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Gemeinsam Lernen Statt Kämpfen

Susanne Wiesinger, Autorin des Buches "Kulturkampf im Klassenzimmer", hat ein verdienstvolles Anliegen. Es besteht darin, dass alle Schülerinnen und Schüler die Chance haben sollen, sich eine zukunftsfähige Bildung anzueignen und Werte der Aufklärung, speziell der Mündigkeit und Toleranz, zu verinnerlichen. Burschen sollen nicht zu Machos heranwachsen, die Mitschülerinnen drangsalieren, weil sie ein ärmelloses "christliches" T-Shirt tragen; und Mädchen sollen nicht zu verschüchterten Frauen werden, die ihren verhüllten Kopf senken und sich verheiraten lassen. Wiesingers Schilderungen der pädagogischen Notstände, wie sie an mehr und mehr Schulen herrschen, sind authentisch und ernst zu nehmen. Es besteht Handlungsbedarf. Politische "Ausschlachtung" - Kritik an einer schönfärberischen Schulpolitik der SPÖ und der Grünen, Wasser auf die Mühlen der Immigrationsgegner -hilft nicht weiter.

Weg vom ewigen Schulversuch

Die erzieherischen Möglichkeiten von Schule sind freilich realistisch zu sehen. Am nachhaltigsten geprägt werden junge Menschen durch die familiäre Sozialisation, die in vielen islamischen Familien eine ganz andere ist als in säkularen. Aber was sich schulpolitisch realisieren ließe, um zu mehr Integration und Aufklärung -hinter die es kein Zurück geben darf - beizutragen, sollte nicht unversucht bleiben.

Einen konstruktiven Vorschlag dazu hat Niki Glattauer, Direktor und langjähriger Lehrer an einer Brennpunktschule, kürzlich in einem Kurier-Interview gemacht -auch wenn es irritierend ist, dass er aggressives Verhalten von muslimischen "Halbwüchsigen" als "testosterongesteuert" verharmlost und diese als "Deppen" lächerlich macht. Aber konstruktiv ist: "Helfen würden gemischte Klassen und ein verpflichtender, gemeinsamer Religionen-und Ethikunterricht." Ethikunterricht, vielfach noch immer zum "Ersatzfach" abgewertet, existiert in Österreich seit nunmehr 21 Jahren, aber noch immer nur als Schulversuch. An der Jahrtausendwende habe ich im Auftrag der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) die Ethikklassen an den damals noch 97 Schulversuchsstandorten evaluiert. Darunter auch ein Gymnasium in Oberösterreich, wo eine Klasse mit vielen Schülern aus Ex-Jugoslawien unterrichtet wurde. Sie stammten aus Serbien, Kroatien und Bosnien und waren ähnlich zerstritten wie die Menschen in ihren Herkunftsländern -bzw. die kurdischen und türkischen Schüler, von denen Wiesinger berichtet. Die Ethiklehrerin thematisierte -methodisch vielfältig und auch mit Rollenspielen - das Thema Toleranz und Respekt: "Da habe ich festgestellt, dass die einzelnen Gruppierungen der Nationen sich echt respektiert haben", berichtet sie. In einer anderen Klasse bestanden Spannungen zwischen muslimischen und christlichen Schülern. Die Lehrkraft thematisierte den Islam, wobei eine muslimische Schülerin viel von ihrer Religion erzählte, wie sie bei ihr zu Hause gelebt wird -worauf ihr die christlichen Mitschüler berichteten, wie das bei ihnen ist. "Über diese Inhalte sind sie irgendwie zusammengewachsen."

Eigenes Curriculum, eigene Lehrkräfte

Aufgrund des empirisch wiederholt nachgewiesenen Integrationspotenzials eines solchen Zugangs hege ich seit vielen Jahren die Vision, es möge in Österreich ein Fach "Ethik und Religionen" eingerichtet werden, verpflichtend für alle, bestenfalls von der Volksschule an und in der Letztverantwortung des Staates, unterrichtet von eigens dafür ausgebildeten Lehrkräften, mit Fokus auf philosophische Ethik, Kinder-und Jugendpsychologie sowie Religionswissenschaft. Ein entsprechendes Curriculum ließe sich gemeinsam mit Repräsentanten der Religionsgemeinschaften und mit Bildungsexperten erarbeiten. Einen Konfessionellen Unterricht sollte es natürlich weiterhin geben. Dieser wäre (wie schon jetzt!) legistisch ein Pflichtfach, von dem man sich abmelden kann, also faktisch ein Freifach.

