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Uberleben in Ungarn

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Erfolgreicher EU-Bauer bleiben zu wollen, kann zur Überlegung führen, expandieren zu müssen. Ein OÖ-Bauer bewirtschaftet Land in Ungarn.

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Erfolgreicher EU-Bauer bleiben zu wollen, kann zur Überlegung führen, expandieren zu müssen. Ein OÖ-Bauer bewirtschaftet Land in Ungarn.

Direkt vor der Hoftür hatte Karl Steinparz (56) seine Felder nie. Seit er vor etwa 25 Jahren den Hof mit 15 Hektar Eigengrund übernommen hat, hat er Anbauflächen dazugekauft, noch mehr da-zugepachtet. Heute bewirtschaftet er 180 Hektar Äcker im Umkreis von etwa 20 Kilometer seiner Heimatgemeinde Wolfern bei Steyr, in der er auch seit 1984 Bürgermeister ist: „Unsere Felder liegen an sieben verschiedenen Stellen, die Flächen sind relativ klein, die Anfahrtswege zeitaufwendig. In der selben Zeit könnte man gut ein Drittel mehr bewirtschaften, wenn die Flächen zusammenhängend wären.” Aber Grund und Boden ist teuer in Österreich.

Als „Bauer mit Leib und Seele”, der er auch nach dem EU-Beitritt bleiben will („Ich möchte auch in Zukunft von der Landwirtschaft leben.”), hat sich Karl Steinparz nach der „Wende” in der ehemaligen DDB um Grund und Boden umgeschaut, jedoch nichts (mehr) Passendes gefunden. Große Flächen in bester Bodenqualität, noch dazu zu einem äußerst günstigen Preis, waren nach dem Aufziehen des Eisernen Vorhanges im Agrarland Ungarn zu haben. Karl Steinparz hat - wie auch andere Landwirte aus dem oberösterreichischen Zentralraum, aus Niederösterreich, der Steiermark oder dem Burgenland - in der Gegend von Kaposvär nahe der kroatischen Grenze zugegriffen. Ein ungarischer Bekannter, als Professor an der Hochschule für Bodenkultur in Kaposvär Agrar- und Marketingspezialist, fungierte und fungiert als Berater.

Nach ersten Versuchen mit einer kleineren Fläche vor drei Jahren hat Karl Steinparz mittlerweile 900 Hektar Boden gekauft. Zusammen mit einem Partner, zwecks Risikostreuung und besserer Investitions- und Arbeitsteilung. Ein gigantischer Papierkrieg mußte bewältigt werden, wurde diese Fläche doch nahezu „hektarweise” von rund 300 Kleinbauern erworben. Sie haben ihr Grundeigentum von den aufgelösten staatlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zurückbekommen, können oder wollen es aber nicht selbst bewirtschaften. Höchstens zwei Schilling kostete der Boden in der ehemaligen „Kornkammer der Monarchie”. Zum Vergleich: Im oberösterreichischen Zentralraum muß man 70 bis 90 Schilling pro Quadratmeter hinblättern.

Steinparz baut in Ungarn Zuckerrüben, Körnermais, Weizen, Gerste, Kümmel, Mohn. Letztere werden als Nischenprodukte auch in die EU exportiert. 500 Kilometer ist sein Besitz im Ausland entfernt, den er mit einem seiner beiden Söhne verwaltet. Der zweite kümmert sich um die Landwirtschaft in Österreich. Telefon und Fax sorgen für ständige Kommunikation, mindestens zweimal im Monat fährt jemand von der Familie nach Kaposvär. Eine Strapaze, die vom Risiko ganz abgesehen, vielen seiner Berufsgenossen nicht angemessen erscheint. „Bis sie einmal bei uns unten waren”, schmunzelt der Neo-Großgrundbesitzer.

Seine Erfahrungen nach drei Jahren „Ungarn-Arbeit”: „Es ginge nicht ohne gute Nachbarschaft mit der einheimischen Bevölkerung. Wir nehmen alle Arbeitskräfte für die Saisonarbeiten aus der Gegend. Unsere drei ständigen Facharbeiter, zwei Traktorführer und ein Absolvent der Hochschule für Bodenkultur, der ein Fachmann für Spritztechnik ist, kommen aus der ehemaligen LPG.” Aber auch die ungarischen Kleinbauern profitieren von den österreichischen Nachbarn: „Wir machen mit unseren Maschinen Lohnarbeit für die Bauern und können ihnen bei der Organisation der Arbeit helfen. Sie haben ja kaum Produktionsmittel und es fehlt auch an Fachwissen. In den LPGs gab es lauter Spezialisten für bestimmte Arbeiten, so fehlt heute vielen noch die Zusammenschau. Unsere Arbeit, die Sauberkeit und Genauigkeit, wird anerkannt, weil die Bauern auch den Ertrag sehen. Die Ungarn sind sehr wendig und intelligent, sie haben in den letzten Jahren ungeheuer viel da-zugelernt.”

Mit „Bio” geht, so ist Karl Steinparz überzeugt, im Osten vorläufig noch nichts: „Die Felder sind leider durch die nachlässige Bearbeitung in den

Grenzen stark verunkrautet. Die Produktionsgenossenschaften haben für Düngung und Schädlingsbekämpfung vom Staat kein Geld mehr bekommen.”

Die Produktion ist stark ertragsorientiert. Derzeit sind die Weltmarktpreise für Getreide im Keller. Die Subventionen des ungarischen Staates für die Landwirtschaft sind minimal. Der Landwirt bekommt in Ungarn für Weizen und Gerste um rund 50 Prozent weniger als bei uns, bei Mais ist die Differenz noch größer. Allerdings bleibt ihm mehr Handlungsspielraum, denn es gibt keine Beschränkung durch Kontingentierung bestimmter Feldfrüchte. Zuckerrüben zum Beispiel sind ein lohnendes

Geschäft, da sie am Ort verarbeitet werden. Die Zuckerfabrik in Kaposvär ist nahezu zu 80 Prozent im Besitz der österreichischen AGRANA. Zwei Drittel der Rüben liefern bereits die in Ungarn ansässigen Österreicher an.

Ernteertrag wird bar bezahlt

Die Erträge der ungarischen Böden sind gut, die Ernte ist schnell verkauft und wird - was wichtig ist - bar bezahlt. Karl Steinparz: „Die Förderungen aus der EU für den Raps beispielsweise, der 1994 angebaut wurde, werden erst im Jahre 1996 ausbezahlt. Damit kann man als Bauer nur schwer leben. Die Ausgaben hat man ja kontinuierlich. Ich war nicht von Anfang an ein EU-Gegner, aber ich merke, daß ich vieles nicht durchschaut habe, man hat uns auch nicht alles gesagt. Die Einkommensminderungen in der Landwirtschaft in Österreich sind beträchtlich. Wenn nach vier Jahren die Ausgleichszahlungen wegfallen, wird es noch enger werden. Da ist es gut, woanders ein zweites Standbein zu haben.” Und vielleicht eine bessere Ausgangibasis, als es in Österreich der Fall war, wenn auch Ungarn in ein paar Jahren zur EU kommt.

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