Ureigenes Interesse des demokratischen Staates

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Pädagogisch wäre es unverantwortlich, auf das Bildungspotenzial des Ethikunterrichts zu verzichten.

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Pädagogisch wäre es unverantwortlich, auf das Bildungspotenzial des Ethikunterrichts zu verzichten.

Eine 16-jährige Schülerin im Ethikunterricht (EU) ist von dem Schulversuch begeistert: "Ich kann nur sagen, EU ist voll super, vor allem interessant und eine Hilfe, um besser mit dem Leben klar zu kommen." Freilich schwärmen nicht alle SchülerInnen - im Schuljahr 99/00 mehr als 1700 - für die Diskussion moralischer Dilemmas, die fünf Säulen des Islams et cetera. Ein 16-jähriger Linzer schimpfte, Ethik verdiene den "Preis hirnlos".

Die überwältigende Mehrheit der SchülerInnen hat, obwohl ein Viertel von ihnen anfänglich erbost war, die Freistunden verloren zu haben, das Fach gut angenommen. Gut vier von fünf attestieren ihm, gelernt zu haben, andere Ansichten zu ethischen Fragen zu tolerieren, eigene Meinungen zu entwickeln, über andere Religionen Bescheid zu wissen. Dies ist erfreuliches Ergebnis einer österreichweiten Befragung der EthikschülerInnen, die dem Fach zu 31 Prozent die Note Eins gaben, zu 36 Prozent eine Zwei, und nur zu vier Prozent eine Fünf. SchülerInnen, wenn sie Ethik positiv erleben, lehnen ausländerfeindliche Stereotype noch stärker ab und weisen auf der Skala "Ethischer Relativismus" signifikant geringere Werte auf.

Auch die LehrerInnen sind mehrheitlich überzeugt, dass die Schulversuche gelungen sind. Zwar erlebten etliche turbulente Anfangsphasen. Aber in den meisten Klassen legte sich das. Zu Beginn vorhandenes Interesse wurde überwiegend bestätigt, anfängliche Blockaden wichen der Mitarbeit. Verständlich, dass Direktionen die zuständigen Landesschulräte bereits baten, Ethik ins Regelschulwesen hinüberzuführen.

Trotz hoher Akzeptanz ist EU strittig. Kann er, weil weltanschaulich neutral, überhaupt normative Aussagen machen? Natürlich kann er das, sofern er sich am Ethos der aus der Aufklärung hervorgegangenen und der damaligen Kirche abgerungenen Menschen- und Grundrechte orientiert und ethische Prinzipien wie den Kategorischen Imperativ anwendet. Und erst recht, wenn im EU die nicht weiter pluralisierbare Tugend der Toleranz praktiziert wird, was ihm die meisten SchülerInnen bescheinigen. Der Philosoph Höffe unterscheidet zwischen nicht pluralisierbaren Werten (beispielsweise Menschenwürde) und pluralisierbaren Weltanschauungen. Bezüglich letzterer hat EU neutral zu sein; bezüglich ersterer ist er verpflichtet, sie mit den SchülerInnen zu erarbeiten und zu vertiefen. Und dies tut er im ureigensten Interesse des demokratischen Staates, der ja auf diesen Werten fundiert ist.

Strittig ist die Bezeichnung des Faches. Die Erfahrungen mit "Ersatzfach" in der alten Bundesrepublik waren schlecht. "Ethik" sei kein "Ersatz" für Religion, was wahr ist, weil es in dieser um weit mehr geht. An "Ersatzfach" stießen sich auch SchülerInnen ohne religiöses Bekenntnis und deren Eltern. Sie erwirkten, dass das Bundesverfassungsgericht "Ethik" nicht mehr als "Ersatz-", sondern als "Komplementärfach" bezeichnete. In Österreich wäre denkbar, EU als "Pflichtfach" für all jene SchülerInnen zu deklarieren, die nicht am Religionsunterricht (RU) einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft teilnehmen. Dafür bräuchten die gesetzlichen Bestimmungen zum RU um kein Jota geändert zu werden. Befürchtet wurde, Ethik trockne den RU aus, der ohnehin besser ist als sein Ruf. Doch das Gegenteil trat ein; EU stabilisierte ihn, zumal dann, wenn die Lektionen zeitlich ungünstig platziert sind.

In den vielen Ethikstunden hat es sicherlich auch Unfug gegeben. Andererseits attestieren Hunderte SchülerInnen, für ihr Leben, für ihre ethische Urteilsfähigkeit, für das Verständnis anderer gelernt zu haben. Ob das im Cafehaus auch geschehen wäre? Pädagogisch wäre es unverantwortlich, die früheren Zustände wieder zuzulassen und das Bildungspotenzial von EU - wie im biblischen Gleichnis von den Talenten der dritte Knecht - ungenutzt zu vergraben.

Der Autor, Religionspädagoge an der KatholischTheologischen Fakultät Salzburg, evaluierte im Auftrag des Bildungsministeriums den Ethik-Schulversuch.

Zum Thema: Ethikunterricht Die ersten AHS-Schüler können bereits am Ende dieses Schuljahrs im Fach Ethik maturieren. Dass sie nicht die letzen sind, sondern nur die Vorhut darstellen, scheint mittlerweile sicher zu sein. 1996 startete der Ethik-Schulversuch, und derzeit beteiligen sich 76 Schulen an dem Projekt. Durchwegs hohe Akzeptanz - sowohl auf Schüler- wie auch auf Lehrer- beziehungsweise Schulleiterseite - wird dem Ethikunterricht nach dieser ersten Probephase bescheinigt. Noch im Jänner soll der offizielle Endbericht des Schulversuchs vorliegen, der die Grundlage für die Entscheidung über die Einführung des Ethikunterrichts bildet. Neben der grundsätzlichen Frage: Ethik - Ja oder Nein? rückt ein anderes Thema immer mehr in den Vordergrund: Welche Rolle nimmt Ethik im Fächerkanon ein? WM

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