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Digital In Arbeit

Das Essen: Frisch oder einfach fix und fertig?

Andrea K. pflückt in ihrem Garten ein paar Tomaten. Sie ist stolz: im Frühjahr hat sie die Pflanzen gesetzt, gegossen, den Rest hat die Sonne besorgt. Knallrot glänzen die Tomaten, Paradeiser, wie sie hier auch heißen. Andrea schneidet sie in Scheiben und richtet sie mit Bio-Schalotten, frisch gehacktem Basilikum sowie kaltgepreßtem Olivenöl an. Andrea kredenzt den einfachen Salat. Frische Lebensmittel schmecken, sind ein Genuß und gehören zu einer guten Lebensqualität.

„Essen und Trinken nehmen im Lebensstil der Österreicher einen hohen Stellenwert ein", steht im Lebensmittelbericht des Landwirtschaftsministeriums. Der Konsument legt bei Lebensmitteln Wert auf gute Qualität. Die Meinungsforscher von Fessel GfK haben erhoben, daß die Frische für nahezu alle österreichischen Verbraucher sehr wichtig ist. Weiters schätzen sie Naturbelassenheit und österreichische Herkunft.

Verena D., Volksschullehrerin und Mutter hat von der Arbeit kommend noch schnell eine Packung Frankfurter eingekauft. Ihre beiden Kinder werden bald aus der Schule kommen. Schnell bereitet Verena ein warmes Essen: In zehn Minuten wird aus Gemüsepulver mit Geschmacksverstärker Natriumglutamat, Trockenmagermilch, Zucker, Würzmittel, Aroma, Gewürzen sowie Farbstoff E 141 (kupferhaltige Komplexe der Chlorophylle und Chlorophylline) und einem Liter Wasser eine Erbsensuppe. Die gesiedeten Frankfurter hineingeschnitten und eine Mahlzeit für drei hungrige Mäuler ist fix und fertig. Fertigsuppen sind eine etablierte Errungenschaft der Lebensmittelverarbeitungsindustrie. Aber in der Branche bleibt kein Maggiwürfel auf dem anderen. Laufend wirft die Industrie raffinierte Fertiggerichte, sogenannte Convenience-Produkte, auf den Markt. Gestylte Hausfrauen, neuerdings auch -männer, zaubern in wenigen Minuten Werbefernsehen dampfende Hüttenschmankerln, femöstliche Nudelspezialitäten, herzhafte Fleischknödel, Pizzen und Mehlspeisenträume obendrein.

Die allseits hochgeschätzte Frische kommt bei Fertiggerichten nicht in den Topf. Kopf und Bauch, Wunsch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander, sind im Alltag schwer vereinbar. Denn wer, wenn alle frische Ware wollen, kauft Konserven, Konzentrate, Instant-Essen und Tiefkühl-produkte mit den darin enthaltenen Farbstoffen, Konservierungsstoffen, Säuerungsmitteln Verdickungsmit-teln, Gelier- und Feuchthaltemitteln, Emulgatoren, Zusatzstoffe, Geschmackverstärker, Stickstoffen. Gestreßte Mütter und Väter, deren Kinder, Singles - viele Menschen kochen, essen und leben schnell. Ludwig Feuerbachs Satz: „Der Mensch ist, was er ißt", bekommt einen neuen Sinn.

Kaum verständliche Produktinformation

EWB- und EU-Beitritt machten viele Anpassungen an das Gemeinschaftsrecht notwendig. Änderungen ergaben sich für heimische Konsumenten durch die Lebenmittelkennzeichnung. Die in Osterreich praktizierte Schutzphilosophie - strenge Produktionsnormen und Zulassungsbestimmungen - wich der EU-Informationsphilosophie. Heute rätseln mündige Bürger, was sie aus E-Nummern auf Verpackungen ablesen sollen. In der EU sind von E 100, Kurkumin, bis E 1518, Glycerintriacetat, immerhin mehr als 270 Zusatzstoffe zugelassen.

