Ethik soll nun endlich in den Regelunterricht übergeführt werden: ab 2020 an den AHS-Oberstufen und Polytechnischen Schulen, ein Jahr später an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) sowie Berufsschulen - und längerfristig überhaupt auf allen Schulstufen. Zumindest, wenn es nach den Wünschen von Bildungsminister Heinz Faßmann geht. Unsicher scheint bislang freilich, ob dieser Ethikunterricht auch als Zweistundenfach - gleichwertig mit dem Religionsunterricht - angeboten wird. Dass Heinz Faßmann dies nun bekräftigt hat, ist erfreulich (siehe Anmerkung unten). An unserer Schule werden Religion und Ethik seit zehn Jahren erfolgreich parallel geführt, was wir aus den Erfahrungen und Rückmeldungen als optimale Form erleben. Noch herrscht freilich Sorge, dass es aus Gründen der "Kostenneutralität" letztlich doch noch anders kommen könnte; und dass sich jenes Modell durchsetzen könnte, wie es derzeit an manchen Schulstandorten mit Schulversuch Ethik angeboten wird: zwei Wochenstunden Religion (wie es laut Religionsunterrichtsgesetz ab einer bestimmten Anzahl von Schülerinnen und Schülern vorgesehen ist) - aber nur eine Wochenstunde Ethikunterricht. Wofür sich Schüler in diesem Fall eher entscheiden würden, scheint klar. Als Folge würde wohl auch Religion einstündig werden - und mit den übrigen Werteinheiten ließe sich der Ethikunterricht leicht finanzieren.

Schüleranliegen Raum geben

Solche Überlegungen und Entwicklungen würden aber beiden Fächern einen immensen Qualitätsverlust bescheren. Ein nur einstündiger Ethikunterricht würde - genauso wie ein einstündiger Religionsunterricht - dem Fach schließlich wesentliche Grundvoraussetzungen rauben, die ihn so besonders machen: die Freiheit, den Schüleranliegen Raum geben zu können; die Muße, spannende Diskussionen nicht abwürgen zu müssen; die Zeit, beim Vermitteln von Philosophie und Kennenlernen der Religionen, bei Persönlichkeitsbildung und ethischen Diskursen nicht nur an der Oberfläche zu kratzen.

Was Andrea Pinz, die Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien, kürzlich bei einer Podiumsdiskussion betonte -"Religionsunterricht sei mehr als Ethik" -, gilt genauso für den Ethikunterricht. Ethikunterricht ist mehr als Ethik. In der Auseinandersetzung mit einem Philosophen oder einer Religion würde es zu kurz greifen, nur auf deren ethische Aussagen bzw. Gebote zu schauen, ohne einen Einblick in dessen philosophische bzw. theologische Voraussetzungen zu geben. "Eine Moral ohne Begründung, also bloßes Moralisieren, kann nicht wirken; weil sie nicht motiviert", mahnte Arthur Schopenhauer. Begründungen darzustellen und zu diskutieren, braucht aber Zeit. Ethische Inhalte kann man nicht in einer Tour de Force durchpeitschen und unhinterfragt stehen lassen.

Die Tätigkeit eines der Schülerautonomie verpflichteten Ethiklehrenden "besteht nicht darin, wahre Behauptungen als Denkresultate weiterzugeben, sondern darin, andere von ihrer Fixierung auf bestimmte Denkresultate zu schützen. Dies tut er, indem er Fragen stellt und Behauptungen in Frage stellt", betont der Philosoph Michael Hampe. Gleiches gilt entsprechend für den Religionsunterricht. Ohne Zeit zum Erarbeiten, Hinterfragen und Diskutieren der Inhalte und damit auch der eigenen Religion sowie Exkursionen und Projekte ist es ein Schmalspurunterricht und entspricht nicht den Kriterien eines zeitgemäßen Unterrichts. Lernen ist ein Prozess, der in der Auseinandersetzung mit Anderen geschieht. Den Rahmen dazu hat das Bildungsministerium zu ermöglichen.

Mit nur einer Stunde pro Woche -entweder eine Stunde Religion oder eine Stunde Ethik -müssten wir als Ethik-bzw. Religionspädagogen und -pädagoginnen entweder diese Schülerorientierung stark reduzieren oder in der Themenauswahl große Lücken hinterlassen. Dazu ein unvollständiger Überblick dessen, was im zweistündigen Ethikschulversuch derzeit behandelt werden kann: Grundlagen und Richtungen der Ethik, Glücksvorstellungen, Menschenrechte, Umwelt-und Tierethik, Medienethik, Geschlechtertheorien, Bioethik, Medizinethik, Wirtschaftsethik, Technik- und Wissenschaftsethik, Krieg und Frieden, Recht und Gerechtigkeit, Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, Islam, chinesische Spiritualität, neue religiöse Bewegungen, Fundamentalismus Würde nun nur eine Stunde pro Woche zur Verfügung stehen, müssten wir uns fragen, ob man wirklich eine echte diskursive Auseinandersetzung mit den zahlreichen ethischen, gesellschaftspolitischen, religiösen und identitätsentwickelnden Inhalten möchte.

"Lass dir Zeit!"

Sollte es nur einen Schmalspurethikunterricht geben, bräuchte man auch keine profunde Ausbildung für die Lehrenden. Das würde den Ethikunterricht von Grund auf in seinen Möglichkeiten einschränken.

Im derzeitigen Schulversuch, der sehr positiv evaluiert wurde, bleibt genug Raum, um Diskussionen über aktuelle Ereignisse zu moderieren, Experten einzuladen, Exkursionen zu machen, Schülern ausreichend Zeit für eigene Präsentationen zu geben, mit Kunst, also Literatur, Musik, Film zu arbeiten. Ethische Bildung geht nicht ohne Muße! Was Wittgenstein über Philosophen sagt, gilt insbesondere auch für Ethiklehrer: Ihr Gruß untereinander sollte sein: "Lass dir Zeit!" Anm.: Auf Nachfrage der FURCHE betonte Bildungsminister Heinz Faßmann Dienstag dieser Woche am Rande einer Pressekonferenz, dass der Ethikunterricht "zwei Stunden umfassen und parallel zum Religionsunterricht geführt" werde. Auch gebe es "keinerlei Ambitionen, den Religionsunterricht zu kürzen -was auch laut Konkordat rechtlich gar nicht möglich wäre".

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