Wiesinger - © Foto: Milad Gorgin

"Man muss auch Grenzen setzen"

1945 1960 1980 2000 2020

Ab Februar ist Susanne Wiesinger neue Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium. Ein Gespräch über ihre Pläne, jugendliche Identitätsprobleme und die Kritik an ihrer Person.

1945 1960 1980 2000 2020

Ab Februar ist Susanne Wiesinger neue Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte im Bildungsministerium. Ein Gespräch über ihre Pläne, jugendliche Identitätsprobleme und die Kritik an ihrer Person.

Susanne Wiesinger ist ein Phänomen. Die Favoritner Lehrerin und langjährige sozialdemokratische Gewerkschafterin hat nicht nur einen Bestseller geschrieben, sie hat mit ihrem Buch "Kulturkampf im Klassenzimmer" die Debatte um schulische Integration regelrecht aufgemischt. Die Art, wie sie insbesondere den Wiener Stadtschulrat und "den Islam" in den Fokus nimmt, polarisiert freilich: Während die einen darüber jubeln, dass endlich Tacheles über die Zustände an "Brennpunktschulen" gesprochen werde, werfen ihr andere vor, zu verallgemeinern und islamfeindliche Ressentiments zu bedienen. Ab Februar wird Wiesinger in eine neue Rolle schlüpfen: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat sie zur "Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte" bestellt. Was hat sie vor? Was antwortet sie ihren Kritikern? Und wie hält sie es selbst mit der Religion? DIE FURCHE hat mit ihr im türkischen Restaurant "Sultans" gesprochen.

DIE FURCHE: Frau Wiesinger, war es für Sie schlüssig, dass Heinz Faßmann Sie als "linke Rote", wie Sie sich selbst bezeichnen, zur Ombudsfrau gemacht hat?

Wiesinger: Ich habe es insofern schlüssig gefunden, als ich mit dem Thema ja in die Öffentlichkeit gegangen bin, und es hat mich auch gefreut, dass er mich gefragt hat. Wobei ich mir nicht sofort sicher war, ob ich das Angebot annehmen soll. Ich möchte ja parteipolitisch unabhängig bleiben. Aber ich bin auch kein Mensch, der zuerst etwas anzettelt und sich dann zurückzieht. Ich möchte schon beweisen, dass man auch zu Lösungen kommen kann.

DIE FURCHE: Was sagen Sie zur Kritik ideologischer Weggefährten, Sie würden sich von der Regierung instrumentalisieren lassen?

Wiesinger: Dieser Vorwurf hat mich am meisten getroffen, denn er kam auch von Leuten, die genau wissen, wie sehr ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe. Ich frage mich, ob dieser Vorwurf auch einem Mann gemacht würde. Außerdem arbeite ich auch nicht für die Regierung, das ist eine unabhängige Ombudsstelle. Darauf lege ich Wert. Die Situation an den Schulen sollte endlich öffentlich diskutiert werden - und zwar nicht nur von Rechtspopulisten.

DIE FURCHE: Was genau haben Sie vor?

Wiesinger: Mein Hauptanliegen wird sein, Schulen zu besuchen, die mich einladen. Wobei schon Anfragen aus ganz Österreich gekommen sind. Ich werde also vor allem einmal zuhören, aufnehmen, was die Leute brauchen, woran es mangelt - und das ans Ministerium weiterleiten.

DIE FURCHE: Dabei könnten auch Wünsche herauskommen, die die Regierungslinie durchkreuzen. Etwa eine bessere Durchmischung der Schülerinnen und Schüler, wie Sie sie seit jeher fordern.

Wiesinger: Ich weiß, dass das den meisten nicht gefällt, aber wenn das herauskommen sollte, werde ich das rückmelden. Ich habe auch den Eindruck, dass der Bildungsminister sehr sachbezogen und ideologisch nicht eng eingefärbt ist. Wenn ich beitragen kann, dass etwas weitergeht, wäre es fein. Aber wenn ich merke, dass ich am parteipolitischen Hickhack scheitere, interessiert mich das genau gar nicht mehr.

DIE FURCHE: Haben Sie schon jetzt eine Idee, was sozial benachteiligte Schulen - nebst mehr Durchmischung - brauchen könnten?

