Wie soll man werten lernen?

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Werten lernen ist ein Bildungsziel. Auch für jene, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen.

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Werten lernen ist ein Bildungsziel. Auch für jene, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen.

Im Zielparagraphen des österreichischen Schulorganisationsgesetzes heißt es: "Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken." Dies bedeutet, daß für alle Schüler im österreichischen Schulsystem die Erziehung zu Werten, das Werten lernen und Wertsysteme kennen, Bildungsziel ist. Daher müssen allen Schülern die Wertsysteme vermittelt werden, müssen Religionskunde, religiöse Kulturgeschichte und der Beitrag der Religionen zur Kultur Unterrichtsgegenstand sein. Die Diskussion von Lebensfragen ist Teil des Werte-Unterrichts.

Dieser Bildungsauftrag des österreichischen Schulsystems kann nur mit Zweidrittelmehrheit abgeändert werden und wird daher dem Angriff des Liberalen Forums um Heide Schmidt und Maria Schaffenrath auf Dauer standhalten. Das LIF hat ja unlängst in einem parlamentarischen Initiativantrag das Streichen auch des Religiösen aus dem Zielparagraphen beantragt.

Das österreichische Schulsystem kam diesem zentralen Bildungsauftrag bisher durch das Pflichtfach "Religionsunterricht" nach, das konfessionell gestaltet wurde: die Konfessionen haben den Lehrplan erstellt, die Religionslehrer ausgebildet; wer allerdings keiner Konfession angehörte, erhielt keinen Pflicht-Unterricht. Bis zum 14. Lebensjahr können die Eltern die Kinder vom Religionsunterricht abmelden, was derzeit in verschwindender Anzahl geschieht (österreichweit weniger als zwei Prozent), ab dem 14. Lebensjahr kann der Schüler/die Schülerin sich selbst abmelden, was österreichweit in zunehmendem Maße vorkommt. An manchen Schulen im großstädtischen Raum klettern die Prozentsätze der Abmeldungen auf bis zu 40 und 50 Prozent. Vom Religionsunterricht Abgemeldete erhalten keinen Ersatzunterricht.

Dieses System entsprach der Zugehörigkeit der Österreicherinnen und Österreicher zu Religionsgesellschaften in den sechziger Jahren: 90 Prozent Katholiken, fünf Prozent Protestanten. Die restlichen fünf Prozent verteilten sich auf die übrigen, einschließlich der Konfessionslosen. Das war aus heutiger Sicht der Idealzustand von einst, dem die Schulgesetzgebung Rechnung trug. Heute ist die Situation wesentlich verändert: es gibt nur mehr 78 Prozent Katholiken, die Moslems sind die zweitgrößte Religionsgesellschaft geworden, die Konfessionslosen nehmen zu, die Abmeldung in der Oberstufe nimmt ebenfalls zu. Die Projektion der Religionssoziologen in das nächste Jahrtausend zeigt, daß im Jahre 2010 bis zu 40 Prozent Konfessionslose zu erwarten sind.

Das Problem der Erfüllung des Zielparagraphen unseres Schulorganisationsgesetzes stellt sich daher dramatisch neu. Ist es vertretbar, daß nur mehr die Hälfte der Schüler einen Religions-, und damit einen Werteunterricht erhält?

Wir in der Volkspartei nehmen das Bildungsziel im Schulorganisationsgesetz ernst. Es ist gültig und entspricht dem Willen der Österreicherinnen und Österreicher. Wir sprechen uns daher wie bisher für einen Pflichtunterricht "Religion" aus. Weder am Inhalt, noch an der Gestaltung, noch am Lehrpersonal soll sich Grundlegendes ändern, Verbesserungsmöglichkeiten gibt es immer! Für die Konfessionslosen, aber eben auch für jene, die sich vom konfessionellen Unterricht abgemeldet haben, soll ein neues Pflichtfach "Werte, Religionen, Kultur" (WERT) vorgesehen werden.

In diesem Pflichtfach soll ein Überblick über die Wertsysteme gegeben werden, die großen Weltreligionen, den Einfluß der Religionen auf die Kultur, es soll Werten gelernt und es sollen Lebensfragen diskutiert werden. Ein staatlicher Lehrplan mit staatlich ausgebildeten Lehrern gestaltet dieses Pflichtfach: lediglich für Konfessionslose und für vom Religionsunterricht Abgemeldete.

Lehrer, die derzeit den Religionsunterricht gestalten, vertreten diese Ansicht schon lange. Schon heute hat der Lehrplan des konfessionellen katholischen Religionunterrichts beispielsweise nicht nur die katholische Religion zum Gegenstand, sondern befaßt sich sehr ausdrücklich und eingehend mit den anderen Weltreligionen, mit Lebensfragen ganz allgemein und in katholischer Sicht. Er ist also keine Katechismusstunde mehr, wie manche meinen, die nur oberflächlich in den Gegenstand eindringen und dann groß die Reform des Religionsunterrichts verlangen. Die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die schon heute (sehr gut und umfassend ausgebildet) den konfessionellen Religionsunterricht gestalten, können durch eine Zusatzqualifikation für den WERT-Unterricht auch für die Konfessionslosen und Abgemeldeten diesen Unterricht gestalten.

Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer hat acht Schulversuche über Österreich verteilt unter dem Titel "Ethikunterricht" laufen (diesen Titel lehne ich ab). Die Erfahrungen dieser Schulversuche müssen abgewartet und ausgewertet werden; ebenso müssen die Erfahrungen in Bayern (das ein ähnliches System bereits praktiziert) und in Brandenburg berücksichtigt werden. In Brandenburg wird das liberale Modell praktiziert; an die Stelle des konfessionellen Religionsunterrichts ist ein staatlicher getreten, der zum "Laberfach" (österreichisch würden wir sagen: Bla-bla-Fach) degeneriert zu sein scheint. Das brandenburgische Modell ist im Augenblick vor dem deutschen Bundesverfassungsgerichtshof streitverfangen.

Eine parlamentarische Enquete zum WERT-Unterricht sollte das Problem bearbeiten, und in der nächsten Gesetzgebungsperiode, also nach 1999, sollte dann ein WERT-Unterricht für die Konfessionslosen und vom konfessionellen Religionsunterricht Abgemeldeten eingerichtet werden.

Der Autor ist Klubobmann der ÖVP.

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