Gelbe vom Ei - <strong>Massenware aus Dotter und Klar</strong><br />
Zwei Milliarden Eier werden jedes Jahr in Öster­reich verspeist. Viele davon kommen von den derzeit 6,8 Millionen hiesigen Legehennen, doch gerade verarbeitete Eier stammen nicht selten aus ausländischer Käfighaltung. - © Getty Images / Sergei Malgavko / TASS
Gesellschaft

Noch nicht ganz das Gelbe vom Ei

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich ist Vorreiter, was Tierschutz in der Eierproduktion betrifft. Doch Intransparenz bei verarbeiteten Eiern und getötete Gockelhühner bleiben Probleme. Ein Blick unter die Schale.

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Österreich ist Vorreiter, was Tierschutz in der Eierproduktion betrifft. Doch Intransparenz bei verarbeiteten Eiern und getötete Gockelhühner bleiben Probleme. Ein Blick unter die Schale.

Das Ei hat eine gute Nährstoffzusammenstellung, ist güns­tig und braucht in der Herstellung verhältnismäßig wenig Futtermittel. Das macht dieser Eiweißquelle kein anderes tierisches Produkt so schnell nach. Zwei Milliarden jährlich verspeiste Eier beweisen: Das Ei ist hierzulande ein Grundnahrungsmittel.Zwar wird Ende des Jahres Österreichals erstes und einziges EU-Land aufKäfighaltungverzichten, aber von den 239 Eiern, die jeder Einzelne durchschnittlich pro Jahr ist, werden mehr als 60 Prozent in der Gastronomie, in Großküchen und von der Industrie verarbeitet. Und wir wissen nicht: Wo kommen die Eier in Pasta, Kuchen oder Mayonnaise her? Wie geht es den Hennen, die diese Eier legen?Und muss man in Kauf nehmen, dass mehr als neun Millionen Küken gleich nach dem Schlüpfen eliminiert werden?

Jedes Frühstücksei, mit dem man in den Tag startet, hat schon einige Stationen hinter sich. Der Erzeugercode im Quick-Egg-Check (www.eierdatenbank.at) gibt Auskunft über Haltungsform, Name und Adresse des Legehalters. Doch die landwirtschaftliche Produktion ist heute im Sinne der tayloristischen Arbeitsteilung in verschiedene Betriebszweige aufgeteilt. Das ist in der Geflügelindustrie nicht anders. Die Reise beginnt meist in der Brüterei – zwei große davon gibt es in Österreich für Legehennen. Die Betonung liegt auf Hennen, für die Mehrzahl der Gockelküken endet das Leben hier auch schon wieder. „Das Kükenschreddern bei lebendigem Leibe gibt es in Österreich nicht“, betont zwar Michael Wurzer von der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft (ZAG). Die Tiere würden aber mit CO2 betäubt, meint er. „Getötet“ bedeutet das im Endeffekt, denn sie werden durch Gaszufuhr erstickt.

Lohmann Brown vs. Sulmtaler Huhn

Bei den Hochleistungs-Legerassen – zu 90 Prozent kommt die Züchtung vom Lohmann-Brown-Konzern – sind männliche Küken unerwünscht. Die braun gefiederten, bauschigen Lohmann-Brown-Hendln sind Inzucht-Hybride, die auf Legeleistung gezüchtet sind. Auch die männlichen Geschwister sind genetisch auf das Eierlegen programmiert und deswegen aufwendig in der Aufzucht. Sie brauchen mehr Futter und mehr Zeit (etwa 18 Wochen, während ein Masthuhn nach vier bis fünf Wochen geschlachtet wird), um Fleisch anzusetzen. Dass sie getötet werden, hat also rein wirtschaftliche Gründe. Im Biobereich gibt es übrigens ganz selten auch alte österreichische Rassen wie das Surmtaler Huhn. Es legt um 100 Eier weniger pro Jahr, also nur rund 200 statt 300.
Für die Lohmann-Brown-Tiere geht es weiter zur Junghennen-Aufzucht. Von dort kauft der Legehennen-Betrieb das Tier im Alter von 18 bis 20 Wochen, wenn die Hühner zu legen beginnen. Die Preise hängen stark von der Menge ab. Dazwischen verdient nämlich noch ein Kopfbetrieb, der den Verkauf mit den vielen Auflagen abwickelt und die Tiere ausliefert. Je kleiner die Menge, desto mehr zahlt der Bauer für die Fracht. Inklusive Impfung kommt er auf fünf bis zehn Euro pro Henne, für die nun der Arbeitsvertrag beginnt. Damit sich der Kauf rentiert, soll das Tier im kommenden Jahr ungefähr 300 Eier legen. Abgeholt wird es als zukünftiges Suppenhuhn. Den Preis dafür schlucken die Transportkosten. Anders als Masthühner müssen Lohmann-Brown-Tiere im Dampfbad entbeint und zum Teil händisch getrennt werden. Da bleibt für die Bauern vom Preis nichts mehr übrig.

