Ethikunterricht als Bildungsauftrag

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Mit diesem Studienjahr bietet die Universität Wien eine Ausbildung für Ethik-Lehrende an: Der Lehrgang legt sowohl auf Zusammenarbeit mit als auch auf Abgrenzung zu den Religionspädagogen Wert.

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Mit diesem Studienjahr bietet die Universität Wien eine Ausbildung für Ethik-Lehrende an: Der Lehrgang legt sowohl auf Zusammenarbeit mit als auch auf Abgrenzung zu den Religionspädagogen Wert.

Dass die Ethik in der Gegenwart eine besondere Hochkonjunktur aufweist ist unbestritten. Vor allem die Entwicklung in Wissenschaft und Technik haben die demokratisch-pluralistischen Gesellschaften unserer Tage vor vielfältige moralische Herausforderungen und Konfliktsituationen gestellt. Teilweise sind dadurch Probleme entstanden, die sich mit den Antworten unserer traditionellen sittlichen und ethischen Überzeugung nur allgemein oder auch gar nicht beantworten lassen.

Die ökonomische und technokratische Selbstinszenierung des Menschen hat längst alle ethischen und moralischen Grenzen gesprengt.

Von ökologischen Problemen bis zu Veränderungen unserer Lebenswelt durch Computer oder neue Möglichkeiten der Medizin sind moralische Herausforderungen entstanden, die in die Frage münden, ob wir all das wollen sollen, was wir wissenschaftlich technisch können.

Überdies sind wir in das Zeitalter einer Pluralität von Wertvorstellungen eingetreten, die einander durchaus widersprechen können.

Die großen Religionen, bisher weitgehend auch als moralische Instanzen anerkannt, haben im Gefüge dieses Wertepluralismus teilweise ihre Verbindlichkeit eingebüßt und sehen sich zunehmend mit ethischen Antworten nicht religiöser Herkunft konfrontiert.

Die Abmeldungen vom Religionsunterricht in unseren Höheren Schulen sind Ausdruck solcher Entwicklungen. Die Überlegungen zur Installierung eines Ethikunterrichtes als Ersatz oder Alternative für den Religionsunterricht entspringen dieser Situation und stellen seit einigen Jahren einen permanenten Bestandteil der Diskussion dar. Derzeit noch im Stadium von Schulversuchen wird dieser Ethikunterricht in den nächsten Jahren den Fächerkanon der Lehrpläne um ein weiteres Fach bereichern.

Ethisches Dilettieren?

Wenn sich die Universität Wien nach längeren Vorbereitungsdiskussionen dazu entschlossen hat einen eigenen Ausbildungslehrgang einzurichten, so folgt sie damit im Wesentlichen ihrem Bildungsauftrag, zählt doch die Ausbildung von Lehrern für die allgemeinbildenden und berufsbildenden höheren Schulen zu den Aufgaben der Universität.

Darüber hinaus sollte damit aber gewährleistet sein, dass künftige Lehrer des "Faches Ethik" einen qualitativ hohen Ausbildungsstatus für ihre Tätigkeit erwerben können, damit "ethisches" Dilettieren vermieden wird.

Eine solide und wissenschaftskonforme Ausbildung ist Voraussetzung für die Unterrichtsbefähigung dieses wichtigen Teiles schulischer Bildung. Damit sollen weder kulturkämpferische Töne ins Spiel gebracht werden, noch sollen die Weiterbildungsaufgaben der Pädagogischen Institute damit in Frage gestellt werden. Darum wurde dieser Lehrgang der auf vier Semester und ein Stundenvolumen von 48 Stunden angelegt ist, auch nicht gegen die Religionspädagogik entwickelt, sondern in Zusammenarbeit mit dieser. Ein Etikettenschwindel freilich im Sinne einer alleinigen Patronanz der Religion für die Ausbildung der Ethiklehrer, sollte vermieden werden. Denn Ethik kann auch ohne religiöse Begründung auskommen, wie etwa die wichtigsten ethischen Entwürfe der Tradition, die Ethik des Aristoteles und die Ethik Kants zeigen. Religionspädagogen sprechen sogar in diesem Zusammenhang von der Pflicht öffentlicher Schulen ein Ersatzfach einzurichten, wo die entsprechenden Bildungsziele auch für die am konfessionellen Religionsunterricht nicht teilnehmenden Schüler ihren Ort finden.

