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Richtig essen erspart die Diät

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Reinhard Leeb, Oberarzt und Ernährungsfachmann im Krankenhaus Steyr (00), warnt vor unüberlegten Fastenkuren. Nur die richtige Methode bringt Erfolg.

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Reinhard Leeb, Oberarzt und Ernährungsfachmann im Krankenhaus Steyr (00), warnt vor unüberlegten Fastenkuren. Nur die richtige Methode bringt Erfolg.

DIKFurchk: Was heißt Fasten in medzinischer Sicht? reinhard Leeb: Man muß ein bißchen genauer dpfinieren, was man unter Fasten versteht. Für uns Mediziner ist Fasten ein „Nüchternzustand”. Das bedeutet, es ist alles verdaut, was beim letzten Essen aufgenommen wurde. Das ist etwa fünf Stunden nach einer Mahlzeit der Fall. Ab diesem Moment lebt der Körper von seinen eigenen Reserven. Dieser Zustand tritt bei jedem Menschen auch jede Nacht ein.

Als gesunder Mensch könnte man einige Tage ohne Nahrung auskommen. Die sogenannte „Nulldiät” wäre machbar. Das hat sich medizinisch aber als ungünstig erwiesen, es ist sogar verpönt. Vor einigen Jahren gab es in den USA sogar einen Prozeß gegen eine Firma, die dermaßen aggressive Diäten angeboten hat, daß einige Todesfälle zu beklagen waren.

Das Fasten, das in diversen Fastenbüchern beschrieben wird, geht meist von einer reduzierten Kalorienzufuhr aus. Es sind Diäten, die mit etwa 600 Kalorien pro Tag auskommen.

DIEFURCHE: Ab wann verliert der Mensch überschüssige Kilos?

leeb: Die Gewichtsmessung ist in der ersten Woche sehr problematisch. Der Darm entleert sich in den ersten zwei bis drei Tagen. Das ist schon einmal ein erheblicher Gewichtsverlust, aber kein Substanzverlust.

DIEFURCHE: Wis kann an negativen Folgen während des Fastens passieren?

LEEH: Der Körper braucht täglich während des Fastens mindestens zwei bis drei Liter Flüssigkeit, weil sich sonst Gallensteine bilden können. Das ist dadurch erklärbar, weil es durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr zu einer Eindickung der Gallenflüssigkeit kommt.

Zweitens fehlt der Reiz für die Gallenblase, daß sie sich entleert. Die Gefahr der Gallensteinbil dung ist damit stark erhöht.

Wenn man länger fastet, kann es auch passieren, daß der Vitamin- und Mineralstoffhaushalt nicht ausgewogen ist. Sehr gefürchtet sind Kaliumverluste. Vor allem ist das für Menschen gefährlich, die eine Fastendiät mit entwässernden Medikamenten und Abführmitteln kombinieren. Durch Kaliumverlust können lebensbedrohliche Rhythmusstörungen auftreten.

Eine weitere Gefahr ist der Anstieg der Harnsäure. Die Folge können Gichtattacken und Nierensteine sein. Nierensteine können aber ebenfalls eine Folge von zu geringer Flüssigkeitszufuhr sein.

DIEFURCHE: Wie stellt sich beim Fasten der Stoffwechsel um?

LEER: An und für sich ist der Körper dafür gerüstet, über einen längeren Zeitraum keine Nahrung zu bekommen. Der Körper verbraucht dann zuerst die Zuckerreserven, die befinden sich hauptsächlich in der Leber. Diese Reserven halten aber nur ungefähr 24 bis 48 Stunden an. Um die notwendige Energie danach bereitzustellen, beginnt der Abbau der Fettreserven.

Dabei entstehen Stoffe, die sogenannten Ke-tonkörper, darunter auch Aceton, an denen man die Umstellung auf die Fettverbrennung nachweisen kann.

'ikFurche: Manche Menschen meinen, daß sie durch das Fasten eine „höhere” Bewußtseinsebene erreichen. Sind diese Ketonkörper dafür verantwortlich?