Das Geschäft ist also hart, es geht beim Eierpreis um einzelne Cents. Und der Druck wird immer größer. „Wer heute einen Stall für weniger als 24.000 Hennen baut, macht einen Fehler“, sagt ein Bauer, der selbst 1500 Hühner in Boden- und 1500 in Freilandhaltung hat. Warum er sich 1995 für Legehennen entschieden hat – zumal es damals nur drei bis fünf Prozent Eier gab, die nicht aus Käfighaltung stammten? „Ich sah eine Marktlücke und wollte da was machen“, lautet die Antwort. Mittlerweile reicht eine Produktion für 12.000 Hennen nicht einmal eine Bauern-Generation lang, meint er. Es gibt auch einige 130.000-Hennen-Betriebe in Öster­reich, die meisten liegen momentan aber bei 3000 bis 5000 Tieren.

Doch wieviele Hennen gibt es überhaupt hierzulande? Das amtliche Legehennenregister stellt derzeit 6,8 Millionen Legehennen in 2123 österreichischen Betrieben fest. 825.000 davon leben in den 460 Bio-Höfen. Für jede Haltungsform gibt es gesetzliche Vorgaben: Die fast zwei Drittel Bodenhaltungs-Hennen haben keinen Auslauf in der freien Natur, sondern leben immer im Stall. In der Freilandhaltung sind sieben bis acht Hühner pro Quadratmeter Stallfläche vorgesehen. Außerdem muss es begrünten Auslauf im Freien geben. Für Bio-Hennen in Freilandhaltung gilt: sechs Hühner pro Quadratmeter im Stall, zehn pro Tier im freien Auslauf. Ein Unterschied zwischen dem Bio-Eiund dem konventionellen Ei liegt auch in der Fütterung: Die intensiv-orange Dotterfarbeliegt an künstlichen Farbpigmenten im Futter. Zusätzlich befinden sich im konventionellen Hühnerfutter meist weitere Zusätze von synthetisch hergestellten Aminosäuren und Vitaminen.

Ein Huhn vegetiert beim Konzern Ovostar auf 550 Quadratzentimetern dahin, das ist weniger Fläche, als ein A4-Blatt abdeckt. 20 Millionen Legehennen sind so untergebracht.

Österreich habe heute EU-weit die höchs­ten Standards, behauptet Wurzer. Er berichtet von Schnabelkürzungen, die man vor zehn Jahren abschaffte (und von ausländischen Experten, die sich das von uns abschauen würden), vom bundesweiten Geflügelgesundheitsdienst und von niedrigen Samonelleninfektionsraten. Der Arzneimitteleinsatz sei in einer Datenbank ersichtlich. 2010 wurde bei der Produktion für den Lebensmittelhandel auf gentechnikfreie Fütterung, 2014 auf Donausoja umgestellt – und schon 50.000 Tonnen Regenwald-Soja wurden ersetzt. Auf diese österreichische Idee ist er stolz.

Auch in der Bio-Landwirtschaft gab es vor drei Jahren einen Paradigmenwechsel. Durch die Bruderhahn-Richtlinie verpflichten sich seither Bio-Betriebe, dem Sterben der „Eintagsküken“ ein Ende zu setzen. Mehr als 500.000 männliche Küken wurden schon in artgerechter Freilandhaltung aufgezogen. „Es war ein langer und steiniger Weg, bis die Praxis des Küken-Tötens in der Eierproduktion endlich der Vergangenheit angehörte. Die ers­ten Testläufe und Ergebnisse stellten sich allesamt als absolut unwirtschaftlich heraus, wir mussten daher mehrere Anläufe starten“, erklärt Martina Hörmer, Geschäftsführerin von „Ja! Natürlich“. Österreich ist damit das erste Land, das diesen Schritt gesetzt hat und in der biologischen Bewirtschaftung Gockel aufzieht.

Was tun mit Gockelküken?

