Containerer - "Müllstierdler" wie Lukas Uitz suchen im Müll nach noch genießbaren Lebensmitteln. Und sie werden überaus fündig. - © Christoph Laible
Gesellschaft

Essen aus der Tonne

1945 1960 1980 2000 2020

In Österreich werden jährlich 207.000 Tonnen genießbare Lebensmittel weggeworfen. „Containerer“ wollen das nicht hinnehmen und fischen deshalb im Müll.

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In Österreich werden jährlich 207.000 Tonnen genießbare Lebensmittel weggeworfen. „Containerer“ wollen das nicht hinnehmen und fischen deshalb im Müll.

Abends, 21 Uhr, im Hinterhof einer Billa-Filiale: Zwei junge Männer hieven Säcke aus Mülltonnen und schaufeln mit ihren Händen durch den Inhalt. Es riecht nach Kompost. Etwa zwanzig Meter entfernt liegt die Innsbrucker Bundesstraße im Salzburger Stadtteil Maxglan. Der „Billa“-Schriftzug prangt in gelben Lettern auf dem Gebäude hinter den Männern. Regen prasselt auf ihre Funktionsjacken, deren Neonfarben – Gelb und Blau – im Halbdunkel leuchten. Lukas Uitz zieht einen Karfiol aus einem Müllsack. „Ich mache das seit zwölf Jahren“, erzählt der 32-Jährige und fährt sich durch den Kinnbart.

Heute ist er erstmals mit Andy unterwegs, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Als „Containerer“ durchsuchen die beiden Supermarkt-Tonnen nach Lebensmitteln, die noch essbar sind: Mängelexemplare, Waren kurz vor oder kurz über dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Die Bewegung hat ihren Ursprung in amerikanischen Großstädten wie New York oder Los Angeles. Mitte der 1990er-Jahre gruppierten sich dort die ersten Müll­aktivisten. Mittlerweile hat der Nischen-Trend längst Österreich erreicht. Um die Salzburger Szene zu vernetzen, gründete Lukas 2012 die Facebook-Gruppe „Müllstierdler“ – benannt nach den Männern und Frauen, die in der Nachkriegszeit die Reste auf dem Naschmarkt in Wien eingesammelt haben. Die Original-Müllstierdler taten das aus Hungersnot. Lukas und seine Mitstreiter wollen hingegen mit dem Müllsammeln ein Zeichen setzen: für die Umwelt und gegen die Wegwerfgesellschaft und Überproduktion.

207.000 Tonnen Lebensmittel im Müll

Die Europäische Kommission schätzt, dass in der EU jährlich 88 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen. Das macht 173 Kilo pro Person. Laut der Universität für Bodenkultur Wien werden in Österreich jährlich 207.000 Tonnen Lebensmittel, die noch genießbar wären, weggeworfen. Eine Situation, mit der sich die Salzburger Müllstierdler nicht abfinden wollen.

638 Mitglieder teilen in Lukas’ Facebook-Gruppe Tipps, posten Bilder von Tonnen, in denen sich Essen stapelt – und planen gemeinsame Touren. Auf denen bewegen sie sich freilich in einem rechtlichen Graubereich. „Nach dem Landesgesetz Salzburg gehört der Müll der Stadt, wonach die Polizei Diebstahl ahnden könnte“, erklärt Lukas. „Ich sehe das aber so: Der Müll gehört der Stadt und die Stadt sind wir.“ Er selbst sei schon zwölf Jahre als Containerer unterwegs – und noch nie angezeigt worden. Die Stadt, das ist auch Jürgen Wulff-Gegenbaur. Er leitet den Abfallservice der Stadt Salzburg und sieht die Sache mit dem Containern so: „Wir verfolgen die Containerer nicht. Die Polizei auch nicht. Wir haben anderes zu tun. Dass der Abfall der Stadt gehört, sieht das Abfallwirtschaftsgesetz vor. Das zu ändern, ist schwierig. Wir haben das auch im Städtebund diskutiert. Doch wer haftet, wenn ein Containerer etwas Verdorbenes isst und sich vergiftet?“

Was tun mit „abgelaufener“ Ware?

Auf dem Weg zum nächsten Billa fällt das Gespräch auf die „Fridays for Future“-Bewegung – junge Menschen, die aus Protest gegen die Klimaerhitzung freitags die Schule schwänzen und demonstrieren gehen. „Die Klima-Bewegung hat sicher ein größeres Bewusstsein für die Umwelt geschaffen“, sagt Lukas. Einen Zulauf zu den Müllstierdlern, die sich noch radikaler gegen Ressourcenverschwendung einsetzen, bemerkt er aber nicht. „Es kostet Überwindung, containern zu gehen. Am Anfang ist es komisch, Essen aus dem Müll zu fischen. Und es ist was anderes als demonstrieren, weil es etwas Verbotenes hat“, sagt Lukas. „Aber letztlich haben nur wenige Leute etwas gegen uns. Wenn wir ihnen erklären, warum wir machen, was wir machen, finden es fast alle gut.“

