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Mit dem Einfluss der Ernährung auf die Entstehung von Krebserkrankungen beschäftigen sich zahlreiche Langzeitstudien in Europa und den Vereinigten Staaten. Erst nach und nach entschlüsseln Wissenschafter die komplexen Zusammenhänge und räumen ein, dass die Ergebnisse nicht selten verwirrend und widersprüchlich erscheinen.

„Ein Apfel am Tag hält den Doktor fern.“ Diese geläufige Redewendung bringt in knapper Form eine scheinbar selbstverständliche Einsicht zum Ausdruck: Wer sich richtig ernährt, der bleibt gesund. Was im Einzelfall als „richtig“ gelten darf, ist teils tradiertes Wissen. Immer öfter aber auch Resultat wissenschaftlicher Forschung. In ihrer Studie „The causes of cancer“ zeigten die britischen Mediziner Richard Doll und Richard Peto vor fast 30 Jahren, dass (in westlichen Industrieländern) rund ein Drittel aller Krebserkrankungen von falscher Ernährung verursacht werden. Daraus folgt: Durch veränderte Essgewohnheiten lässt sich die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken, signifikant senken. Lange galt es als hinreichend gesichert, dass der Verzehr von mindestens 400 Gramm Obst und Gemüse täglich das Krebsrisiko um mehr als 20 Prozent reduzieren kann. Umso überraschender dürfte für viele das Ergebnis einer im vergangenen Monat veröffentlichten europäischen Studie sein. Neun Jahre lang beobachteten die Autoren fast 500.000 Männer und Frauen. Etwa 30.000 von ihnen erkrankten an Krebs. Das Erkrankungsrisiko der regelmäßigen Obst- und Gemüseesser lag dabei nur unwesentlich unter der Kontrollgruppe.

Geringer Zusammenhang

Als gering sei deshalb der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebshäufigkeit zu beurteilen, schreiben die Forscher. Zu gering jedenfalls, um auszuschließen, dass die minimale Risikoreduktion auch auf anderen Faktoren beruhen könnte. Das Ergebnis ist Teil der Langzeitstudie EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition), an der europaweit mehr als eine halbe Million Menschen beteiligt sind.

Ist damit die vertraute Empfehlung obsolet geworden, fünfmal am Tag Obst und Gemüse zu sich zu nehmen? Keineswegs, betonen Ernährungsexperten. Denn erstens schützen die Vitaminbomben vor zahlreichen anderen Erkrankungen, zum Beispiel des Herzens. Außerdem scheint die – im Durchschnitt zwar geringe – Schutzwirkung bei einigen Krebsarten größer zu sein als bei anderen. So etwa bei Krebs an Magen, Kehlkopf, Mundhöhle und Speiseröhre. Für Laien sind solche differenzierten Ergebnisse allerdings kaum zu interpretieren und verwirren deshalb mehr, als dass sie ein praktikabler Tipp für den gesunden Speisezettel wären. Auch Ibrahim Elmadfa, Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Wien, räumt ein, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht selten widersprüchlich erscheinen. „Krebs ist eine multikausale Krankheit“, sagt er. „Selbst wenn man nur die Ernährung betrachtet, spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle.“ Außerdem dürfe man nicht alle Krebsarten in einen Topf werfen. So sei beispielsweise das viel zitierte rote Fleisch fast nur in Zusammenhang mit Dickdarmkrebs relevant. Zu viel Salz mit Magenkrebs.

Vieles heute nicht mehr gültig

Dennoch gelten einige Konstanten unter Forschern als weitgehend gesichert. So weisen übergewichtige Menschen ein erhöhtes Risiko für das Entstehen von Spontantumoren auf. Umgekehrt führt Mangelernährung zu Immunschwächen und kann über den Umweg viraler Infekte ebenfalls Krebs verursachen. Lebensmittel können bekanntlich auch krebserregende Stoffe enthalten. Hüten sollte man sich etwa vor zu viel gepölketem Fleisch. In Pökelsalz enthaltene Nitrite können nämlich im Magen zu karzinogenen Nitrosamine umgewandelt werden. Texanische Wissenschaftler präsentierten kürzlich auf der Jahrestagung der American Association for Cancer Research eine zwölfjährigen Untersuchung an 1700 Personen, die Hälfte davon Blasenkrebspatienten. Gegenstand war der Zusammenhang zwischen Erkrankungsrisiko und Fleischkonsum. Je nachdem wie viel Fleisch sie aßen, wurden die Teilnehmer in vier Gruppen eingeteilt. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Gruppe der starken Fleischesser mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit Blasentumore bekommt als jene Personen, die nur wenig Fleisch zu sich nahmen. Besonders das Braten bei hohen Temperaturen beeinflusst das Krebsrisiko.

Immer häufiger werfen wissenschaftliche Untersuchungen alte Überzeugungen über den Haufen. So dachte man lange, dass Beta-Carotin das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern senke. Bis man schließlich entdeckte, dass es den genau gegenteiligen Effekt hat. Gleiches gilt für Vitamin E. „Allerdings gibt es wesentlich mehr Inhaltsstoffe in der Nahrung, die vor Krebs schützen als solche, die Krebs verursachen können“, betont Ibrahim Elmadfa. Zum Beispiel Carotinoide oder Polyphenole, die beide antioxidativ wirken, also freie Radikale neutralisieren. Studien über die positiven Wirkungen einzelner Lebensmittel gibt es jede Menge. Kalifornische Mediziner zeigten etwa unlängst an Mäusen, dass die Einnahme von Walnüssen das Wachstum von Prostatatumoren stark verlangsamt.

In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Clinical Cancer Research berichtet eine Forschungsgruppe vom Comprehensive Cancer Center der University of Michigan über die positive Wirkung von Brokkoli bei Brustkrebs. In Versuchen mit Mäusen und Zellkulturen konnten sie zeigen, dass ein Extrakt aus Sulforaphan, einem im Brokkoli vorkommenden Senföl, Krebsstammzellen zerstört. Die eingesetzte Konzentration an Sulforaphan war jedoch höher, als man sie durch bloßes Essen von Brokkoli aufnehmen könnte.

Lebensmittelvielfalt entscheidend

Weltweit laufen derzeit etliche groß angelegte Langzeiterhebungen. Seit 1992 zum Beispiel die europäische EPIC-Studie. Das nationale Gesundheitsinstitut (NIH) der USA führt mit mehr als 500.000 Teilnehmern seit 15 Jahren eine vergleichbare Studie durch. Beide betrachten sogenannte Kohorten, also Personengruppen, die bestimmte Merkmale oder Verhaltensweisen gemeinsam haben. Die Merkmale werden dabei mit dem Risiko einer Krebserkrankung in Beziehung gesetzt. Die Auswertung solcher Kohortenstudien wird in den kommenden Jahren noch etliche überraschende Erkenntnisse ans Tageslicht bringen.

Derweil rät Ernährungswissenschaftler Elmadfa zu Vielfalt bei der Lebensmittelwahl. Als Daumenregel gilt: Etwa 20 bis 30 verschiedene Lebensmittel soll man pro Woche zu sich nehmen, im stets abwechslungsreichen Mix. Damit erreicht man eine breitere Streuung der enthaltenen Stoffe und ihrer Kombinationen. Ansonsten ist es nicht falsch, sich an die hinreichend bekannten Eh-klars zu halten: viel Bewegung, wenig Alkohol, nicht Rauchen und regelmäßiger Schlaf.