Digital In Arbeit

Sichtbar. Unsichtbar

Wie der allumfassende Zwang zur Visualisierung die inneren Bilder vernichtet.

Ich sitze am Fenster und höre Stimmen. Eine Radfahrerin nähert sich, Mobiltelefon am Ohr, sie sagt: Über den Proxy-Server kannst du eine Domain zurückverfolgen, so findest du die Seite wieder. Wenn es nicht klappt, wählst du dich in die Systemverwaltung ein..., dann bricht unsere Verbindung ab. Eine andere Stimme nähert sich, sie gehört einer jungen Frau, Mobiltelefon am Ohr. Mit langsam wippendem Schritt spricht sie, haucht Wörter wie Schulstress, blöder Lehrer, Matura so ins Telefon, dass ich die Person am anderen Ende der Leitung beneide. Sie lehrt mich, dass man von unerfreulichen Dingen so charmant sprechen kann, dass das Unerfreuliche an ihnen fast zu verschwinden scheint.

Der Benützer eines Telefons vergisst durch Gewohnheit, dass diese Kommunikation durch Visualisierung funktioniert. Denn der Sprechende erzeugt beim Hörer am anderen Ende der Leitung ein Bild. Wir sind wandelnde Bildermaschinen, und unsere inneren Bilder sind überzeugender als die durch Bildmedien übertragenen. So denke ich, dass die Inhalte eines Gesprächs über Videotelefon weniger deutlich in Erinnerung bleiben werden als das Gesicht des Gesprächspartners. Das Videotelefon würde also die Entzauberung der Stimme bedeuten. Manchmal, wenn man sich allzusehr an den Umgang mit einer Person gewöhnt hat, kann es heilsam sein, ein wenig aus der Ferne miteinander zu sprechen. Was sich da am Telefon um die Stimme legt, ist mit jenen Kristallen vergleichbar, die Stendhal an einem Zweig in einem Salzburger Bergwerksschacht beschrieb und die für ihn zum Inbild der aufkeimenden Liebe wurden.

Innere Vorstellungswelten

Es gibt also, inmitten der malignen Unsichtbarkeiten unserer durch allgegenwärtige Ohnmachtsgefühle gekennzeichneten Gegenwart, auch die schönen Unsichtbarkeiten. Abgesehen von der durch Abhörskandale in Verruf geratenen Telekommunikation verfügen wir noch immer über die Fernübertragungsbilder der inneren Vorstellungswelten, wie sehr diese auch von den Bildern der Medienwelt durchdrungen sein mögen. Lange Zeit war die Erzählung, das Lied, die von Mund zu Mund weitergetragene Geschichte das einzige Medium der Bildübertragung. Das Epos, der Roman, das Gedicht bedeuteten für Generationen von Lesern (und Hörern) Kraftquellen der Gefühle, der Identifikation mit einer anderen Welt. Im Salon, bei Hofe, später in der Bürgerstube wurden Erzählungen als Lebensform vermittelt, Lesen und Zuhören waren Ausdrucksformen der Standes- und Gruppenzugehörigkeit. Generationen von Vorstellungskünstlern, die sich mündlich und in Briefen großer Beredsamkeit über gemeinsame Ideale und Lebensformen austauschten. Das Buch als Katalysator, der unendlich viele Vorstellungsmaschinen anwirft und unterhält. Die Oper als das Kraftwerk der Gefühle, wie Alexander Kluge es formuliert. Das Theater als moralische Anstalt, als Ort der Selbstdefinition des einzelnen, der an der großen Erzählung Abendland teilhat .

Das Unsichtbare schwindet

Verschwunden, zersplittert, unübersichtlich. Die großen Erzählungen werden von der amerikanischen Filmindustrie zu konsumierbaren Happen aufbereitet, kommerziell verpackt und leicht verdaulich serviert. Das Unsichtbare verschwindet. Noah? Ein bärtiger weiser Mann mit milden Augen. Herkules? Ein Mann aus dem Bodybuilding-Programm. Hamlet? Ein Neurotiker. Mozart? Ein liebestoller Hysteriker. Helden sehen aus wie Brad Pitt, gute Verführerinnen wie Julia Roberts, böse wie Patricia Arquette. Das Bild hat vollständig zu sein, gefüllt mit Redundanz. Die Charaktere im Roman, im Film werden mit einer Vielzahl von Merkmalen ausgestattet, um Glaubwürdigkeit zu erzeugen. So werden Geschichten funktionalisiert und erschlagen.

Sehnsucht nach den Ursprüngen, nach Leere und Askese. Eine weltweit wachsende potenzielle Kundenschicht, die mit jeder Form von Anderssein-Kultur versorgt wird. Noch der kleinste Funke wird in der Kulturindustrie zu barer Münze. Und die Jungkreativen, die einst aus Spaß am Anderssein anders aussahen, schielen heute nach dem Trendscout, der ihnen ein Angebot macht. Die witzige und immer lockere Welt der Werber ist offen für alles. Vorurteilslos nimmt sie jeden Trend auf und sondert Zeitgeist ab (oder was sie dafür hält), erfindet Imagecodes für Produkte, die nicht zu haben wir uns nicht denken können sollen. Die lockere Welt der Werber, in der ganz demokratisch auch das Disparateste nebeneinander stehen darf: der Zen-Spruch, mit dem ein Rasierwasser verkauft wird, neben den Bildern von zum Tode Verurteilten, die für Benetton werben. Was an diesen Bildern cool ist, weiß niemand so genau, aber es bewegt sich irgendwas, sie haben drive, und das genügt. Wer sich moralisch entrüstet, ist nicht out, sondern gehört zur Gruppe der Soundsos. Zur richtigen Zeit zu denen zu gehören ist cool, man muss nur wissen, wann es wieder genug ist mit der Entrüstung, wann wieder was anderes angesagt ist.