Die „Erfolgschancen“ für die Müllstierdler seien jedenfalls von Supermarkt zu Supermarkt unterschiedlich, setzt er fort. „Billa verbietet den Mitarbeitern, abgelaufene Waren mit nach Hause zu nehmen. Dort finden wir deshalb am meisten“, sagt Lukas. Bei SPAR sei es meist anders: „Die verschenken abgelaufene Lebensmittel am Eingang oder verkaufen Waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums mit Rabatt. Das bedeutet weniger Müll und weniger für uns zu holen.“ Doch wie reagieren die Supermarktketten auf diese Vorwürfe? Susanne Moser-Guntschnig, Pressesprecherin von Billa, das zur Rewe-Group Österreich gehört, gibt eine schriftliche Stellungnahme ab: „Grundsätzlich ist es nicht gewünscht, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgelaufene Ware mitnehmen“, stellt sie klar. „Definierte Ware wird aber am Nachmittag/Abend verbilligt verkauft – somit haben selbstverständlich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit, diese Waren vergünstigt zu kaufen. Abgelaufene Ware stellen wir unseren Kooperationspartnern wie der Tafel Österreich oder SOMA (Sozialmarkt, Anm. d. Red.) zur Verfügung, um hier nur einige Namen zu nennen. Bundesweit gibt es eine Vielzahl an Kooperationspartnern, die wir mit Lebensmittelspenden beliefern.“

Es kostet Überwindung, containern zu gehen. Am Anfang ist es komisch, Essen aus dem Müll zu fischen, weil es etwas Verbotenes hat.

Die Konkurrenz äußert sich am Telefon. Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin von SPAR Österreich, sagt gegenüber der FURCHE: „Mitarbeiter dürfen bei uns keine abgelaufenen Waren mitnehmen. Ich kenne auch keinen Händler, der das erlaubt. Die Mitarbeiter würden zu viel bestellen, wir haben das getestet. Das ist ein menschlicher Effekt. Wir haben aber in ganz Österreich Kooperationen mit Sozialmärkten und anderen Institutionen. Die holen die Ware ab, die wir nicht verkaufen können.“

Lukas Uitz, der für die Grünen im Salzburger Gemeinderat sitzt, scheinen diese Maßnahmen nicht zu reichen. Er macht sich für ein Gütesiegel für Müllvermeider stark. Supermärkte könnten der Umwelt helfen und gleichzeitig ihr Image verbessern, ist er überzeugt. „Man muss die Unternehmen an der Marktlogik packen. Und durch ein Siegel könnten Konsumentinnen bewusst Müllvermeider unterstützen. Am besten wäre es ja, wenn es uns Müllstierdler nicht mehr braucht, weil kaum noch was weggeworfen wird.“

Inzwischen erreicht das Duo die nächste Station. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen. Die Straßenlaternen strahlen orangenfarbenes Licht auf den Asphalt. Lukas setzt seine Stirnlampe auf und schiebt den Deckel einer Mülltonne hoch. Wieder steigt der Geruch von Kompost und Brot in die feuchte Luft. Der Lichtkegel von Lukas’ Kopflampe wandert über Müslibrot, Fruchtzwerge, Laugenstangen, eine Packung Popcorn-Chips und eine Erdbeerpflanze. Er drückt einen Müllsack zur Seite und deckt zwei Rosensträuße auf. Ihre Blüten lugen gelb und rosa aus der Plastikverpackung.

„Die nehme ich mit. Die verschenke ich. Das ist ein Klassiker beim Containern“, sagt er und lächelt. Lukas wühlt inzwischen weiter und hält plötzlich inne. „Schwedenbomben! Da gibt es Schwedenbomben!“, ruft er. „Die müssen wir gleich essen.“ Er streckt Andy eine entgegen. Die Schokolade glänzt im Laternenlicht. Sie beißen hinein und kauen.

„Müll“ im Wert von 200 Euro

Nach der Stärkung geht es weiter. Lukas und Andy hieven Säcke aus den Tonnen und reißen das Plastik auf. Der Schein der Kopflampe findet: Topfenstrudel, Nussschnecken, Schrotsemmeln, Weiß- und Vollkornbrot. „Da sind sicher Sachen im Wert von 200 Euro drin“, sagt Lukas. An der Straße spazieren zwei Fußgänger entlang. Sie schielen unter ihren Schirmen hervor, beobachten die Containerer, blicken noch lange zurück. Lukas schmunzelt und sagt: „Die denken sich vielleicht: Warum macht ihr das? Und ich denke: Warum macht ihr das nicht?“ Dann beugt er sich über einen Sack und schüttelt den Kopf. „So viel Brot. Das können wir nicht alles mitnehmen.“ Lukas zückt sein Smartphone und macht ein Foto. Er fingert über das Display und postet den Schnappschuss in die Müllstierdler-Gruppe. Bald trudeln die ers­ten Antworten ein. Eine Frau antwortet: „Bin leider nicht zu Hause ... Nächstes Mal gern!“ Ein junger Mann schlägt kritischere Töne an: „Kommt davon, wenn man Brot billigst produziert und es fast keinem mehr schmeckt.“

Für heute hat Andy jedenfalls genug. Bevor auch Lukas heimradelt, macht er aber noch Halt an einem Penny-Markt. Unter einem Vordach am Eingang sucht er Schutz vor dem Regen. Dann breitet er seine Beute des heutigen Abends aus: die Popcorn-Chips, die Backwaren, die Rosensträuße. Er lächelt. Dann runzelt er die Stirn, greift zu einem Weißbrot und presst die Daumen in den Teig. „Das hat keine gute Qualität“, sagt er. „Das schmeiße ich auf dem Heimweg selber in den Müll.“

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