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Schwester Beatrix als Biobäuerin

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Bio liegt im Trend - gerade in Österreichs Landwirtschaft. Was biologisch zu wirtschaften konkret bedeutet, illustriert der folgende Lokalaugenschein.

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Bio liegt im Trend - gerade in Österreichs Landwirtschaft. Was biologisch zu wirtschaften konkret bedeutet, illustriert der folgende Lokalaugenschein.

Der BSE-Skandal und die Diskussionen um den Einsatz gentechnisch veränderter Lebensmittelbestandteile haben gezeigt, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen der Natur ist. Weil vielfach der Ertrag eines landwirtschaftlichen Betriebes im Vordergrund der Überlegungen steht, leidet nur allzu oft die Qualität der Produkte darunter.

Vor den Toren Wiens, inmitten der lieblichen Landschaft des Wienerwaldes liegt Laab im Walde. Die kleine Gemeinde beherbergt seit vergangenen Oktober ein Vorzeigebeispiel moderner ökologischer Landwirtschaft.

Der "Annahof", eine zwischen saftigen Wiesen und fruchtbaren Äckern gelegene Landwirtschaft, wird von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul betreut. Die Landwirtschaft besteht seit über 100 Jahren und bildete während beider Weltkriege das Rückgrat für die Versorgung des Krankenhauses in der Liniengasse (heute Stumpergasse) in Wien-Mariahilf. Mit der Zeit wurde ein Neubau notwendig, und so konnte man 1995 an die Umsetzung eines Wunsches der Schwestern herangehen: naturnahe Bewirtschaftung und vorbildliche Tierhaltung. Als Leitmotiv für die Entwicklung des Betriebes gilt die Ehrfurcht vor den Geschöpfen Gottes.

Kreislaufwirtschaft In Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur kommen nun neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien der ökologischen Landwirtschaft zur Anwendung. Finanziert wurde das Vorhaben gänzlich aus Geldern vom Kloster der Barmherzigen Schwestern. Johann Plank, Ökonomieverwalter in Laab, ist stolz auf die praktizierte biologische Landwirtschaft: "Wir versuchen, auf Basis der von Rudolf Steiner konzipierten biologischen-dynamischen Landwirtschaft eine ,Kreislaufwirtschaft' zu betreiben. Alles, was hier am Betrieb wächst und gedeiht, wird auch am Betrieb verwertet, veredelt und verbraucht."

Dieser Kreislauf schließt sich mit der Verwertung von Abfällen und Speiseresten. Der gesamte Festmist wird über eine hochmoderne Biogasanlage entsorgt. Dabei fällt als Endprodukt nahezu geruchlose Gülle an, die als biologischer Dünger dient. Außerdem wird über einen Motor aus dem Biogas Energie in Form von Strom und Wärme erzeugt, mit der der ganze Betrieb versorgt werden kann.

Schwester Beatrix, eine der am Hof beschäftigten Schwestern, ist vor allem für den ökologischen Gartenbau zuständig. Ihr Ziel ist es, im Einklang mit der Natur zu leben: "Es macht mir Freude, hier zu arbeiten, denn hier laufen die Gesetzlichkeiten der Natur auch wirklich natürlich ab."

Schwester Beatrix war 20 Jahre als Diplomkrankenschwester tätig, ehe sie sich der biologischen Landwirtschaft zuwandte. "Aus meiner Arbeit mit den Patienten habe ich geschlossen, daß man ,weiter unten' ansetzen muß: In der Beziehung zu Pflanzen und Tieren - gesündere Lebensmittel als Basis von Gesundheit. Mangelerscheinungen sind dann seltener, und gewisse Medikamente braucht man nicht oder nur weniger."

Um ihre Tätigkeit am Hof bestmöglich erfüllen zu können, absolvierte Schwester Beatrix die landwirtschaftliche Fachschule in Tullnerbach, die einen ökologischen Zweig führt. Derzeit besucht sie die Meisterklasse, um ihre Ausbildung mit dem Meisterbrief abzuschließen.

