Ernährung: zu viel und unausgewogen

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Überquellende Regale, jede Art von Obst und Gemüse zu allen Jahreszeiten, ein reichhaltiges Angebot an Nahrungsmitteln. Bedeutet das aber auch richtige Ernährung? Oder bedarf die Kost des Normalverbrauchers der Zuführung von Nahrungsergänzungsmitteln?

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Überquellende Regale, jede Art von Obst und Gemüse zu allen Jahreszeiten, ein reichhaltiges Angebot an Nahrungsmitteln. Bedeutet das aber auch richtige Ernährung? Oder bedarf die Kost des Normalverbrauchers der Zuführung von Nahrungsergänzungsmitteln?

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen ist in unserem Teil der Welt in den letzten 150 Jahren von etwa 35 auf rund 76 Jahre gestiegen ist. Und das ohne wesentlichen Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln. In den 5.000 Jahren davor war die durchschnittliche Lebenserwartung nur von 25 auf 35 Jahre gestiegen.

Den Löwenanteil an dieser Entwicklung hat sicher der Umstand, dass die Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose, Lungenentzündung, Blinddarmentzündung, Kindbettfieber und viele andere weitgehend eingedämmt werden konnten. Nicht nur durch die Erfindung der heilenden Antibiotika und der modernen Chirurgie (ihren Anteil an dieser Entwicklung schätzt man auf zehn Prozent).

Vielmehr sind es die Ausschaltung von Krankheitsursachen durch allgemeine Hygiene, bessere Wohnbedingungen, Impfungen und andererseits die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen Infektionen vor allem durch bessere Ernährung. Das gilt sowohl, was die Menge als auch die Qualität (beispielsweise ein höherer Eiweißanteil) betrifft.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen sind für ein großes Kollektiv von Menschen wirksam geworden, völlig unabhängig von der Lebensführung der Einzelnen. Auch weniger gesundheitsbewusste Menschen haben persönlich von dieser Entwicklung des Lebensstandards profitiert. Umgekehrt zeigt sich heute, dass die Häufigkeit von Infektionskrankheiten in Ländern mit abnehmendem Lebensstandard auch wieder zunimmt.

Heute wird die Lebenserwartung kaum mehr durch Infektionskrankheiten beeinflusst, sondern vor allem durch die degenerativen Erkrankungen von Herz- und Kreislauf (etwa 50 Prozent aller Todesursachen) und die Krebserkrankungen (etwa 25 Prozent aller Todesursachen).

Beide sind multifaktorielle Erkrankungen, das heißt, dass über lange Zeit viele Ursachen an der Entstehung dieser Krankheiten beteiligt sind. Etwa ein Viertel dieser Faktoren sind unbeeinflussbare Erbanlagen, ein weiteres Viertel sind umweltbedingt, die aber durch den Menschen nicht beeinflussbar sind, wie zum Beispiel der Verkehr, die Umweltverschmutzung oder die Arbeitswelt.

Aber immerhin die Hälfte aller Ursachen sind in der persönlichen Lebensführung, dem individuellen Lebensstil begründet.

Für regelmäßiges körperliches Training Zum Lebensstil gehört ganz wesentlich die Ernährung. Sie muss in der Quantität angemessen sein, um Unterernährung oder Überernährung zu vermeiden. Ein Zuviel an Nahrung führt zu Fettsucht und zu krankhaften Störungen des Stoffwechsels und des Kreislaufs.

Zum individuellen Lebensstil gehören auch die Bewegungsgewohnheiten. Im positiven Fall beinhaltet das regelmäßiges körperliches Training. Aber auch der Umgang mit Genussmitteln, zum Beispiel der Konsum von Zigaretten oder Alkohol gehört zum Lebensstil. Dabei weiß jeder, dass beide die Gesundheit über die Jahre nachhaltig negativ beeinflussen können.

Es ist nun nicht so, dass Menschen mit einem "ungesunden" Lebensstil sofort erkranken. Tatsächlich bleiben die meisten dennoch über viele Jahre gesund. Aber die Wahrscheinlichkeit, früher oder später eine der degenerativen Erkrankungen zu bekommen, ist durch dieses Verhalten erheblich größer.

Ein "gesunder" Lebensstil verringert diese Wahrscheinlichkeit und hat daher in Bezug auf Arteriosklerose und andere degenerative Erkrankungen eine ähnliche präventive Wirkung, wie die Hygiene in Bezug auf die Infektionserkrankungen.

Ganz sicher ist die Ernährung heute einer der wichtigsten gesundheitsrelevanten Faktoren, die individuell beeinflussbar sind. Energiereiche Nahrung ist heute kein Problem - im Gegenteil: Viele Menschen konsumieren insgesamt bei weitem zuviel. Dafür mangelt es heute aber sehr wohl an der Qualität der Nahrung, weil die Zusammensetzung des Essens häufig nicht optimal ist.

Die Durchschnittskost mit vielen industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln, "junk food" und Genussmitteln enthält zu viel Fett, zu viel Eiweiß, zu viel Salz, dafür aber zu wenig Ballaststoffe. Es mangelt aber auch an Mineralstoffen (etwa Magnesium) und an manchen Vitaminen und Spurenelementen.

Unterversorgt bei vegetarischer Kost Aber auch sogenannte "gesunde" Kostformen sind keineswegs immer ausgewogen zusammengesetzt. So geht zum Beispiel vegetarische Kost mit der Gefahr einer Unterversorgung mit Vitaminen (etwa D und E), sowie Elektrolyten (wie Kalzium) oder Spurenelementen (Eisen) einher.

Daher haben Nahrungsergänzungsmittel sehr wohl einen Nutzen auch für gesunde Menschen: Sie sind ein Beitrag zur Optimierung der Ernährung und helfen, der Entwicklung degenerativer Erkrankungen vorzubeugen beziehungsweise sie zu verlangsamen.

Nun kann man natürlich fragen: Warum empfehlen Sie den Menschen nicht einfach, sich vernünftig zu ernähren, mit gemischter Kost aus frischen Produkten der Landwirtschaft in ausgewogener Zusammensetzung? Das tue ich. Und nicht nur das, ich empfehle und "verordne" auch regelmäßiges körperliches Training, Nikotinabstinenz, Mäßigung (nicht unbedingt Abstinenz) beim Alkoholgenuss, Entspannungstechniken, Stressmanagement und anderes.

Leider werden aber ärztliche Ratschläge nicht immer befolgt. So genannte Sachzwänge setzen viele Menschen mit Stress und Hektik unter Druck, verleiten zu Nikotin- und Alkoholmissbrauch und zu "junk food - alles Umstände, die zu einem erhöhten Bedarf und möglicherweise unzureichender Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen führen kann.

Daher ist es sinnvoll, Präparate zu nehmen, die derartiger Stoffe in ausgewogener Dosierung und Mischung enthalten. Solche Kombinationen sind wahrscheinlich der Einnahme von Einzelsubstanzen in hoher Dosierung überlegen. Ein Multivitaminpräparat ist natürlich kein Ersatz für eine Änderung des Lebensstils im erwähnten Sinne. Es ist aber in der Lage, in den vielen möglichen Situationen des erhöhten Bedarfs oder verminderter Nährstoffeinnahme die Grundversorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sicherzustellen und damit diesen Teil einer optimalen Ernährung abzudecken.

Der Autor ist Univ. Prof. an der Universitätsklinik für Innere Medizin IV am Wiener AKH, Sportmediziner und Stoffwechsel- und Ernährungsspezialist.

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