Daniela Holzinger-Vogtenhubers, Nationalratsabgeordnete der Liste Jetzt, will das aber für alle Küken. Sie hat Ende Mai einen Antrag zum Aus für „Das Töten männlicher Küken aus rein wirtschaftlichen Gründen“ eingebracht. Man hoffte im freien Spiel der Kräfte, das derzeit im Parlament vieles bewegt, auf Zustimmung. Neos und SPÖ unterstützten den Vorschlag, doch die ehemaligen Regierungsparteien FPÖ und ÖVP stimmten dagegen. Auch das deutsche Bundesverwaltungsgericht hat vergangene Woche nach jahrelangem Rechtsstreit ein Grundsatzurteil zur umstrittenen Praxis gefällt. Demnach ist das Töten männlicher Küken in Deutschland vorerst noch erlaubt.
An anderen Lösungswegen wird getüftelt. Bald soll man das Geschlecht des Kükens schon im Brutei vor dem Schmerzempfinden des Embryos bestimmen können und nur die weiblichen ausbrüten. Die restlichen Eier könnten an Zoos und Greifvogelstationen verfüttert werden – wo die getöteten Gockelküken jetzt schon landen.

Ihr fordert von unseren Bauern die Einhaltung der Gesetze, dann kauft keine Käfigeier! Und dort, wo nichts gekennzeichnet ist, sind vermutlich solche drin.

Michael Wurzer

Auch was die Käfighaltung angeht, ist Österreich – wie bereits beschrieben – Vorreiter, denn ab 1. Jänner 2020 werden auch die letzten 42.000 Tiere, die nun in sieben Betrieben im ausgestalteten Käfig leben, nicht mehr erlaubt sein. Gleichzeitig gibt es in ganz Europa 55 Prozent Käfigeier.
Womit wir bei einem Grundproblem wären: Von all den Eiern, die wir essen, kommen nur 38 Prozent als Frischeier aus dem Einzelhandel. Den Großteil konsumieren wir in Nudeln, Keksen, Gebäck und Schnitzelpanier. Während für österreichische Höfe selbst die Produktionsstandards weit über jenen der EU liegen, verwenden die Eierverarbeitungsindustrie, Gastronomie und Hotellerie aus Kostengründen oft billigere Eier aus dem Ausland.

Versteckte Käfigeier

Die Importrate liegt beim 13 Prozent. Sogenannte Schaleneier kommen zum größten Teil aus ausgestalteten Käfigen innerhalb der EU, während Eipulver und Flüssigei auch aus in EU-Ländern verbotenen Käfigen aus aller Welt stammen.

Michael Wurzer von der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft peckt in dieser Hinsicht auch ein bisschen auf die öffentlichen Einrichtungen hin: „Ihr fordert von unseren Bauern die Einhaltung der Gesetze, dann kauft bitte keine Käfigeier! Wenn nichts draufsteht, kann man davon ausgehen, dass die Eier aus Käfighaltung sind“, macht er klar. „Dort, wo nicht gekennzeichnet wird, ist der Preis das wichtigste.“

Im Parlament gab es dazu schön öfter Anregungen. Zuletzt forderten die Grünen im Mai 2017 eine Kennzeichnungspflicht für verarbeitete Eier und Eiprodukte. Notwendig seien auch Maßnahmen auf EU-Ebene, um den Import von Eiern aus Haltungsformen, die nicht den EU-Standards entsprechen, zu unterbinden, hieß es im Antrag, der wie alle Oppositionsanträge vertagt wurde. Zuständige Ministerin damals: Pamela Rendi-Wagner

Der damalige Grün-Abgeordnete Wolfgang Pirklhuber berichtete von EU-Gel­dern, mit denen ukrainische Legehennen-Fabriken gebaut wurden. Seitdem kämen verstärkt Eier aus Käfighaltung mit niedrigem Tierschutzstandard und teils sogar zollfrei auf die Märkte. Wurzer schildert besonders problematische Zustände beim Konzern Ovostar, einer in Zypern eingetragenen Holding mit Produktion in der Ukraine. Ein Huhn vegetiert auf 550 Quadratzentimetern dahin, das ist weniger Fläche, als ein A4-Blatt abdeckt. 20 Millionen Legehennen sind dort untergebracht – dreimal so viele wie in ganz Österreich.

Was bleibt also? Legehennen sind Nutztiere – ohne unseren Hunger auf Ei würden diese Tiere nicht leben, egal auf welche Weise. Der Bruderhahn ist ein Kompromiss im Kampf zwischen Wirtschaftlichkeit und Ethik – hier kann sich der Konsument nun aktiv entscheiden. In welchen Produkten wir Eier aus Käfighaltung kaufen, ist allerdings nach wie vor intransparent. Gleich nach der Geburt zu Greifvogelfutter werden oder ein Leben lang im Käfig dahinvegetieren? Beides müsste nicht sein. Damit wir die Wahl haben, wäre eine Kennzeichnung wichtig – und wirklich das Gelbe vom Ei.

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