60 Prozent der Konsumenten meinen, die Information auf der Verpackung sei schwer verständlich, zu verwirrend. Wenig überraschend: Nur 13 Prozent von 1.517 Befragten wissen, daß es sich bei E 127 um einen Zusatzstoffoder den Farbstoff Erythrosin handelt. Sehr wenige nennen Erythrosin und fangen vermutlich etwas an mit dieser Information.

Man achtet auf heimische Herkunft

Neun von zehn Österreichern sagen, daß sie sich regelmäßig die Kennzeichnung ansehen. Die meisten schauen auf das Herstellungs- und Ablaufdatum, dann auf den Preis und auf die Angabe des Herstellungslandes. Angst vor Bindfleisch aus Großbritannien und die mögliche Einfuhr von gentechnisch veränderten Lebensmittel verstärken den Konsumpatriotismus. 75 Prozent achten mehr als früher auf österreichische Herkunft, 94 Prozent sind dafür, daß heimische Lebensmittel speziell gekennzeichnet werden.

80 Prozent der Österreicher wollen keine radioaktiv bestrahlten Lebensmittel. Damit lehnen sie diese Methode zum Verlängern der Haltbarkeit breit ab. In einigen EU-Staaten ist das Bestrahlen von Lebensmitteln erlaubt, allerdings müssen diese Produkte mit den Worten „bestrahlt" oder „mit ionisierenden Strahlen behandelt" gekennzeichnet werden. „Obwohl bestrahlte Nahrungsmittel toxikologisch weitestgehend als unbedenklich gelten" (Lebensmittelbericht), haben viele Menschen Angst vor Gesundheitsschäden und mißtrauen scheinbarer Frische.

Auch gentechnisch veränderte Lebensmittel werden hierzulande stark abgelehnt. Die Produzenten forcieren drei Anwendungsbereiche: die gentechnische Veränderung von Pflanzen und Tieren, die gentechnische Veränderung von Mikroorganismen für die Verarbeitung und die gentechnische Herstellung von Nahrungsmittelbestandteilen. Wie bei der Bestrahlung sehen Konsumenten ein Gesundheitsrisiko, fürchten aber auch unbekannte, unkontrollierbare Folgen und werten diese Technik als abnormal. Acht von zehn wollen keine gentechnisch hergestellten Lebensmittel kaufen.

Eine Erfolgsstory ist der biologische Landbau zwischen Boden- und Neusiedlersee. Jeder zweite ißt gelegentlich Produkte aus biologischer Landwirtschaft. 1970 gab es 25 Bio-Betriebe, seit 1992 wächst ihre Zahl expo-nentiell, heute-wirtschaften mehr als 20.000 Bauern biologisch. Soviele gibt es in keinem anderen europäischen Land. Für Konsumenten wie für Bauern ist von Vorteil, daß führende Supermarktketten Bio-Produkte in ihr Sortiment aufnahmen. Die Hälfte der Verbraucher erkennen „Ja! natürlich" als Marke für Bio-Produkte. Das AMA-Biokontrollzeichen und das Zeichen des Ernteverbandes, des größten österreichischen Bio-Verbandes, werden hingegen als solche oft nicht wahrgenommen. Bio-Konsumenten kaufen Fleisch, Brot, Obst und Gemüse häufig direkt von Bauern oder in Bio-Läden, an Marktständen. Experten sagen für das Jahr 2000 einen Marktanteil der Bio-Produkte am gesamten Lebensmittelumsatz von zehn Prozent voraus.

1 )ie Mehrzahl der Österreicher ist mit ihrer Ernährung zufrieden. Jeder zehnte ist es allerdings nicht. Andrea gehört zu den Glücklichen, die sich mit frischem Gemüse aus dem Garten versorgen, heuer erntete sie reichlich Paradeiser. Jene Tomaten, die nicht mehr reiften, hat sie eingelegt, so kann sie auch im Winter selbstgezogene genießen. Mehlige Glashausware kommt für sie nicht in die Tüte.

Die gentechnisch veränderte Fla-vr-Savr-Tomate, besser bekannt als Antimatsch-Tomate, ist für sie wie für die meisten Österreicher ein Produkt aus einer anderen Welt. Mahlzeit!

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