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Religiöse Vielfalt, leicht VERDAULICH

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Was wäre besser geeignet, sich zusammenzusetzen und das Verbindende in den Vordergrund zu stellen, als ein Tisch?(Dietmar Müller)

Man fastet im Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang, also nichts essen, nichts trinken, kein Streit und keine sexuellen Aktivitäten. (Ein muslimischer Schüler)

Wenn ich die Fülle mit Minze und Kreuzkümmel würze, ist es orientalisches Börek, und wenn ich Paprika und Majoran reingebe, ist es ein österreichischer Strudel. (Koch Christoph Fink)

Vor einigen Wochen hat jemand vorgeschlagen, dass man manche Menschen einfach am Stadtrand unterbringen sollte. Wir dagegen sind der Meinung, dass es besser ist, wenn wir uns zusammensetzen und das Verbindende in den Vordergrund stellen. Und was wäre dazu besser geeignet als ein Tisch?"

Dietmar Müller ist ein Freund klarer Ansagen. Vor allem aber ist er ein Freund konkreter Aktionen. Seit mittlerweile 20 Jahren unterrichtet er als katholischer Religionsund Deutschlehrer an der Vienna Business School Floridsdorf, einer (privaten) Handelsakademie und Handelsschule des Fonds der Wiener Kaufmannschaft. Wie in fast allen Schulen hat auch hier die religiöse Vielfalt deutlich zugenommen: Viele der rund 700 Schülerinnen und Schüler, insbesondere in der Handelsschule, sind muslimisch oder ohne Bekenntnis - wobei es eher bildungsaffine Eltern sind, die ihre Kinder hierher schicken und dafür Schulgeld bezahlen. Probleme auf Grund der religiösen Diversität habe es bislang keine gegeben, erzählt Dietmar Müller. Aber das "Nebeneinanderher" im Schulalltag habe ihm dennoch zunehmend missfallen.

Zwischen Klasse und Vinothek

Als Schulleiterin Susanne Neuner nach einer Idee für ein Sozialprojekt fragte, war er folglich leicht zu gewinnen. Es sollte um einen interreligiösen Projekttag gehen, um die bewusste Begegnung mit eigenen und fremden Glaubensinhalten, Ritualen und Bräuchen. Mit dem Thema "Essen und Trinken" zu beginnen, war dabei naheliegend: Nicht nur, weil das zu den menschlichen Grundvollzügen gehört und man eben leicht an einem Tisch zusammenkommt, wie Müller gleich zu Beginn im Festsaal vor den Jugendlichen betont hat; sondern auch, weil er selbst Geschmacks-Experte ist. Neben seiner halben Lehrverpflichtung steht er zwei Mal pro Woche ab 16 Uhr in seiner kleinen, aber feinen Vinothek "Rudolf Polifka et Fils" in Rudolfsheim-Fünfhaus. Zu kaufen sind hier österreichische und französische Bio-Weine von "Winzerinnen und Winzern, die sich ihrem kulturellen Erbe mehr verpflichtet fühlen als internationalen Trends", wie es auf der Homepage heißt.

Um "kulturelles Erbe" - freilich in einem existenzielleren Sinn als beim Weinanbau -soll es an diesem Donnerstag auch an Müllers Schule gehen. Anhand von fünf Stationen sollen die Schüler in gemischt-religiösen Gruppen verschiedenste Dimensionen des Essens, Trinkens und Feierns kennenlernen -vom Thema "Nahrungsmittel versus Industrienahrung" bis zum "Essen und Trinken in Heiligen Schriften". Christliche und muslimische Schüler stellen sich hier gegenseitig Texte aus der Bibel bzw. Verse aus dem Koran vor, versuchen Parallelen zu ziehen und wagen ihre eigenen Interpretationen. Besonders viel Spannung verspricht die Station "Multireligiöser Festkalender", bei der es um die eigene Feierpraxis der Schüler und ihrer Familien geht. Für die christlichen Jugendlichen und jene ohne religiöses Bekenntnis hat die katholische Religionslehrerin, Karin Kamper, eine Flipchart vorbereitet, auf die man bunte Sticker kleben kann. Kein einziger Schüler zeigt an, dass es bei ihm zuhause Adventsingen gebe, nur zwei lesen das Weihnachtsevangelium. Das Feiern in der Familie ist freilich für die meisten zentral -und im Zweifel wichtiger als Geschenke. Überraschungen gibt es auch rund um die Fastenzeit: An erster Stelle bei den Fastenvorsätzen rangiert der Verzicht auf Zigaretten und Süßigkeiten, jener auf Fleisch spielt hingegen kaum eine Rolle -schließlich sind einige Schüler auch Vegetarier. Immerhin drei geben an, eine "Aschenkreuzsegnung" zu kennen, vier nahmen bereits an Palmweihen teil.