Eine nützliche Orientierungshilfe für ein neues Fach "Ethik und Religionen" wäre das Weltethos. Hans Küng hat überzeugend dargelegt, dass ethische Prinzipien wie die goldene Regel sowie moralische Verhaltensweisen wie Empathie und Altruismus in allen Weltreligionen hochgehalten werden. Alle Schülerinnen und Schüler sollten sich ethische Essentials wie diese aneignen, ethische Urteilskompetenz erwerben, in ihrer Entwicklung hin zu Mündigkeit gefördert werden. Kein Schulabgänger sollte es für richtig finden, dass ein Mann einer Lehrerin die entgegengestreckte Hand nicht drückt. Alle sollten, wenn sie die Schule verlassen, auch Grundkenntnisse über die Religionen besitzen, die unsere Gesellschaft vielfältig prägen. Für die Bildungsregion Zentralschweiz, eine traditionell katholisch geprägte Gegend, wurde im Mai 2005 ein Lehrplan für das Pflichtfach "Ethik und Religionen" beschlossen, in dem sich auch folgendes Lernziel findet: "Die Kinder betrachten jeden Menschen als gleich wertvolle, einmalige und entwicklungsfähige Person."

Imam Ramazan Demir, Fortbildungsleiter für islamische Religionslehrer, hat in der ORF-Sendung "Im Zentrum" gegen einen solchen Unterricht votiert. Aus eigenen Visitationen kann ich bezeugen, dass islamischer Religionsunterricht vorzüglich sein kann: Kindorientiert, bildend, ein selbständiges Urteil anzielend, ökumenisch. Aber es stimmt mehr als nachdenklich, wenn Wiesinger davon berichten muss, dass islamische Volksschulkinder auch lernen, wie sie sich vor den "Dschinns" (böse Geister) schützen können, ähnlich wie unsere katholischen Großeltern sich vor dem Teufel.

Aber auch, dass sie viele islamische Religionslehrer kenne, die einen kritischen Diskurs über den Koran verweigern. Immerhin hatte 2009 eine Befragung islamischer Religionslehrer durch Mouhanad Khorchide zutage gebracht, dass mehr als 20 Prozent derselben die Demokratie ablehnen und dass mehr als jeder sechste Verständnis dafür hätte, "wenn Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tod bestraft würden". Seitdem ist allerdings die islamische Religionslehrerausbildung enorm professionalisiert worden, und es ist allemal besser, wenn islamische Kinder an staatlichen Schulen in Religion unterrichtet werden und nicht in unkontrollierbaren Hinterhöfen.

Und was ist mit dem Konkordat?

Aus verständlichen (Eigen-)Interessen sind auch andere Religionsgemeinschaften gegen ein solches Unterrichtsfach, sie bestehen auf "konfessionellem" Religionsunterricht und erinnern an das Konkordat. Dessen Adaptierung hat derzeit realpolitisch keine Chance. Wenn freilich mit Biegen und Brechen am Status quo festgehalten wird, könnte es sein, dass Religion irgendwann ganz aus der Schule herausfällt.

Wobei der häufigste Religionsunterricht, der katholische, längst nicht mehr so bekenntnisgebunden ist, wie es manche Bischöfe gerne hätten, sondern weithin Religionskunde, Ethik, Lebensgestaltung. Die entscheidende Frage muss lauten: Was kann die Schule tun, um so viel ethische Bildung wie möglich für so viele Schüler wie möglich zu gewährleisten? Immerhin muss Schule laut Schulorganisationsgesetz sittliche, religiöse und soziale Werte fördern, aber nicht für die Nachwuchssicherung der Religionsgemeinschaften sorgen.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat im August 2018 erklärt, dass ein Ethikunterricht im Regelschulwesen -obschon integrationsfördernd -finanziell nicht bedeckbar sei. Auch Bildungsminister Heinz Faßmann hat vergangene Woche am 1. Religionslehrertag der Erzdiözese Wien ähnlich argumentiert. Seine Vor-Vor-Vorgängerin Claudia Schmied (SPÖ) ließ Berechnungen anstellen, was diverse Varianten von Ethikunterricht kosten würden. Die aufwändigste (Ethik als eigenständiger, zweistündiger Pflichtgegenstand) beliefe sich auf 90 Millionen Euro pro Jahr. Mit den kolportierten neun Milliarden, die die Hypo Alpe Adria den Staat gekostet hat, ließe sich also 100 Jahre lang Ethik unterrichten. Oder besser noch "Ethik und Religionen".

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