Wiesinger: Ich bin natürlich eine Befürworterin von Ganztagsschulen mit vielen Kultur-, Sport-und Musikangeboten. Das gibt es vielfach schon, nur wird es von vielen nicht in Anspruch genommen. Zudem bräuchte es eine wirkliche Unterstützung durch die Jugendämter und verpflichtende Informationsabende für Eltern. Sonst kommt nämlich keiner. Es braucht Motivation und Sanktion. Ohne Geldstrafen zeigen uns manche nicht nur symbolisch den Mittelfinger.

Susanne Wiesinger ist ein Phänomen. Die Favoritner Lehrerin und langjährige sozialdemokratische Gewerkschafterin hat nicht nur einen Bestseller geschrieben, sie hat mit ihrem Buch "Kulturkampf im Klassenzimmer" die Debatte um schulische Integration regelrecht aufgemischt. Die Art, wie sie insbesondere den Wiener Stadtschulrat und "den Islam" in den Fokus nimmt, polarisiert freilich: Während die einen darüber jubeln, dass endlich Tacheles über die Zustände an "Brennpunktschulen" gesprochen werde, werfen ihr andere vor, zu verallgemeinern und islamfeindliche Ressentiments zu bedienen. Ab Februar wird Wiesinger in eine neue Rolle schlüpfen: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat sie zur "Ombudsfrau für Wertefragen und Kulturkonflikte" bestellt. Was hat sie vor? Was antwortet sie ihren Kritikern? Und wie hält sie es selbst mit der Religion? DIE FURCHE hat mit ihr im türkischen Restaurant "Sultans" gesprochen.

DIE FURCHE: Frau Wiesinger, war es für Sie schlüssig, dass Heinz Faßmann Sie als "linke Rote", wie Sie sich selbst bezeichnen, zur Ombudsfrau gemacht hat?

Wiesinger: Ich habe es insofern schlüssig gefunden, als ich mit dem Thema ja in die Öffentlichkeit gegangen bin, und es hat mich auch gefreut, dass er mich gefragt hat. Wobei ich mir nicht sofort sicher war, ob ich das Angebot annehmen soll. Ich möchte ja parteipolitisch unabhängig bleiben. Aber ich bin auch kein Mensch, der zuerst etwas anzettelt und sich dann zurückzieht. Ich möchte schon beweisen, dass man auch zu Lösungen kommen kann.

DIE FURCHE: Was sagen Sie zur Kritik ideologischer Weggefährten, Sie würden sich von der Regierung instrumentalisieren lassen?

Wiesinger: Dieser Vorwurf hat mich am meisten getroffen, denn er kam auch von Leuten, die genau wissen, wie sehr ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe. Ich frage mich, ob dieser Vorwurf auch einem Mann gemacht würde. Außerdem arbeite ich auch nicht für die Regierung, das ist eine unabhängige Ombudsstelle. Darauf lege ich Wert. Die Situation an den Schulen sollte endlich öffentlich diskutiert werden - und zwar nicht nur von Rechtspopulisten.

DIE FURCHE: Was genau haben Sie vor?

Wiesinger: Mein Hauptanliegen wird sein, Schulen zu besuchen, die mich einladen. Wobei schon Anfragen aus ganz Österreich gekommen sind. Ich werde also vor allem einmal zuhören, aufnehmen, was die Leute brauchen, woran es mangelt - und das ans Ministerium weiterleiten.

DIE FURCHE: Dabei könnten auch Wünsche herauskommen, die die Regierungslinie durchkreuzen. Etwa eine bessere Durchmischung der Schülerinnen und Schüler, wie Sie sie seit jeher fordern.

Wiesinger: Ich weiß, dass das den meisten nicht gefällt, aber wenn das herauskommen sollte, werde ich das rückmelden. Ich habe auch den Eindruck, dass der Bildungsminister sehr sachbezogen und ideologisch nicht eng eingefärbt ist. Wenn ich beitragen kann, dass etwas weitergeht, wäre es fein. Aber wenn ich merke, dass ich am parteipolitischen Hickhack scheitere, interessiert mich das genau gar nicht mehr.

