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"Ethik" als erster Schritt. Und dann?

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Dass der ewige Schulversuch Ethik endlich ein Pflichtfach für jene werden könnte, die (in der Oberstufe) keinen Religionsunterricht besuchen, freut viele. Doch es bleiben Fragen -vor allem eine: Reicht das?

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Dass der ewige Schulversuch Ethik endlich ein Pflichtfach für jene werden könnte, die (in der Oberstufe) keinen Religionsunterricht besuchen, freut viele. Doch es bleiben Fragen -vor allem eine: Reicht das?

Am Anfang des Jahres ging es um Fake News und Donald Trump. Dann ging es um Abtreibung, Sterbehilfe und Ethikkommissionen. Und nun geht es um den Hinduismus. Georg Fondi teilt zwei Arbeitsblätter über das indische Kastenwesen aus. Die Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen, die sich im Gymnasium Hagenmüllergasse in Wien-Landstraße zum Ethikunterricht versammelt haben, vertiefen sich darin, anschließend wird diskutiert: Welche Folgen hat ein solches Gesellschaftssystem? Und gibt es auch bei uns noch "Kasten", die Menschen trennen, etwa Reichtum oder ethnische Zugehörigkeit?"Bei uns ist alles offen", antwortet ein Mädchen."Wir sind nicht so streng."

Die Schülerin ist die einzige Alevitin in der zwölfköpfigen Ethik-Gruppe. Vier andere sind ohne Bekenntnis, zwei muslimisch, einer griechisch-katholisch, einer serbisch-orthodox und die anderen katholisch. Warum sie nicht den Religions-, sondern den Ethikunterricht besuchen?"Weil unser Religionsunterricht in einem Gebetshaus wäre", meint die Alevitin, "weil es hier interessanter ist", meint ein Muslim, "weil Ethik vielfältiger ist als Religion - und aus Prinzip", antwortet der Atheist.

Seit 2008/09 läuft in der Hagenmüllergasse der Schulversuch Ethik -wie an 212 Schulen in Österreich. Statt in der Oberstufe "Kaffeehaus" als Religions-Alternative wählen zu können, sollen sie in Ethik zu "mündigen Bürgern werden, die wissen, warum sie welche Entscheidungen treffen", sagt der Ethik-, Geschichte-und Turnlehrer Fondi. "Unser Antrieb war, jenen Jugendlichen, die keinen Religionsunterricht besuchen, auch eine Form der Wertevermittlung zukommen zu lassen", ergänzt Direktor Robert Baldauf im FURCHE-Gespräch. Auch die Abmeldezahlen vom Religionsunterricht habe man dadurch reduzieren können, eine "Win-win-Situation".

Ausbildung und Finanzierung offen

Wie überall nimmt auch an Baldaufs Schule die religiöse Diversität zu: 40 Prozent sind katholisch, 23 Prozent muslimisch, 21 Prozent ohne religiöses Bekenntnis, sieben Prozent orthodox und sechs Prozent evangelisch. Umso erfreuter ist man hier, dass Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angekündigt hat, den seit 1997 bestehenden Schulversuch Ethik (siehe Kasten) endlich ins Regelschulwesen

überführen zu wollen. Ab 2020/21 soll das Fach vorerst an der Oberstufe starten, später auch in der Sekundarstufe I sowie in der Volksschule. Ob dies gelingt, ist indes noch offen: Die kurzfristige Ausbildung der für weitere 1000 Schulen nötigen Lehrkräfte ist ebenso unklar wie die Finanzierung. Laut Georg Gauß von der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Ethik wird derzeit sowohl über das Stundenausmaß (ein-oder zweistündig) diskutiert wie darüber, ob die Bundesländer den Ethikunterricht an den Berufsschulen mitfinanzieren.

Auf ein Ende der ewigen Ungewissheit hoffen indes die (angehenden) Ethik-Lehrenden: Allein an der Universität Graz studieren derzeit etwa 350 Personen das viersemestrige, interfakultäre Masterstudium "Angewandte Ethik", 120 haben es bereits absolviert. Zwar sind sie bestens qualifiziert, weiß Studienkoordinator Hans-Walter Ruckenbauer. "Doch letztlich konnten bisher die Direktoren vor Ort im Rahmen des Schulversuchs bestimmen, wer das Fach tatsächlich unterrichten soll."

Auf gute Unterrichtsqualität pocht auch Andrea Pinz, Leiterin des Schulamtes der Erzdiözese Wien. Im Rahmen eines "Science Talk" des Bildungsministeriums begrüßte sie Faßmanns Initiative, warnte jedoch vor einem "Schmalspurlehrgang", um genügend Lehrkräfte zu erhalten. "Es wird auch wichtig sein, früher zu beginnen, mindestens in der Sekundarstufe I, wenn nicht in der Volksschule", so Pinz. Insgesamt brauche es angesichts zunehmender religiöser Vielfalt ein "neues Miteinander von Ethik -und Religionsunterricht" und individuelle Modelle. Dass konfessioneller Religionsunterricht an Schulen unverzichtbar ist, steht für sie aber außer Zweifel: Religiöse Bildung sei heute essenziell. Um Fundamentalismus zu verhindern, dürfe sie nicht "in Hinterhöfen oder auch in Sakristeien" stattfinden, sondern ihr Platz sei an der Schule.

Aufsplitternder Religionsunterricht

Die Initiative "Religion ist Privatsache" hat dazu andere Ansichten. Wie schon 2013 fordert sie nun auch wieder einen "Ethikunterricht für alle ab der Volksschule". Ethik "als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht" ins Regelschulwerk zu übernehmen, würde "eine sachliche Reform auf Jahrzehnte verhindern", meint man. Unterstützung erhält die Initiative u. a. von den NEOS sowie vom Salzburger Religionspädagogen Anton Bucher. Dieser sieht zwar Faßmanns Initiative als "Schritt in die richtige Richtung"; nachdem sich der konfessionelle Religionsunterricht aber ständig weiter aufsplittere, plädiert er für ein Fach "Ethik und Religionen", in das auch die Kirchen und Religionsgesellschaften einbezogen sind. "Sonst kommt es, dass Religion bei uns -wie in Luxemburg -völlig aus der Schule hinausfliegt." Doch unabhängig von der Frage, ob "Wertevermittlung" in einem auf Rechtsstaat und Aufklärung rekurrierenden Ethikunterricht oder in einem Religionsunterricht mit klarer Beheimatung (aber jenseits alter Katechese) geschehen soll: Wie kann eine solche Vermittlung überhaupt gelingen? Nach Ansicht der Philosophin Barbara Reiter, die im Rahmen des Grazer Masterstudiums "Angewandte Ethik" Fachdidaktik lehrt, müsse man dazu "Kinder aller Jahrgangsstufen zum eigenständigen, kritischen Denken motivieren". Ein gutes Beispiel dafür sei etwa der "Glücksunterricht" an Grazer Volksschulen. Nur einen neuen Ethikunterricht in die Stundentafel aufzunehmen, werde jedenfalls nicht alle (Integrations-)Probleme lösen, betont Reiter. "Das reicht nicht, wenn nicht gleichzeitig Schulsozialarbeit, Theater-oder Sportprojekte sinnvolle Integrationsmöglichkeiten anbieten." Auch könne man Werte nicht ausgeben "wie eine Parole", meint die Philosophin. "Sondern sie wachsen mit den Menschen, so wie Zivilcourage. Nur wenn ich den Kindern Wertschätzung entgegenbringe und ihnen den nötigen Raum und das Handwerkszeug zum Denken gebe, sind sie auch in der Lage, ihre eigenen Werte zu entwickeln und begründete Positionen zu formulieren." In diesem Sinne sei jeder Unterricht auch Ethikunterricht, "weil jede Lehrperson ein Vorbild ist -entweder abschreckend oder positiv".

In der Wiener Hagenmüllergasse hat man das verstanden. Was gutes Leben und Handeln bedeuten, bekommen die Schüler hier auch jenseits des Ethikunterrichts mit: etwa wenn der Psychologe Georg Fraberger eine Schulvorlesung zum Thema "Was braucht die Liebe?" hält; oder wenn das Gymnasium zwölf Flüchtlinge als Schüler aufnimmt, "während sich andere Höhere Schulen elegant abputzen und auf mangelnde Vorkenntnisse verweisen", wie Direktor Baldauf erzählt. "Du kannst Ethik und Sozialkompetenz 30 Mal auf die Homepage schreiben. Oder du kannst es einfach tun."

HINTERGRUND

Der Ethikunterricht - vorläufiger Höhepunkt einer unendlichen Geschichte

Es war 1997/98, als Michael-Albert Jahn, damals Direktor des Wiener BORG Hegelgasse, mit Ethik als Schulversuch startete. Das Unterfangen fand Nachahmer und wurde zum Erfolgsmodell, wie 1999/2000 eine Evaluierung des Religionspädagogen Anton Bucher an 97 Schulversuchs-Standorten zeigte. Die Schüler schätzten den Unterricht, ethnischreligiöse Spannungen nahmen ab. Um "ethisches Dilettieren" zu vermeiden, initiierte Peter Kampits 2000 einen Ausbildungslehrgang an der Uni Wien, in Graz startete man 2010 das erste Vollstudium. Doch politisch tat sich nichts. Erst 2011 fand eine Parlamentarische Enquete statt, in der drei Modelle präsentiert wurden: Ethik als alternativer Pflichtgegenstand (von den Kirchen favorisiert), Ethik als zusätzlicher Pflichtgegenstand (die teuerste Variante) und Ethik als Bestandteil eines bisherigen Pflichtfachs. 2017 kam der Ethikunterricht (zum dritten Mal!) in ein Regierungsprogramm. Ob es wirklich gelingt? (dh)