LEER: Bei Fastenkuren besteht immer die große Angst, daß Menschen psychische Probleme bekommen. Man hat untersucht, inwieweit der

Ketonkörper-Spiegel dafür ausschlaggebend ist. Da hat man eigentlich keine schlüssigen Zusammenhänge gefunden. Untersucht hat man die Entstehung von Depressionen oder die Auslösung von Angstzuständen. Medizinisch gesehen gibt es keine Beweise, daß die Ketonkörper psychische Veränderungen hervorrufen. Wenn jemand niedrige Blutzuckerwerte entwickelt, ist das allerdings etwas anderes. Es ist bekannt, daß dadurch psychische-Veränderungen verursacht werden können, die möglicherweise in ihrer Art von der Erwartungshaltung gesteuert werden. Das weiß man auch von den Diabetikern. Wenn sie niedrige Blutzuckerwerte haben, dann werden manche von ihnen euphorisch, manche auch aggressiv. Das ist individuell verschieden. Dieses euphorische Hochgefühl, von dem manche Menschen beim Fasten berichten, kann durch niedrige Blutzuckerwerte erklärbar sein.

Aber mir haben Menschen berichtet, daß sie Blutzuckerwerte in einem Bereich haben, wo ich das bereits für gefährlich halte. Weil ich mir beispielsweise nicht mehr vorstellen kann, daß diese Menschen noch konzentriert mit dem Auto fahren können.

DIEFURCHE: Wann ist es aus medizinischer Sicht sinnvoll zu fasten? LEER: Wenn man Fasten so definiert, daß die Kalorienzufuhr auf 600 Kalorien beschränkt wird, dann kann man der Gruppe der Mittel-Übergewichtigen so etwas empfehlen. Da sind teilweise sogar die käuflichen Diäten sinnvoll. Die haben den Vorteil, daß sie genügend Mineralstoffe enthalten, damit man eben keinen Kaliummangel bekommt. Wenn jemand Erfahrung hat, dann kann man sechs bis acht Wochen so eine Diät machen. Wobei man mehrmals den Stoffwechsel überprüfen sollte. Allerdings führt so eine Diät zu keiner. Modifikation der Ernährungsgewohnheit. Das wäre aber wünschenswert. Solche Diäten nützen auf lange Sicht betrachtet nichts.

Ein heikler Zeitpunkt ist, wenn die Menschen wieder zu Essen beginnen. Teilweise fangen sie an, absichtlich zu erbrechen aus Angst, daß das Essen wieder zu Übergewicht führt.

DIEFURCHE: Ist Fasten prinzipiell sinnvolP LEER: Der Optimalzustand ist, wenn jemand das ganze Jahr hindurch sein Wunschgewicht aufrecht erhält. Wenn das aber nicht gelingt, dann ist es sicher besser, periodisch abzunehmen als gar nichts zu machen. Aber es gibt Untersuchungen, daß sich dieses periodische Abnehmen ungünstig auf die Lebenserwartung auswirken kann. Das sollte allerdings keine Ausrede sein, bei Übergewicht nicht zu fasten.

dieFurciie: Was ist eigentlich das „optimale” Körpergewicht?

LEER: Die Antwort, „das Idealgewicht”, wäre zu einfach. Das wird sehr vielen Menschen nicht gerecht, gerade bei den Übergewichtigen. Übergewichtige auf das Idealgewicht zu bringen, ist fast hoffnungslos. Man muß mit jedem einzelnen Patienten besprechen, was er für Vorstellungen hat, wo er hin soll und hin will. Manche Vorstellungen müssen drastisch gedämpft werden, weil jeder gleich auf das Idealgewicht kommen möchte. Man muß aber zuerst feststellen, was wirklich realistisch ist. Das Idealgewicht als Endpunkt anzusetzten, würde nur zur nächsten Enttäuschung führen. Aus diesem Grund sollte man sich eher kleine Ziele setzten.

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