DIE FURCHE: Haben Sie schon jetzt eine Idee, was sozial benachteiligte Schulen - nebst mehr Durchmischung - brauchen könnten?

Wiesinger: Ich bin natürlich eine Befürworterin von Ganztagsschulen mit vielen Kultur-, Sport-und Musikangeboten. Das gibt es vielfach schon, nur wird es von vielen nicht in Anspruch genommen. Zudem bräuchte es eine wirkliche Unterstützung durch die Jugendämter und verpflichtende Informationsabende für Eltern. Sonst kommt nämlich keiner. Es braucht Motivation und Sanktion. Ohne Geldstrafen zeigen uns manche nicht nur symbolisch den Mittelfinger.

Diese Jugendlichen werden diskriminiert und fühlen sich auch diskriminiert. Aber man diskriminiert keinen Burschen, wenn man ihm sagt, dass er pünktlich da sein muss.

DIE FURCHE: Bundeskanzler Sebastian Kurz hat mit seiner Aussage, wonach in immer mehr Wiener Familien die Kinder als einzige in der Früh aufstehen würden, für Empörung gesorgt. Was sagen Sie dazu?

Wiesinger: Er hat recht, es ist ärger geworden. Ich werfe niemandem vor, dass er arbeitslos ist, aber ich kritisiere einen Vater, wenn er sich als Mann zu gut ist, seine Kinder in den Kindergarten zu bringen. Vor diesem Umfeld muss man die Kinder schützen. Was Kurz aber dazusagen sollte, ist, dass wir auch etwas anbieten müssen. Doch momentan ist mir zu wenig Unterstützung da.

DIE FURCHE: Kommen wir zu Ihrem Buch, das anhand drastischer Beispiele beschreibt, "wie der Islam die Schulen verändert". Doch wie repräsentativ sind Ihre Schilderungen?

Wiesinger: Als Vorsitzende der Personalvertretung in Favoriten habe ich erfahren, dass viele Mittel-und Volksschulen in Wien Ähnliches berichten. Und wie ich nun mitbekommen habe, brodelt es auch sonst in Österreich ganz schön. Dass nun eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben wird, begrüße ich. Wobei die Eltern gegenüber offiziellen Stellen anders reden als gegenüber Leuten, die sie kennen. Offen wird Ihnen kaum jemand sagen: Homosexualität soll mit dem Tod bestraft werden. Inoffiziell schon.

DIE FURCHE: Nach der Lektüre Ihres Buches hat man das Gefühl, "der Islam" sei generell ein Problem. Zugespitzt gefragt: Haben Sie keine muslimischen Kinder erlebt, bei denen es keine Probleme gab?

Wiesinger: Natürlich gibt es auch Kinder, die die religiösen Vorschriften nicht so einhalten. Die geraten aber zusehends unter Druck. Da wird im Ramadan schon geschaut, wer isst und wer trinkt, das war früher kein Thema. Es ist keine Verallgemeinerung zu sagen, dass der konservative Islam momentan weltweit den Ton angibt. Und das ist antidemokratisch und gefährlich.

DIE FURCHE: Wie erklären Sie sich eigentlich als Pädagogin die Attraktivität konservativer Religiosität für junge Menschen? Hat das mit Identität und Zugehörigkeit zu tun?

Wiesinger: Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt, und sie ist vielschichter, als man denkt. Der eine Faktor ist natürlich, dass sie diskriminiert sind und sich auch diskriminiert fühlen. Oftmals fühlen sie sich aber auch dort diskriminiert, wo sie es gar nicht sind. Man diskriminiert keinen Burschen, wenn man ihm sagt, dass er pünktlich da sein muss. Dazu kommt, dass diese Kinder auch nirgendwo zu Hause sind, weder in unserer Kultur - was insbesondere den Mädchen von ihrem eigenen Umfeld verwehrt wird -, noch in ihren Herkunftsländern. Diese Zerrissenheit ist schwer auszuhalten, und dann klammert man sich an Rattenfänger. Es ist auch wunderbar, wenn man eine Ideologie hat, die einem über alle anderen erhöht. Ich bin Muslim und komme ins Paradies, und alle Ungläubigen kommen in die Hölle. Genial, oder?

