahren sickerte auch bei vielen Eltern, dass es bei der Schulmilchaktion nicht ausschließlich um die Gesundheit ihrer Kinder geht, sondern auch ganz simpel um die Absatzsteigerung der milchproduzierenden Industrie. Ebendiese macht sich auch gar nicht erst große Mühe, das zu verschleiern. So ist etwa in einer Presseaussendung der Agrarmarkt Austria (AMA), zuständig unter anderem für die Vermarktung österreichischer Agrarprodukte, aus dem Jahr 1995 zu lesen: „Da der ohnedies hohe Frischmilchabsatz in Österreich nicht beliebig ausgeweitet werden kann“, werde eine Belebung der Schulmilchaktion geplant. Der so zentrale wie komplexe Grund für das bröckelnde Narrativ von der „guten Milch“ ist aber: Ihr Status als gesundes Lebensmittel ist in den vergangenen Jahren zunehmend unter Beschuss geraten.

Milch gar nicht gut für die Knochen?

So wird erhöhter Milchkonsum in Studien mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Krankheiten in Zusammenhang gebracht, darunter Diabetes Typ 2, Prostata- und Brustkrebs. Milch steht im Verdacht, Akne auslösen zu können und generell negative Auswirkungen auf das Hautbild zu haben. Gleichzeitig gebe es für positive Auswirkungen von Milchkonsum auf die Knochengesundheit selbst bei Kindern „keine wirklichen Hinweise“, sagt der Lebensmittelwissenschaftler und Geophysiker Kurt Schmidinger. „Der umgekehrte Effekt ist sogar besser belegt.“ Es sei bekannt, dass Milch Calcium enthält, deshalb glaube man, sie sei gut für die Knochen. Die großen empirischen Ernährungsstudien könnten dies allerdings nicht nachweisen. Dass die Milch trotz ihres Calciumgehalts nicht zwingend die Knochen schütze, könnte demnach an ihren vielen schwefelhaltigen Aminosäuren liegen, sagt Schmidinger. Diese würden im Stoffwechsel sauer reagieren und hätten daher das Potenzial, das nützliche Calcium zu neutralisieren. Was den Forscher zum Schluss bringt: „Das mit der Milch und den guten Knochen ist ein Mythos.“

Anders sieht das der Ernährungswissenschaftler Jürgen König von der Uni Wien: „Ich kann mir nicht wirklich erklären, warum viele Menschen in letzter Zeit Probleme in der Milch sehen.“ Kritik an ökologischen Auswirkungen der Milchproduktion wie am Tierwohl sei nachvollziehbar. Ernährungsphysiologisch sei die Milch aber sinnvoll. „Zu vernünftigem Essen gehört ein Milchprodukt dazu.“ Calciumzufuhr sei ohne Milchprodukte zwar möglich, aber kompliziert. Und erfordere daher eingehende Auseinandersetzung mit Lebensmitteln und Ernährung. Generell werde oft versucht, einzelne Bestandteile der Ernährung für bestimmte Effekte verantwortlich zu machen. „Dabei übersieht man aber gerne das Hauptproblem“, sagt König. „Wir konsumieren nicht von einem bestimmten Lebensmittel zu viel, sondern wir konsumieren von allem zu viel.“

Neben der Frage, ob Milch nun tatsächlich nützliche Effekte für die Knochen hat oder eben nicht, beschäftigt die Experten aktuell vor allem der Zusammenhang mit erhöhten Raten von Brust- und Prostatakrebs. Verbrieft ist er unter anderem im Bericht des World Cancer Research Fund, der Studien sammelt, die Rückschlüsse von Ernährungsfaktoren auf bestimmte Krebsarten zulassen. Warum es diesen Zusammenhang bei der Milch gibt, hat die Wissenschaft indes noch nicht hinreichend geklärt. Eine umstrittene These hat damit zu tun, dass Milch – auch bei Kühen – schließlich Wachstumsnahrung für Säuglinge ist. „Es ist eine hormonelle Substanz, die einem kleinen Körper sagt: Wachse jetzt schnell“, sagt Lebensmittelforscher Schmidinger. Dieses Wachstumssignal könnte bei Erwachsenen laut der bislang unbelegten These auch Krebszellen zum Wachsen anregen. Die Arbeit des World Cancer Research Fund weist gleichzeitig aber auch auf eine Risiko senkende Wirkung von Milchkonsum auf Dickdarmkrebs hin, wie König betont.

Milch ist eine hormonelle Substanz, die einem kleinen Körper sagt: Wachse jetzt schnell. Kann dieses Signal bei Erwachsenen auch Krebszellen zum Wachsen anregen?