Ich höre Stimmen an meinem Fenster. Stimmen von Menschen, denen es gut zu gehen scheint. Die Zugang zu jeder Bequemlichkeit des modernen Lebens haben. Die man manchmal sagen hört, es sei zuviel, von allem zuviel. (Nur wenige Flugstunden entfernt - und näher: bei den Roma in unserer tschechischen Nachbarschaft - habe ich Menschen gesehen, die sehr beschränkt Zugang zur modernen Warenwelt haben, für die die Ikonen unserer Gegenwart, Coca Cola, McDonalds, Mercedes, BMW, Benetton, Microsoft, Sony, Vogue Fixsterne am Himmel unerreichbarer Verheißungen sind.)

Ikonen der Warenwelt

Auf der Tüte der Traditionsbäckerei steht: "Wir bringen neue Ideen auf Ihren Tisch". Kann das stimmen? Im alle Grenzen von Zeit und Raum überschreitenden Kosmos der Werbung stimmt es. In diesem Kosmos, in dem der Körper eines Models auf den neuen Pkw der Soundso-Gruppe verweist, durch dessen Kauf man sich den Kontakt zu einer solchen Frau verspricht - oder habe ich die Milchmädchenrechnung missverstanden? Jedenfalls scheint sie zu funktionieren, sonst würde sich die Werbung andere Sujets suchen -, in diesem Kosmos verweist ein Sujet auf das andere. Die Bilder haben sich von den Produkten emanzipiert, feiern sich selbst und alle anderen verwandten Bilder. Die Bilder der Werbung sind universell, sie bewerben nicht allein ein Produkt, sie umwerben vielmehr den Kunden als Käufer aller Produkte, versetzen ihm den Schauder der Vorkaufslust. Die Summierung aller werbeästhetischen Reize kulminiert in einem Hype.

Das Telefon klingelt.

Grüß Gott, Firma Soundso aus Kufstein, der Zufallsgenerator hat Sie ausgewählt. Wir tun viel für den gesunden und hygienischen Schlaf. Was würden Sie davon halten, wenn Sie gratis einen Farbfernseher mit Fernbedienung bekämen?

Ich dachte, Sie tun viel für den gesunden und hygienischen Schlaf?

Ja, aber vielleicht hätten Sie trotzdem gern einen Fernseher?

Ich habe schon einen.

Aber vielleicht möchten Sie einen zweiten?

Ich sehe so gut wie nie fern.

Ach so.

Schon früh haben mich die Bescheidwisser mit ihrem Expertentum geblendet. Die Jazzkenner, die Drogenspezialisten, die Politspezialisten, die Engagementspezialisten, an der Universität die Denkprotze, die Jargonmeister, die Weltordner, die Kenner und Angeber aller Schattierungen.

Heute sind sie in den Einzelhandel abgedriftet, sind Kenner der französischen und italienischen Küche, Zigarrenraucher, Sommeliers, Bescheidwisser aller Sparten und Disziplinen geworden. Und vom Büro aus verschicken sie per Internet bewegte Werbespots, designed von Unbekannt, die das Produkt Unbekannt bewerben, nur als Gag. Zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit, wenn in den Büros eine eigene Melancholie umgeht und man sich gar nicht genug Zugehörigkeit verschaffen kann.

Alles ans Licht gezerrt

Die Sichtbarmachungsbemühungen von Presse und Fernsehen, die als Informationsdemokratie verkauft werden, versuchen auch noch das letzte Gramm an Unsichtbarem aufzuspüren und sichtbar zu machen. Personen brauchen Gesichter, Geschehnisse finden an realen Orten statt, die gezeigt werden müssen (auch wenn das an ihnen Geschehene fürs Fernsehen nachgestellt wird). Was nicht Eingang findet in den Bilderhype der Medien, das hat auch nicht zu existieren. Und sollte irgendwo noch ein unentdeckter Macher von irgendwas sitzen, morgen werden wir ihn im Bild haben. Dass, was wirklich geschieht nur selten abbildbar ist - wie Brecht zu Vor-Internet-Zeiten meinte, sage die Fotografie einer Fabrik nichts über die Geschehnisse in der Fabrik aus - macht die Medien nicht unpopulärer. Das Ereignis wird fingiert, und die Erfahrung sagt, dass sich kaum jemand daran stößt.

Literatur gegen Bilderflut

Wer sich der Konsumation der Medienbilder verweigert, ist Teil der Gruppe der Soundsos, einer heiklen Gruppe, für die laufend verfeinerte Werbemethoden entwickelt werden.

Wird das zur Sichtbarkeit Entstellte die letzten Nischen der Phantasie und des Tagtraums, der Sehnsucht und des Verlangens nach dem ganz Anderen okkupieren? Werden die Fast-Food-Produkte aus den Bereichen Roman, Fantasy, Film und Neue Medien die letzten Reste von Verlangen nach dem Unsichtbaren vernichten?

Die Literatur blendet uns mit dem Versprechen der Wahrheit. Die Wahrheit aber wird niemals ausgesagt. Der Wahrheitsgehalt der Literatur liegt gerade im Nichterfüllen des letzten Versprechens, sie liegt im Unsichtbaren.

Der Autor ist freier Schriftsteller.

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