7133176-1997_36_09.jpg
Digital In Arbeit

Räume offenhalten, nicht Geschäfte

1945 1960 1980 2000 2020

Welches Gebot wird am meisten mißachtet? - Die Sonntagsruhe! Gerade diese ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Debatte um den Sonntag ist angesichts neuer Ladenschlußforderungen nicht obsolet: Ein Beitrag zur Diskussion.

1945 1960 1980 2000 2020

Welches Gebot wird am meisten mißachtet? - Die Sonntagsruhe! Gerade diese ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Debatte um den Sonntag ist angesichts neuer Ladenschlußforderungen nicht obsolet: Ein Beitrag zur Diskussion.

Die Vögel zwitschern lauter, und die Straße überquert man langsamer als sonst. Statt des üblichen Dröhnens des Verkehrs beherrschen Kirchenglocken den Luftraum. Die Straßen laden nachgerade zum Aufatmen ein ...

Wer an einem Sonntagvormittag durch seine Stadt spaziert, der möchte vielleicht noch einmal nachdenken über unsererr Umgang mit dem Sonntag. Daß am Sonntag gemeinsame Arbeitsruhe für jene Mehrheit der Bevölkerung gilt, deren Dienst nicht unerläßlich ist für das Funktionieren der Gesellschaft, hat psychologische und soziale Gründe. Die religiösen Motive greifen genau diese auf und untermauern sie: Der Sabbat ist des Menschen wegen da, sprach einer, der für unser Land und für die Lebenskultur Europas maßgebliche Ideen beisteuerte.

Ein Mehr an Lebensqualität

Während der ganzen Woche sind wir damit beschäftigt, die Welt und unsere Lebensbedingungen zu verbessern. Auch an einem arbeitsfreien Samstag legen wir kaum die Hände in den Schoß, denn die Quälgeister des Aktiv-Seins, der Beschleunigung und des Leisten-Müssens geben so bald keine Buhe. Auch das „Shopping-Erlebnis” oder das Tennismatch gehören eher zum Freizeitstreß als zur Erholung.

Wer das Gebot der Sabbatruhe einmal wirklich achtet, dem wird auffallen, wie sehr er oder sie sich bereits jener atemlosen Grundhaltung verschrieben hat - und welch ganz andere Art von lebensqualität sich dadurch einstellt, daß einmal wirklich Pause ist. Zeit zum Nachdenken und Nach-Sinnen. Ja: sinnlicher werden und so mehr von der Wirklichkeit wahrnehmen. Es akzeptieren, daß die sechs vorangegangenen Arbeitstage nicht genügten, um alles zu erreichen und alles zu vollenden. Dabei könnte die Erkenntnis wachsen, daß ich mein Glück überhaupt nicht selbst erarbeiten oder verdienen kann. Der Sonntag ist eine Chance zu lernen, daß das Schöne und Beglückende im Leben letztlich das Geschenkte ist und nichts Gemachtes oder Gerafftes.

Es ist anzunehmen, daß jeder Mensch einen Wunsch nach Buhe, nach Schauen und Genießen hat. Wenn ich das allerdings immer weiter aufschiebe - weil immer noch etwas fehlt, bis ich es mir gönne oder „leisten kann”, dann komme ich nie dazu. In der Pension eben auch nicht.

Wie wohl kann es tun, das verschmitzte und zugleich weise Nicht-Müssen zu pflegen in einer Zeit, die von ihren selbstproduzierten Sach-zwängen fasziniert ist. In diese Sonntagskultur zu gelangen, ist manchmal nicht leicht: gegen die Angst vor der Leere und Stille, gegen unsere namenlosen Dämonen, die Buhe nicht zulassen wollen, und dafür, daß ich mich mit mir selbst wieder anfreunde. Paradox: Je schwerer die Unterbrechung fällt, umso nötiger ist sie.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt. Der Tag der Ruhe soll ein gemeinsamer sein. Bei der weit fortgeschrittenen Individualisierung ist das umso wichtiger. Denn es gibt ein Leiden an der Vereinzelung, am Schwinden der Gemeinschaftsfähigkeit in der Single-Gesellschaft. Es geht nicht um eine Verzweckung jeglichen Beisammenseins, sondern um das Offenhalten von Freiräumen für das, was weniger zweckdienlich, aber umso sinnvoller ist.

