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Gesellschaft

Lust und Zwang der Wegwerf-Gesellschaft

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Eine Studie bekräftigt: Kaufen soll auch Sinn stiften. Die Konsumenten werden anspruchsvoller, gekauft wird lustvoller, aber nicht weniger. Die Kehrseite ist "Wohlstandsmüll": Weggeworfene Lebensmittel und Handys.

Schuhmacher J. zuckt mit den Schultern. Die Frage, wie die Geschäfte stehen, quittiert er mit einer kurzen Antwort: mal besser, mal schlechter. Zu tun habe er immer. Die Regale sind voll mit repariertem oder noch beschädigtem Schuhwerk, mal war's der Absatz, mal die Sohle. Zurzeit würden wieder eher mehr Menschen ihre Schuhe zur Reparatur bringen, anstatt sie gleich wegzuwerfen; vielleicht sei es die Krise, vielleicht Zufall. Herr J. arbeitet seit 25 Jahren als Schuhmacher, seit zehn Jahren betreibt er seinen Laden für Schuhservice und Schlüsseldienst im neunten Wiener Bezirk.

Dass in Zeiten der Krise die Dienste des Schusters wieder eher in Anspruch genommen werden, glaubt Mirko Snajdr nicht. Er ist Innungsmeister der Schuhmacher und Orthopädieschuhmacher in der Wirtschaftskammer Wien. Den sogenannten "Instandsetzern", vulgo Schustern, gehe es sowieso seit Jahren schlecht, verweist Snajdr auf Billigware aus Fernost.

Diese - so die Erfahrung mancher Konsumenten - landet nicht selten nur nach einer Saison im Mülleimer.

Zurzeit gibt es in Wien laut Snajdr ca. 150 Schuhmacher, die das Fußwerk reparieren, meist kombiniert mit Schlüsseldiensten. Ob Schuh oder Schlüssel - aus beiden Bereichen werde in etwa gleich viel Umsatz gewonnen. Die Zahl der Schuster sei seit Jahren stabil. "Es wird immer Leute geben, die Qualitäts- oder gar Maßschuhe kaufen."

Die teuren Stücke lässt man eher neu besohlen und verwendet sie nach jahrelangem Tragen vielleicht nicht mehr für Festtage, sondern als "Werktagsschuhe", bevor man das gute Stück schweren Herzens aussortiert oder verschenkt.

Ob teurer Markenschuh mit speziellem Fußbett oder die Bio-Banane mit Fair-Trade-Gütesiegel: Bestimmte Gruppen von Konsumenten würden nicht nur nach brauchbarer, kostengünstiger Ware suchen, diese soll auch Sinn stiften und Werte vermitteln, so das Resümee einer aktuellen Studie mit dem Titel "Sinnmärkte" des deutschen "Zukunftsinstituts" ( www.zukunftsinstitut.de). Das Institut des Trendforschers Matthias Horx nahm für diese Studie nach eigenen Angaben einige Teilmärkte genau unter die Lupe.

Die Ergebnisse: Das Konsumverhalten wandle sich, erklärt Oliver Dziemba, Mitarbeiter an der Studie, nicht zuletzt aufgrund der Krise. Schon 2003 habe man auf ein neues Phänomen hingewiesen: die "Lohas"-Fans (Lifestyle of Health and Sustainability), also Konsumenten, die auf Lebensstil und Nachhaltigkeit setzten. "Seitdem hat der Öko-Lifestyle weite Verbreitung gefunden und ist längst von der Food-Nische in den Mainstream vieler Branchen gewandert", sagt Dziemba.

Kauflust ohne Gewissensbisse

Diese Gruppe sei heterogen, kritisch und vor allem eines: im Wachsen. Die Konsumenten suchen Sinn, ihr Kauf soll für sie mit Werten verknüpft sein, sie wollen sich was Gutes tun: der Gesundheit und auch dem Gewissen. Eines ist aber dieser Einschätzung zufolge den Konsumenten nicht vergangen: die Lust am Kaufen.