Einstweilen werden am "Annahof" Schweine und Kühe gehalten, spätestens ab dem geplanten Vollbetrieb im Frühjahr 1999 sollen auch Schafe, Pferde und Hühner hinzukommen. Mensch und Tier leben in einem harmonischen Verhältnis: Hier gibt es keine unwürdige Haltung der Tiere, wie man sie von so manchen anderen "gewöhnlichen" Landwirtschaftsbetrieben her kennt. Die Tiere haben genügend Platz und Auslauf. "Artgerechte Bedingungen in bezug auf Fütterung, Zucht und Schlachtung gehören zur Verantwortung, die wir für unsere Tiere übernehmen", sagt Johann Plank.

Die Schweinehaltung etwa sei die "tierfreundlichste Österreichs". So entwickelte etwa der Schweizer Forscher Alex Stolba eine spezielle Stallkonstruktion, die am "Annahof" eingesetzt wird. In diesem "Familienstall nach Stolba" können die Tiere in der Familie leben, ganz nach ihren Bedürfnissen. Die zweckmäßige Konstruktion des Stalls bietet Boxen mit Stroh als wohlige Schlafplätze und labyrinthartige Gänge, damit die Schweine sich auch verbergen können.

Zum Abferkeln kommen die Mutterschweine in einen eigens errichteten Trakt, wo sie sich Nester bauen und so natürlich wie möglich leben können. Die Ferkel werden den Muttertieren nicht weggenommen, sondern bleiben lange in der Gemeinschaft. Das entspricht dem natürlichen Verhalten von Schweinen.

Bei der Rinderhaltung kommen erstmals in Österreich veränderte Palisaden-Freßgitter zum Einsatz, die eine artgerechte Fütterung garantieren. Durch die abgeschrägte Konstruktion wird das Schlüsselbein der Tiere entlastet, das bei einer Fütterung am Futtertrog sonst stets angespannt ist. Auch bei der Rinderhaltung gilt: Viel Platz, sauberes Stroh und Haltung auf der Weide schaffen artgerechte Bedingungen.

Selbst bei der Schlachtung der Tiere wird größtmögliche Sorgfalt an den Tag gelegt: Die Tiere werden mit Ruhe behandelt und nicht mit einem LKW in weit entfernte Schlachthöfe transportiert. Die Schweine etwa werden immer in einer Gruppe von vier oder fünf getrieben und von Personen, die ihnen bekannt sind, geschlachtet. So werden Panikreaktionen vermieden. Geschlachtet wird mit einer Elektrozange, die so lange angesetzt wird, bis das Tier wirklich tot und nicht nur betäubt ist.

Am Hof sind derzeit sieben Personen beschäftigt, unter ihnen zwei geistliche Schwestern. Elfriede Rabl ist eine von drei behinderten Personen, die im Konvent wohnen, und am Hof arbeiten. "Als sie zu uns gekommen ist, war sie total verstört und eingeschüchtert", erzählt Johann Plank. "Jetzt ist sie richtig aufgeblüht, denn ihr Leben hat wieder einen Sinn. Das Gefühl, gebraucht zu werden, hat ihr Selbstvertrauen ungemein gestärkt." Elfriede arbeitet im Stall in direktem Kontakt zu den Tieren. Man merkt einfach, daß ihr die Arbeit Freude macht.

Modernstes Gerät Die biologischen Produkte vom "Annahof" sollen im Rahmen eines ambitionierten Projektes an das Krankenhaus in Wien-Gumpendorf geliefert werden. Alle Speisen, die im Krankenhaus serviert werden, sollen biologisch einwandfrei sein. Milch aus Laab gibt es bereits demnächst, und Fleisch will man liefern, wenn Vollbetrieb herrscht. Die Speisereste aus dem Krankenhaus kommen anschließend zurück an den Hof, wo sie wiederverwertet werden.

Ab Herbst 1999 soll auch der Ab- Hof-Verkauf voll einsetzen: Angeboten werden dann Milch, Butter, Käse, Schweine- und Rindfleisch, sowie Obst und Gemüse von den Feldern.

Der Musterbetrieb soll nicht zuletzt auch Vorbildcharakter für österreichische Landwirte haben. Schließlich geht moderne biologische Landwirtschaft mit genauer Planung und der Anschaffung neuester Maschinen einher. Deshalb werden am "Annahof" auch immer wieder Seminare veranstaltet, die Bauern und interessierten Menschen die Funktionsweise der biologisch-dynamischen Landwirtschaft näherbringen sollen.

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