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Logisch biologisch

Darf's eine konventionelle, eine gentechnikfreie oder eine biologische Karotte sein? In Österreich vor allem eine biologische.

Ich kann die Essgewohnheiten der Menschen oder die Politik in Brüssel und in Österreich nicht ändern", sagt Gerhard Zoubek, Biobauer aus Niederösterreich. Auf den ersten Blick wirkt das sehr fatalistisch, doch Zoubek fährt fort: "Ich kann einfach versuchen mich zu ändern und mit gutem Beispiel vorangehen. Denn jeder Mensch kann sich ändern, kann sich jeden Tag durch sein Kaufverhalten für oder gegen etwas entscheiden."

Zoubek glaubt an die Macht der Konsumenten, und die glauben ihm und lassen sich Gemüse, Obst, Getreideprodukte und vieles mehr direkt vor die Haus-oder Wohnungstür liefern. Laut Zoubek spüren seine Kunden, dass er den Biogedanken authentisch lebt. Was so viel bedeutet, dass alles hinterfragt und kritisch beleuchtet wird. "So habe ich auch meine Kinder erzogen", sagt Zoubek. Wer hat einen Nutzen, wenn ich dieses oder jenes Produkt kaufe? Wer hat etwas davon, wenn er für die eine oder andere Sache Stellung bezieht? Diese Fragen beschäftigen Zoubek in seiner täglichen Arbeit.

Künstlicher Mainstream

Er ist überzeugt, dass die Freiheit der Konsumenten durch die Werbung eingeschränkt wird. Am Biohof Adamah schrillen die Alarmglocken, wenn ein Ablaufdatum mehr zählt, als die Qualität des Produktes. Dieser Frischewahn sei ein künstlich erzeugter Mainstream, der damit einhergeht, dass viele Menschen "das Gespür" verloren hätten. So seien Karotten, auf denen noch etwas Erde klebt - damit sie länger frisch bleiben -, in einem Supermarkt nicht mehr verkäuflich. Gemüse und Obst soll möglichst klinisch sauber aussehen und am besten in Plastik verschweißt auf den Konsumenten warten. "Vielen Menschen ist der natürliche Hausverstand abhanden gekommen", sagt Zoubek. Die Werte-Diskussion innerhalb der Bio-Szene kann Engelbert Sperl, Geschäftsführer von Bio Austria, zum Teil nachvollziehen. Wobei er einwendet, dass es immer noch besser sei, dass man biologische Lebensmittel, auch wenn sie gewaschen und in Plastik verschweißt von den herkömmlichen Produkten nicht zu unterscheiden sind, überhaupt im Supermarkt bekommt. Vordringlicher sei, dass die Biobauern einen fairen Erzeugerpreis von den Handelsketten bekommen. Dies sei bis jetzt durch die gute Zusammenarbeit mit den Einzelhändlern gelungen. Wie es in den nächsten zehn Jahren weitergeht, so glaubt Sperl an eine 50:50 Chance: "Man kann dies als Gefahr oder als Herausforderung betrachten. Ich denke allerdings positiv."

Bio boomt, so viel steht fest. Das ist nicht nur an den Zahlen, die die Verbände Bio Austria und Agrarmarkt Austria präsentieren, zu sehen (im ersten Halbjahr 2006 erzielten Bioprodukte im Handel einen Umsatzzuwachs von 30 Prozent), sondern lässt sich auch daran erkennen, dass verstärkt Bio-Supermärkte - die ausschließlich kontrolliert biologische Erzeugnisse verkaufen - auf den Markt drängen. Alois Rosenberger, Inhaber der Bio-Supermarkt-Kette "biomarket" fürchtet die neue Konkurrenz nicht. Viel problematischer sei der Versuch, die Gentechnik auch bei Bio-Produkten zuzulassen. (Ende Februar kommt ein Kommissionsvorschlag in das EU-Parlament, der vorsieht, dass Bio-Produkte bis zu 0,9 % gentechnisch veränderte Organismen enthalten dürfen. Österreich lehnt diesen Kompromiss ab und beharrt auf einer 0,0 % Regelung für Bio-Produkte; Anm.)

Biologische Lebensmittel sind angesagt, das weiß auch Bio-Pionier Werner Lampert, der für Karl Wlascheks Billa (1996 von Rewe übernommen) die Marke "Ja! Natürlich" aufgebaut hat. Lampert ist in der Bio-Szene umstritten, da er im vergangenen Jahr mit dem Diskonter Hofer die Marke "Zurück zum Ursprung" ins Leben gerufen hat. Es handelt sich dabei um keine Bio-Lebensmittel. Einige Produktions-Grundsätze klingen zwar biologisch, das ist aber auch alles. Lampert beantwortete der Furche schriftlich einige Fragen:

Die Furche: Als Laie betrachtet klingen die Grundwerte Ihrer "Zurück zum Ursprung"-Linie ähnlich wie die von Bio-Produkten. Gentechnikfrei, Nachhaltigkeit, artgerechte Tierhaltung, usw.. Worin liegt nun genau der Unterschied zwischen ihrer Produktphilosophie und jener von zertifizierten Bio-Produkten?

Werner Lampert: Im Unterschied zu Bio haben wir keine global gültigen Standards. Wir schauen uns die Regionen an, und entwickeln gemeinsam mit den Bauern Produkte, über deren Ursprung wir die Konsumenten ausführlich und in größtmöglicher Transparenz informieren. Das garantiert Fairness gegenüber den Bauern und Konsumenten, und trägt durch eine höhere Wertschöpfung in der Region zum Erhalt des Lebens-und Erwerbsraumes der Bauern bei.

Die Furche: Kritiker behaupten, Sie nutzen das positive Image der Bio-Produkte, ohne selbst deren strenge Auflagen zu erfüllen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Lampert: Dieser Vorwurf geht ins Leere. Die neue Marke "Zurück zum Ursprung" hat andere Schwerpunkte als "Bio". Unsere Grundwerte und Auflagen sind teilweise ähnlich wie Bio aber eben nicht ident. So sind wir beispielsweise im Bereich Umwelt weniger streng als "Bio", im Bereich des Tierschutzes dagegen sind unsere Kriterien dafür strenger.

Die Furche: Warum haben Sie sich vom Bio-Landbau abgewendet?

Lampert: Ich habe mich nicht abgewendet, sondern die Idee des Bio-Landbaus weiterentwickelt.

Die Furche: Was bringt die Zukunft für die biologische Landwirtschaft?

Lampert: Unser Konzept ist die Zukunft der Lebensmittel erzeugenden Landwirtschaft. Insbesondere nach dem Jahr 2013, wenn es voraussichtlich massive Einschnitte in die Förderungen der Landwirtschaft geben wird. Das "Europa der Regionen" muss auch im Bereich der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion mit Leben erfüllt werden. Wir legen damit die Grundlage zum Überleben regionalspezifischer, kleinstrukturierter Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion.

Thomas Meickl, Viktoria Scherrer

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