Ob Sinn oder Werte, Bio oder Fair-Trade: Auch diese Konsumenten seien Teil eines Systems, dessen Logik unverändert sei: schneller und steigender Umsatz, meint hingegen der Grazer Soziologe und FURCHE-Kolumnist Manfred Prisching. Natürlich gebe es in einer "Luxusgesellschaft" den Wunsch vieler Konsumenten nach dem gewissen Zusatz: Qualität, Bio oder Effizienz.

Gruppen, die auf eine neue Bescheidenheit setzen würden, blieben Nischen, der Mainstram sei davon nicht betroffen. Und das wäre auch vonseiten der Politik nicht gewünscht, keine Rede also von Gürtel enger schnallen, im Gegenteil: "Gerade in Zeiten der Krise, die auch eine Krise des Überkonsums ist, lautet die Reaktion der offiziellen Instanzen: Der alte Weg muss möglichst rasch wiederhergestellt werden. Die dazu passende Botschaft: Liebe Leute, keine Angst kriegen, kauft!", erklärt Prisching. Die Konsumgesellschaft laufe darauf hinaus, ständig etwas Neues zu brauchen - für die Identität und das Gefühlsleben ihrer Vertreter. Wer sein drei Jahre altes Handy immer noch benutze, gelte schon als sonderbarer Vogel, merkt der Soziologe an.

Peter Lechner würde die Handys im Abfall als Teil eines "Wohlstandsmülls" bezeichnen. Der Leiter des Instituts für Abfallwirtschaft an der Universtät für Bodenkultur Wien hat mit seinem Team schon des Öfteren das untersucht, was Herr und Frau Österreicher als unbrauchbar und unnütz klassifizieren: den Müll.

Die gute Nachricht zuerst: Die Bewusstseinsarbeit im Bereich Recycling hat gegriffen: Die Sammlung von Altpapier oder von Bioabfall hat stark zugenommen. Nach Daten eines Bundeslandes, das laut Lechner repräsentativ für ganz Österreich ist, nahm zwischen 1998 und 2007 die Altpapiermenge um fast 50 Prozent zu, die Biotonnenabfälle um 20 Prozent.

Aufreger: Lebensmittel

Die Schattenseite: Sperrmüll (etwa Möbel), Elektronikschrott (etwa Handys oder Computer) und auch Lebensmittel finden sich immer mehr in der Mülltonne. Alles Bestandteile eines "Wohlstandsmülls", wie Lechner es nennt.

Moralisch aufgeladen ist das Thema Lebensmittel, die weggeworfen werden. Auch bei dieser Gruppe sei tendenziell von einer Zunahme auszugehen, Vergleichszahlen fehlten aber, so Lechner. Die Abfallforscher wollten die Hintergründe wissen: "Das Einkaufen ist ein automatisierter Vorgang geworden, das ist gut so. Doch nun habe ich den Eindruck, dass es in Richtung wahllosem Einkauf geht," erklärt Lechner. Zudem werde auch im Haushalt sorgloser mit Nahrungsmitteln umgegangen. Die Leute wüssten zwar, dass das Datum auf den Packungen Mindesthaltbarkeitsdaten seien, dennoch werde oft nach Überschreitung dieser Grenze aussortiert, ohne selbst zu überprüfen, ob etwa das Joghurt schon schlecht sei oder nicht. "Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird als Entscheidungshilfe genommen für etwas, das man eh nicht mehr will."

Doch nicht jeder tut sich mit dem Wegwerfen so leicht. Wer kennt sie nicht, die alte Jeans, die nicht mehr passt und dennoch im Kasten bleibt? In extremer Ausprägung und als Krankheitsbild nennt man dies Messie-Syndrom (siehe unten). Und so mancher betroffener "Messie" erinnert die angeblich Gesunden an deren "Messie-Nest", das angeblich fast jeder hat: etwa eine vollgestopfte Schublade, die kaum mehr schließt.

Und irgendwann entscheidet es sich, was mehr Lust bereitet: das Ausräumen, In-einen-Sack-Stecken und ab in den Müllcontainer oder der Anblick des Chaos mit der Beruhigung: Vielleicht kann ich das ja noch mal brauchen.