DIE FURCHE: Haben Sie eine Idee, wie man diese Jugendlichen stärken und ihnen andere Identifikationsmöglichkeiten bieten könnte?

Wiesinger: Wir versuchen das schon in der Schule, nur muss man jene, von denen sie verführt werden, die konservativen Moscheevereine, in die Pflicht nehmen. Das ist jahrelang nicht passiert. Ich habe auch schon länger die Idee, dass man viel mehr liberale und säkulare Muslime einbinden sollte, damit sie den Jugendlichen zeigen: Schaut her, es gibt auch andere Gesellschaftsmodelle. Aber das ist nicht einfach, denn die liberalen Muslime haben es schwer innerhalb der islamischen Community.

DIE FURCHE: Bildungsminister Heinz Faßmann hat soeben angekündigt, dass es ab 2020/21 - schrittweise von der Oberstufe über die Mittelstufe bis zur Volksschule - einen verpflichtenden Ethikunterricht für jene gibt, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben. Sie gehen noch weiter ...

Wiesinger: Ja, wenn ich es mir wünschen könnte, hätte ich am liebsten gar keinen konfessionellen Unterricht an der Schule. Aber es gibt das Konkordat. Deshalb wäre ich für einen verpflichtenden Ethikunterricht zusätzlich zum Religionsunterricht - für alle und ab der Volksschule.

DIE FURCHE: Sie würden auch das Kopftuch gern generell aus der Schule verbannen (vgl. den Beitrag "Der Hidschab als rotes Tuch" in derselben Ausgabe). Aber könnte das, verbunden mit der aktuell reichlich islamfeindlichen bis rassistischen Polit-Rhetorik, die Ausbildung von Parallelgesellschaften nicht noch verstärken?

Wiesinger: Natürlich besteht diese Gefahr, aber was soll noch schlimmer werden, als dass Mädchen mit ihren Cousins verheiratet werden - egal ob sie Kopftuch tragen oder nicht? Es ist natürlich kontraproduktiv, wie Teile der Regierung das Thema beleuchten und populistisch verwenden. Aber ich finde auch, dass man Grenzen setzen muss. In Schulen wird vieles verboten, man darf in einer Wasserschule auch nicht den ganzen Tag Cola trinken. Das hat mir auch am Film "Womit haben wir das verdient?" so gefallen, dass er diese Verlogenheit zeigt. Warum soll Religion höher stehen?

DIE FURCHE: Vielleicht, weil es ein Grundrecht auf Religionsfreiheit und nicht auf Colatrinken gibt?

Wiesinger: Ja, aber wenn Religion einen jungen Menschen in seiner persönlichen Freiheit und Entwicklung einschränkt, dann sollte das höher gewertet werden. Als Erwachsener kann er machen, was er will.

DIE FURCHE: Gibt es für Sie als "Ombudsfrau für Wertefragen" eigentlich Werte im Islam, die Sie wertvoll finden?

Wiesinger: Ja, natürlich (überlegt). Das Eintreten für die Armen, etwa im Rahmen des Opferfestes. Aber ansonsten tu ich mich schwer mit patriarchalen Religionen.

DIE FURCHE: Wie würden Sie Ihre eigene Weltanschauung beschreiben?

Wiesinger: Ich bin links in dem Sinn, dass ich mich für sozial Schwache stark mache und einen starken Staat befürworte. Und ich bin durch und durch humanistisch. Aber ich bin auch nicht radikal atheistisch. Ich bin katholisch aufgewachsen und weiß, dass Religion in ihrer spirituellen Form einem Menschen helfen kann. Aber als politisches Instrument lehne ich sie ab.

DIE FURCHE: Dass viele nun ein wehrhaftes Christentum beschwören und zur Rettung des Abendlandes aufrufen, muss Ihnen demnach aufstoßen

Wiesinger: Ja, wobei wir nicht verleugnen können, dass unser Kontinent vom Christentum geprägt ist. Aber die Werte der Vatikanischen Glaubenskongregation spielen keine Rolle mehr. Rechtsstaat, Aufklärung, Humanismus - dafür müssen wir kämpfen.

FURCHE-Navigator Vorschau