Mit und ohne Religion Das vorliegende Curriculum des Ethikstudiums hat darum auch auf Zusammenarbeit mit und auf Abgrenzung von der Religionspädagogik bedacht genommen. In einer pluralistischen und interkulturellen Gesellschaft müssen auch andere Religionen in ihrer Bedeutung für die Wertevermittlung beachtet werden. Nichtchristliche Religionen wie Islam, Judentum und Buddhismus um nur einige zu nennen, sollten ebenso dargestellt werden, wie die moralischen Grundlagen der christlichen Religion.

Besonderes Augenmerk sollte freilich auf die Probleme der angewandten Ethik gelegt werden, wobei medizinische Ethik, Wirtschaftsethik oder ökologische Ethik besonders heftig und kontroversiell diskutiert werden. Probleme der Lebensverlängerung, der Gentechnologie und Gentherapie, der computergesteuerten Medizin sind nicht nur wissenschaftlich-technische, sondern auch tiefgreifende ethische Fragen. Darüber hinaus gilt es aber auch Probleme der Orientierung in unserer Lebenswelt zu behandeln. Die Jugendkulturen, die Sexualität, das Generationenverhältnis und die Veränderungen durch eine multikulturellen Gesellschaft, müssen hier ebenso ihren Platz finden, wie Fragen der Menschenrechte, des Verhältnisses von Ethik und Politik und selbstverständlich Probleme der Beziehung des Einzelnen zur Gemeinschaft.

Ein Ethikunterricht darf weder an den Schulen noch an den Universitäten zu einer theoretischen Pflichtübung erstarren. Da es dabei um Fragen geht die unser Leben, unser Verhalten, das Umgehen mit Werten und Haltungen ebenso betreffen, wie die Zukunft unser aller und unserer Kinder, gilt es als Lehrziel so etwas wie ethische Kompetenz zu entwickeln, die es uns erlaubt auch in schwierigen Entscheidungen verantwortungsvoll und umsichtig zu handeln.

Probleme der sozialen Gerechtigkeit, der kritischen Sicht auf die Dominanz der Wirtschaft und des Wohlstandes in unseren Gesellschaften sind dabei ebenso zu beachten wie der Umgang mit unserem Leben und unserem unmittelbaren sozialen Umfeld.

Es kann nicht Ziel der Ethik sein moralische Tribunalisierung zu betreiben, oder dem Zug der Sachzwänge folgend, moralische Prinzipien einfach zu relativieren. Dass jede Diskussion um Werte, die bekanntlich Unruhestifter sind, konfliktgeladen bleiben muss ist selbstverständlich. Diese Konflikte sollten aber nicht verschleiert sondern offen dargestellt und ausgetragen werden.

Das geplante individuelle Diplomstudium, das die Universität Wien nun mehr anbietet, enthält auch die Chance aus der Fachperspektive der einzelnen Wissenschaften auszubrechen und andere Perspektiven des Umgangs mit Wissenschaft zu erschließen.

Angesichts des gegenwärtigen Trends Universitäten dazu zu verdammen, pflegeleichtes wirtschaftsgerechtes Humanpotential für die Praxis zu produzieren, stellt eine Ausbildung im Bereich Ethik auch ein Zeichen dar, dass Universitäten andere Aufgaben haben: nämlich die Menschen nicht nur für einen bestimmten Beruf auszubilden, sondern in altmodischer Weise formuliert, zu bilden. Und was heißt dies anderes, als sie im Bewusstsein ihrer endlichen Freiheit zu verantwortungsbewussten und entscheidungsfähigen Bürgern zu erziehen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Wien und für den Ethik-Ausbildungslehrgang zuständig.

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