Beim anschließenden Frage-Antwort-Spiel kommen christliche und muslimische Schülerinnen und Schüler schließlich direkt ins Gespräch: Was essen Christen zu Weihnachten? Oder: Wie lange dauert die Fastenzeit?"Ich habe gar nicht gewusst, dass auch die Christen fasten", wird später ein Mädchen erklären. Aber auch die muslimischen Schüler müssen Fragen zu ihren religiösen Bräuchen beantworten. "Man fastet im Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang, also nichts essen, nichts trinken, kein Streit und keine sexuellen Aktivitäten", erklärt ein Schüler neben der islamischen Religionslehrerin, Derya Öztürk Bibars. Ob es in den Sommermonaten nicht ungesund sei, den ganzen Tag über nichts zu trinken, fragt eine Schülerin? "Es kann schon zum Problem werden", antwortet die Lehrerin, "aber wenn man rechtzeitig aufsteht und noch vor Sonnenaufgang eine Kleinigkeit isst und trinkt, ist es kein Problem." Das Mädchen ist damit zufrieden.

"Höchste Eisenbahn" für Ethikunterricht

Miteinander ins Gespräch kommen, sich überraschen lassen -aber notfalls auch das eine oder andere hinterfragen: All das ist bei interreligiösem Begegnungslernen möglich. Das Risiko (pseudo)religiöser Missverständnisse und Konflikte (siehe Artikel rechts) wird durch Dialog vermutlich nicht beseitigt, aber wahrscheinlich doch geringer. Umso mehr würde sich Dietmar Müller wünschen, dass auch andere Schulen öfter solche Projekte lancieren. Langfristig müsse man sich aber wohl neue Konzepte für die religiöse Bildung überlegen. "Ich denke, das zukünftige Modell muss zweispurig sein", erklärt er im FURCHE-Gespräch, während die Schülerinnen und Schüler einen Stock höher schon am Mittagessen werken. "Vorerst muss gewährleistet sein, dass der konfessionelle Religionsunterricht nicht weiter ausgedünnt und organisatorisch an den Rand gedrängt wird", meint Müller -weshalb es auch "höchste Eisenbahn" sei, endlich einen alternativen Ethikunterricht zu verankern. Als Lehrer kämpfe er jedenfalls für den bekenntnisorientierten Unterricht, "weil hier klar ist, von welchem Standpunkt aus gesprochen wird", so Müller. Parallel dazu müsse es freilich auch grundsätzliche Überlegungen zu einem konfessions- und religionsübergreifenden Unterricht samt Ethik geben -"weil die Demographie in diese Richtung geht". Bloßes Lamentieren ist aber seine Sache nicht: weder darüber, dass es immer weniger katholische Schüler gibt, noch darüber, dass diese Jugendlichen immer weniger Einstandsvoraussetzungen in religiösen Dingen mitbringen. "Man muss mit den Jugendlichen arbeiten, die da sind", sagt Müller.

Und gearbeitet wird viel an diesem Tag: Die letzte Schülergruppe finalisiert mit den Köchen Christoph Fink und Christian Mezera von "eins &eins deluxe" gerade das Menü für das große Abschluss-Essen. Gemüsesuppe, Blechkuchen, Liptauer und Tsatsiki, Ayran und Orangensaft sowie Börek und Strudel werden im Festsaal aufgetischt. Letztere beiden haben fast dieselben Zutaten, erklärt Christoph Fink: "Aber wenn ich die Fülle mit Minze und Kreuzkümmel würze, ist es orientalisch, und wenn ich Paprika und Majoran reingebe, ist es österreichisch."

Den Schülerinnen und Schülern schmeckt zum Glück alles. Und auch die Lehrer sind satt und zufrieden. "Es hat von allen sehr positives Feedback gegeben", wird Dietmar Müller später sagen. Spätestens im nächsten Schuljahr soll der interreligiöse Dialog an der Schule weiter fortgesetzt werden. Geschlechterrollen, heilige Schriften oder auch Fundamentalismus kämen als Themen in Frage. Nicht ganz so schmackhaft wie Essen und Trinken - aber Religion ist eben nicht immer leicht verdaulich.