Die Empfehlung für den Verzehr von Milchprodukten liegt in Österreich bei drei Portionen pro Tag, was zum Beispiel einem Glas Milch, einem Becher Joghurt und einer Portion Käse (zwei dünne Scheiben) entspricht. Der langfristige Konsum des Doppelten der empfohlenen Menge könnte laut dem Professor für Ernährungswissenschaft für die Gesamtbevölkerung durchaus problematisch sein. Ob ein erhöhter Milchkonsum auch für eine Einzelperson gesundheitlich bedenklich sein kann, hängt aber – wie immer bei Krebserkrankungen – von vielen weiteren Faktoren im Ernährungs- und Gesundheitsverhalten wie auch von genetischen Dispositionen ab. Auch ganz grundsätzlich sei bei erwachsenen Menschen aber ein reduzierter Konsum tierischer Lebensmittel zu empfehlen, sagt König.

„Grünland-Lüge“

Gesundheitliche und Ernährungsfragen bei Menschen sind allerdings nicht der einzige Grund, warum hoher Milchkonsum in der Kritik steht. Tierschützer weisen darauf hin, dass Milchkühe gleichsam zu Hochleistungsfabriken geformt werden. „Vor 70 Jahren hat eine Kuh vier Liter Milch pro Tag gegeben“, sagt Felix Hnat, Umweltökonom und Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich. „Heute gibt sie 20 Liter pro Tag, einzelne Kühe sogar bis zu 50 Liter.“ Milchkühe werden praktisch durchgehend schwanger gehalten – und das in, gelinde gesagt, wenig tierfreundlichen Massenbetrieben. Hinzu kommt, dass Kälber von ihren Müttern getrennt werden müssen, damit Kuhmilch für den Menschen produziert werden kann. Die Kälber werden deshalb oft zur Kalbfleischproduktion geschlachtet – häufig verbunden mit Tiertransporten durch halb Europa. Hnat verweist zudem auf das, was er die „Grünland-Lüge“ nennt: Während die Werbung suggeriere, Kühe würden auf der grünen Wiese grasen, sähen drei Viertel der Milchkühe de facto nie eine Weide. „Eine Kuh könnte in freier Wildbahn bis zu 20 Jahre alt werden“, sagt Hnat. „Milchkühe in Österreich sind nach fünf Jahren schon so ausgemergelt, dass man sie schlachten muss.“

Mehr Treibhausgase als Ölindustrie

Die Milchproduktion ist indessen auch schlecht für die Umwelt. Global betrachtet, sind die weltgrößten Molkereibetriebe für mehr Treibhausgase verantwortlich als die größten Ölkonzerne. Aus mehreren Gründen: Zunächst stoßen Kühe beim Verdauen Methangase aus – was bei den globalen Dimensionen der Milchwirtschaft ein ernstzunehmender Treiber für den Klimawandel ist. Hinzu kommen benötigte Ressourcen für den Futtermittelanbau. Die Regenwald-Abholzung geht etwa nicht nur wegen großer Rinderweiden in hohen Anteilen auf die Nutztierhaltung zurück – sondern auch wegen des Anbaus von Futter. Der Wasserverbrauch für einen Liter Kuhmilch ist zudem viermal so hoch wie für einen Liter Pflanzenmilch. Insgesamt weist die Produktion von Kuhmilch also eine äußerst negative Ökobilanz auf. Die Politik des österreichischen Staates, für Kuhmilch zehn Prozent Mehrwertsteuer zu verlangen, für pflanzliche Alternativen dagegen 20 Prozent, kritisiert Felix Hnat deshalb: „Ein Produkt, das sowohl beim Tierschutz, als auch ökologisch und gesundheitlich besser ist, höher zu besteuern, nur um die eigene Landwirtschaft zu forcieren, ist äußerst fragwürdig.“

Die Milchbauern selbst haben es in Österreich übrigens nicht gerade leicht. Rund 37 Cent bekommen sie für einen Liter Milch, für den der Konsument etwa einen Euro zahlt – wohl einer der häufigsten Gründe dafür, dass seit dem EU-Beitritt 273 österreichische Milchbauern ihre Tätigkeit aufgegeben haben. Man könne zwar nicht alles auf den Konsumenten abwälzen, sagt Ernährungswissenschaftler König. „Man sollte sich als Milchkäufer aber schon auch überlegen, ob berechtigte Ansprüche an Tierwohl und Ökologie unter den derzeitigen Preisbedingungen erfüllbar sind“.

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