Eine Studie bekräftigt: Kaufen soll auch Sinn stiften. Die Konsumenten werden anspruchsvoller, gekauft wird lustvoller, aber nicht weniger. Die Kehrseite ist "Wohlstandsmüll": Weggeworfene Lebensmittel und Handys.

Schuhmacher J. zuckt mit den Schultern. Die Frage, wie die Geschäfte stehen, quittiert er mit einer kurzen Antwort: mal besser, mal schlechter. Zu tun habe er immer. Die Regale sind voll mit repariertem oder noch beschädigtem Schuhwerk, mal war's der Absatz, mal die Sohle. Zurzeit würden wieder eher mehr Menschen ihre Schuhe zur Reparatur bringen, anstatt sie gleich wegzuwerfen; vielleicht sei es die Krise, vielleicht Zufall. Herr J. arbeitet seit 25 Jahren als Schuhmacher, seit zehn Jahren betreibt er seinen Laden für Schuhservice und Schlüsseldienst im neunten Wiener Bezirk.

Dass in Zeiten der Krise die Dienste des Schusters wieder eher in Anspruch genommen werden, glaubt Mirko Snajdr nicht. Er ist Innungsmeister der Schuhmacher und Orthopädieschuhmacher in der Wirtschaftskammer Wien. Den sogenannten "Instandsetzern", vulgo Schustern, gehe es sowieso seit Jahren schlecht, verweist Snajdr auf Billigware aus Fernost.

Diese - so die Erfahrung mancher Konsumenten - landet nicht selten nur nach einer Saison im Mülleimer.

Zurzeit gibt es in Wien laut Snajdr ca. 150 Schuhmacher, die das Fußwerk reparieren, meist kombiniert mit Schlüsseldiensten. Ob Schuh oder Schlüssel - aus beiden Bereichen werde in etwa gleich viel Umsatz gewonnen. Die Zahl der Schuster sei seit Jahren stabil. "Es wird immer Leute geben, die Qualitäts- oder gar Maßschuhe kaufen."

Die teuren Stücke lässt man eher neu besohlen und verwendet sie nach jahrelangem Tragen vielleicht nicht mehr für Festtage, sondern als "Werktagsschuhe", bevor man das gute Stück schweren Herzens aussortiert oder verschenkt.

Ob teurer Markenschuh mit speziellem Fußbett oder die Bio-Banane mit Fair-Trade-Gütesiegel: Bestimmte Gruppen von Konsumenten würden nicht nur nach brauchbarer, kostengünstiger Ware suchen, diese soll auch Sinn stiften und Werte vermitteln, so das Resümee einer aktuellen Studie mit dem Titel "Sinnmärkte" des deutschen "Zukunftsinstituts" ( www.zukunftsinstitut.de). Das Institut des Trendforschers Matthias Horx nahm für diese Studie nach eigenen Angaben einige Teilmärkte genau unter die Lupe.

Die Ergebnisse: Das Konsumverhalten wandle sich, erklärt Oliver Dziemba, Mitarbeiter an der Studie, nicht zuletzt aufgrund der Krise. Schon 2003 habe man auf ein neues Phänomen hingewiesen: die "Lohas"-Fans (Lifestyle of Health and Sustainability), also Konsumenten, die auf Lebensstil und Nachhaltigkeit setzten. "Seitdem hat der Öko-Lifestyle weite Verbreitung gefunden und ist längst von der Food-Nische in den Mainstream vieler Branchen gewandert", sagt Dziemba.

Kauflust ohne Gewissensbisse

Diese Gruppe sei heterogen, kritisch und vor allem eines: im Wachsen. Die Konsumenten suchen Sinn, ihr Kauf soll für sie mit Werten verknüpft sein, sie wollen sich was Gutes tun: der Gesundheit und auch dem Gewissen. Eines ist aber dieser Einschätzung zufolge den Konsumenten nicht vergangen: die Lust am Kaufen.