Den freien Raum für Gemeinschaft zu wahren, bedarf also der Rahmenbedingungen und der Gestaltung. Bekanntlich helfen Rituale dabei (siehe Furche Nr. 50/1996), und so tun sich die Teilnehmer am sonntäglichen Ritual der Christen leichter, weil da alle genannten Elemente zusammenkommen. Wenn aber jeder und jede für sich selbst den eigenen arbeitsfreien Tag abgrenzen und definieren muß, bedeutet das nur eine weitere Belastung. Hingegen entlastet es von Gewissenskonflikten und ständigen Problemen im Freundesund Familienkreis, daß der Sonntag von vornherein der freie Tag ist. Daß das Gegebene und Vorgegebene auch Freiheit schenken kann, lerne ich nicht dadurch, daß ich gezwungen werde, sie mir jede Woche selbst zu nehmen.

Fine hochinteressante Geschichte ist die biblische Interpretation im Buch Levitikus (26,34f.): Für den Fall, daß sein Volk ihm feindlich wird, Götzen anbetet und den Sabbat nicht hält, droht Gott mit der Verwüstung des Landes und dem Exil: „Dann hat das Land Buhe und erhält Ersatz für seine Sabbate. Während der ganzen Zeit der Verwüstung hat es Sabbatruhe, die es an euren Sabbaten nicht hatte, als ihr noch darin wohntet!”

Dankbarkeit für das Geschaffene

Die Buhe ist also mehr als eine zweckdienliche Arbeitspause, ohne die der einzelne Mensch auf Dauer weniger leistungsfähig ist. Die Ruhe hat eine 'größere Dimension für das ganze Land - heute für die Biosphäre. Ist es vielleicht nicht Zeit, daß auch die Luft eine Belastungspause erhält, die an Werktagen durch Abgase leidet und alle Kreatur in ihr? Daß die Großstadtluft zum Spazierengehen mit den Kindern erst wieder geeignet wird, daß eine Lärmpause gepflegt wird, die dem Gesang der Vögel und den bei uns lebenden Tieren Raum gibt...

Der in der DDR säkular erzogene Jude Chaim Noll begann eines Samstags, dem Sabbatgebot eine befreiende Erfahrung abzugewinnen, als er seinem Telephon und Computer die

Stecker herauszog. „Heutzutage geht alles viel zu schnell. Welten stürzen zusammen, und fragwürdige neue erheben sich. Es gibt zuviel Bewegung und selbsterklärte Erlösung. Zuviel Auf und Ab für ein Menschenleben. Zuviel Tohuwabohu, wie es in der Bibel heißt. Zuviel Vorschnelles. Und wenig Dankbarkeit für das schon Geschaffene.”

Es geht darum zu verstehen, was Gott meinte, als er am siebten Tag ruhte - denn „er sah, daß es gut war, was er gemacht hatte”. Aufhören, die Welt oder sein eigenes Leben zu verbessern und teilnehmen daran, daß gut ist, was Gott macht!

Manches in unserer Welt ist nicht gut, ganz und gar nicht. Aber dem religiösen Menschen eignet die wesentliche Fähigkeit, aucn einmal etwas gut sein zu lassen.

Für den Christen verbindet sich das Sabbatgebot (das wohl viel öfter mißachtet wird als etwa das so gerne zitierte sechste) mit der Botschaft von der Auferstehung Jesu. In der Oster -zeit wird immer wieder berichtet, wie der Auferstandene seinen Jüngern zuruft: „Der Friede sei mit euch!” Man kann auch übersetzen: „Der Friede ist mit euch!” Gott hat alles getan. Selbst den Jüngern fiel es schon nicht leicht, das anzunehmen und im Shalom zu leben. Auch wenn sie sich gesendet wußten und wissen - dorthin, wo es wahrhaft viel zu tun gibt, bis heute: Das Weitergehen soll im Bewußtsein der Freiheit erfolgen, daß das Wesentliche schon vollendet ist.

In dieser Grundhaltung macht dann die Arbeit während der Woche viel mehr Freude, weil sie eine Antwort darauf wird. Weil sie im Shalom bleibt: im Lebensraum der Gemeinschaft und im Geschenkcharakter des Lebens.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau