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Raum schaffen für Gotteserfahrung

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Auch ausgebuchte Fastenkurse zeigen, daß die Sehnsucht nach Meditation und Schweigen nicht nur außerkirchlich gestillt wird.

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Auch ausgebuchte Fastenkurse zeigen, daß die Sehnsucht nach Meditation und Schweigen nicht nur außerkirchlich gestillt wird.

Gerade zu Beginn der Fastenzeit mehrten sich heuer Zeitungsberichte und Reportagen zum Thema "Weg mit den Kilos", "Schlemmen am Fasttag, ab morgen Diät" oder "Was halten Sie von der Fastenzeit?" Beim Lesen der Fastentips fiel auf, daß es hauptsächlich darum geht, dem in der kalten Jahreszeit angesetzten Winterspeck endgültig den Garaus zu machen.

Vielfach suchen Menschen besonders in der Fastenzeit Fastenkliniken und Vitalstudios auf, um (für meist teures Geld) einmal Askese und Verzicht zu üben, den eigenen Körper und Lebensrhythmus genauer zu beobachten und in einer überschaubaren Zeitspanne dem Idealgewicht etwas näher zu rücken.

Eine zusätzliche Dimension des Fastens bieten die in den einzelnen Diözesen abgehaltenen Fastenwochen. Etwa das "Heilfasten nach Hildegard von Bingen" in der Diözese Eisenstadt oder die in der Diözese Linz angebotenen Fastenkurse, die fünfmal jährlich stattfinden und jeweils eine Woche dauern. "Die Menschen sind immer wieder erstaunt, daß die katholische Kirche solche Kurse anbietet, viele erwarten das gar nicht", erzählt Susanne Gross, Referentin für Spiritualität der Diözese Linz. "Ein wesentliches Element unserer Fastenkurse ist das Schweigen. Die Teilnehmer berichten immer wieder, daß ihnen die Einhaltung des Schweigens viel schwerer fällt als das Fasten bei Saft und Tee bzw. Tee und Semmel."

Fasten und Schweigen - das ist eine Kombination, die reiflicher Überlegung bedarf. Deshalb werden die Kursteilnehmer kurz vor Beginn des Kurses noch einmal brieflich befragt, ob sie auch wirklich bereit sind, den Kurs die ganze Woche zu besuchen. Ungewöhnlich in einer Zeit, in der sonst um jede Anmeldung gekämpft und der Teilnehmer mit zusätzlichen Zuckerln zu einem Kurs gelockt wird. Die Fastenkurse sind dennoch ausgebucht, die Nachfrage steigt. An die 20 Teilnehmer pro Kurs sind möglich. Letztes Jahr nahmen an den fünf Kursen insgesamt 108 Personen teil.

"Wir benützen das Fasten, um das Wesentliche stärker spüren zu können. Fasten bedeutet auch Verzicht auf den Konsum von Medien (TV, Radio, Internet) und auf die Ablenkung durch Telefonieren, Lesen oder Briefe schreiben. Tagebuchnotizen sind jedoch erlaubt.", meint Gross mit einem leichten Schmunzeln. Gefastet wird entweder nach Franz Xaver Mayr-Diät bei Tee und Semmel oder nach Dr. Buchinger mit Tee und Saft.

In das gemeinsame Schweigen werden die Teilnehmer nach einer kurzen Begrüßungsrunde entlassen, in der Erwartungen und Ängste zur Sprache gebracht werden können. Dann folgt ... die Stille.

"Das Schweigen ist die Kunst loszulassen, um einen anderen Grund in sich zu entdecken: Gott selbst", so lautet ein Impuls, den die Teilnehmer tags darauf bei der gemeinsamen Gebetszeit auf kleinen Zetteln zu lesen bekommen. Nachmittags wird gemeinsam meditiert und je nach Wunsch die Ikonen-Malerei gepflegt oder Seidentücher bemalt.

Nicht zur Erholung Ziel ist es, einen Rahmen zu schaffen für das, was man Gotteserfahrung nennen kann. "Daß dies passiert, kann man nicht machen, aber ermöglichen. Durch das gemeinsame Fasten und Schweigen kann ein innerlicher Prozeß in Gang kommen, der manchmal auch schmerzvoll ist, letztendlich aber meist als befreiend erlebt wird", beschreibt Gross die Erfahrungen der Teilnehmer. "Es geht darum, zu sich selbst und zu Gott zu kommen. Das ist immer ein Weg. Die Stille bringt hervor, was in einem ist. Das kann auch Wut, Trauer und Tränen bedeutet. Aber Weinen ist erlaubt. Wenn ich die Wunden nicht mehr verschließe, dann kann auch ein Stück weit Heilung passieren."

Zielgruppe sind daher nicht Erholungssuchende und Menschen, die sich einmal für eine Woche ausrasten wollen, sondern jene, die nach Sinn suchen, die sich beispielsweise mit 45 Jahren fragen: "War's das schon? ... Das Leben ist ganz nett, aber irgend etwas fehlt. Da muß es noch mehr geben". Aber auch junge Leute trifft man auf Fastenkursen und Exerzitien, auffallend ist nur, daß die Kurse überwiegend von Frauen besucht werden: dreiviertel der Teilnehmenden sind weiblich.

Nach sechs Tagen Schweigen und Fasten ist es wichtig, langsam und behutsam in den Alltag zurückzukehren. Die erste gemeinsame Nahrungsaufnahme - das Fastenbrechen - ist für alle ein erhebender Moment. "Das Löffeln der Suppe ist wie ein heiliger Akt", beschreibt Gross die Atmosphäre im Speisesaal. Viele der Teilnehmer sind erstaunlich "nüchtern", denn zum Schweben und Halleluja-Hüpfen tut das in der Woche Erlebte und Erlittene zu weh. Bei manchen tritt in dieser Woche zutage, was in ihrem Leben schon lange nicht in Ordnung war. "Man soll aber nicht gleich große Entscheidungen fällen, sondern überprüfen, ob das im alltäglichen Leben auch paßt", warnt Gross am Ende des Fastenkurses davor, gleich das gesamte Leben über den Haufen zu werfen.

Reinigung - innerlich Nach dem Fastenkurs - der eine Art innerliche Reinigung bewirkt - ist man sensibel und verletzlich, man nimmt Dinge schneller wahr und kann auch schneller reagieren. Abschließend stellt sich die Frage, was man vom Fastenkurs in den Alltag hinüberretten kann. Wenn es auch nur Facetten sind - einen Spaziergang zu machen, hin und wieder eine stille Zeit einzuplanen, eine Schriftstelle zu meditieren oder den Medienkonsum bewußt hintan zu halten -, so kann das Leben dadurch doch wieder an Sinn und Farbe gewinnen. Oder wie es in der Broschüre heißt: "Die Lebensqualität kann sich spürbar verbessern". Denn: weniger ist oft mehr.

Fastenkurse, Quellentage, Heilfasten mit Hildegard von Bingen, Exerzitien im Alltag, Kontemplative Exerzitien, Einkehrwochenenden, Fasten in der Karwoche ... werden in allen Diözesen des Landes mit verschiedenen Akzentsetzungen und zu erschwinglichen Preisen (in der Größenordnung von 2.000 Schilling pro Woche) angeboten.

Informationen über spirituelle Fastenangebote sind unter anderem in der Broschüre "Energie für die Seele tanken". Die Broschüre kann kostenlos angefordert werden beim:Canisiuswerk, 1010 Wien, Stephanspl.6, Tel. 01/5125107, email: canisiuswerk@canisius.atDie Angebote können auch im Internet abgerufen werden unter:http://www.canisius.at/Energie.htm

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