Ob Sinn oder Werte, Bio oder Fair-Trade: Auch diese Konsumenten seien Teil eines Systems, dessen Logik unverändert sei: schneller und steigender Umsatz, meint hingegen der Grazer Soziologe und FURCHE-Kolumnist Manfred Prisching. Natürlich gebe es in einer "Luxusgesellschaft" den Wunsch vieler Konsumenten nach dem gewissen Zusatz: Qualität, Bio oder Effizienz.

Gruppen, die auf eine neue Bescheidenheit setzen würden, blieben Nischen, der Mainstram sei davon nicht betroffen. Und das wäre auch vonseiten der Politik nicht gewünscht, keine Rede also von Gürtel enger schnallen, im Gegenteil: "Gerade in Zeiten der Krise, die auch eine Krise des Überkonsums ist, lautet die Reaktion der offiziellen Instanzen: Der alte Weg muss möglichst rasch wiederhergestellt werden. Die dazu passende Botschaft: Liebe Leute, keine Angst kriegen, kauft!", erklärt Prisching. Die Konsumgesellschaft laufe darauf hinaus, ständig etwas Neues zu brauchen - für die Identität und das Gefühlsleben ihrer Vertreter. Wer sein drei Jahre altes Handy immer noch benutze, gelte schon als sonderbarer Vogel, merkt der Soziologe an.

Peter Lechner würde die Handys im Abfall als Teil eines "Wohlstandsmülls" bezeichnen. Der Leiter des Instituts für Abfallwirtschaft an der Universtät für Bodenkultur Wien hat mit seinem Team schon des Öfteren das untersucht, was Herr und Frau Österreicher als unbrauchbar und unnütz klassifizieren: den Müll.

Die gute Nachricht zuerst: Die Bewusstseinsarbeit im Bereich Recycling hat gegriffen: Die Sammlung von Altpapier oder von Bioabfall hat stark zugenommen. Nach Daten eines Bundeslandes, das laut Lechner repräsentativ für ganz Österreich ist, nahm zwischen 1998 und 2007 die Altpapiermenge um fast 50 Prozent zu, die Biotonnenabfälle um 20 Prozent.

Aufreger: Lebensmittel

Die Schattenseite: Sperrmüll (etwa Möbel), Elektronikschrott (etwa Handys oder Computer) und auch Lebensmittel finden sich immer mehr in der Mülltonne. Alles Bestandteile eines "Wohlstandsmülls", wie Lechner es nennt.

Moralisch aufgeladen ist das Thema Lebensmittel, die weggeworfen werden. Auch bei dieser Gruppe sei tendenziell von einer Zunahme auszugehen, Vergleichszahlen fehlten aber, so Lechner. Die Abfallforscher wollten die Hintergründe wissen: "Das Einkaufen ist ein automatisierter Vorgang geworden, das ist gut so. Doch nun habe ich den Eindruck, dass es in Richtung wahllosem Einkauf geht," erklärt Lechner. Zudem werde auch im Haushalt sorgloser mit Nahrungsmitteln umgegangen. Die Leute wüssten zwar, dass das Datum auf den Packungen Mindesthaltbarkeitsdaten seien, dennoch werde oft nach Überschreitung dieser Grenze aussortiert, ohne selbst zu überprüfen, ob etwa das Joghurt schon schlecht sei oder nicht. "Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird als Entscheidungshilfe genommen für etwas, das man eh nicht mehr will."

Doch nicht jeder tut sich mit dem Wegwerfen so leicht. Wer kennt sie nicht, die alte Jeans, die nicht mehr passt und dennoch im Kasten bleibt? In extremer Ausprägung und als Krankheitsbild nennt man dies Messie-Syndrom (siehe unten). Und so mancher betroffener "Messie" erinnert die angeblich Gesunden an deren "Messie-Nest", das angeblich fast jeder hat: etwa eine vollgestopfte Schublade, die kaum mehr schließt.

Und irgendwann entscheidet es sich, was mehr Lust bereitet: das Ausräumen, In-einen-Sack-Stecken und ab in den Müllcontainer oder der Anblick des Chaos mit der Beruhigung: Vielleicht kann ich das ja noch mal brauchen.