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Bildung

Pflichtgebet im Putzkammerl?

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Direktoren brauchen Feingefühl, weil es oft Graubereiche gibt: Sie müssen Gebet in der Schule nicht erlauben, dürfen es aber auch nicht verbieten. (U. Kowanda)

Man stelle sich vor: Muslimische Schülerinnen und Schüler haben soeben von ihrem Islamlehrer erfahren, wie man das Pflichtgebet verrichtet. In der Pause wollen sie es gleich im Klassenzimmer ausprobieren, doch als ein anderer Lehrer den Raum betritt, ist er entsetzt und verbietet das Gebet. Was bleibt, ist Empörung auf allen Seiten.

Religiöse Vielfalt kann bereichernd sein, sie kann Schüler, Lehrkräfte und Schulleiter aber auch überfordern. Um Hilfe zu finden, wurde 2013 das "Beratungszentrum für interreligiöse und interkulturelle Fragen" gegründet -als Kooperationsprojekt zwischen der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH) und der IRPA, dem damals noch eigenständigen privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen, der mittlerweile als eigenes Institut in die KPH eingegliedert wurde. Koordiniert wird das Zentrum vom evangelischen Theologen Alfred Garcia Sobreira-Majer und der islamischen Religionspädagogin Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin. "Die meisten Anfragen betreffen den Islam", weiß Garcia Sobreira-Majer. "Oft geht es um religiöse Praxis, um Fasten oder Gebet in der Schule, eine zeitlang war auch Extremismusprävention sehr gefragt. Aber es gibt auch Anfragen, wie man eine schöne Weihnachtsfeier gestalten kann, die auch auf religiöse Differenz Rücksicht nimmt." Meist würden sich Religionspädagogen an das Beratungszentrum wenden, man selbst könne mit Materialien und einem Literaturkoffer helfen, aber auch interreligiöse Fortbildungen für Lehrer oder ganze Schulen sind möglich. "Wichtig ist jedenfalls, herauszufinden, worum es im Einzelfall wirklich geht", betont der Theologe. Oft würden Konflikte nämlich "vorschnell religionisiert und kulturalisiert". So manche Weigerung von Eltern, ihr Kind an Ausflügen teilnehmen zu lassen, habe nichts mit Religion, aber viel mit fehlendem Geld zu tun. Zentral sei auch, den betroffenen Schüler und auch den islamischen Religionslehrer miteinzubeziehen.

Als Beispiel nennt Garcia Sobreira-Majer den Fall eines Volksschulkindes, das sich vorgenommen hatte, zu fasten. "Die Klassenlehrerin hat es dann leider gezwungen, Wasser zu trinken, und das Kind damit vor den Kopf gestoßen. Wenn die Islamlehrerin ihm gesagt hätte: 'Du brauchst als Kind noch gar nicht zu fasten. Und wenn du es versuchen willst, musst du darauf achten, dass es dir dabei gut geht', dann wäre das etwas Anderes gewesen."

Herausforderung für Schulleiter

Ins Gespräch zu kommen ist auch für Ursula Kowanda-Yassin der Schlüssel. "Es braucht hier aber viel Feingefühl, weil es sich oft um rechtliche Graubereiche handelt, bei denen man keine direkten Vorgaben machen kann", sagt sie. Direktoren müssten etwa das Gebet in der Schule nicht erlauben, dürften es aber auch nicht verbieten. "Als Notlösung bieten manche Schulen ihr Putzkammerl an." Insgesamt sei es aber nötig, mehr Räume für interreligiöse Begegnung zu schaffen, so Kowanda-Yassin. Schon in diesem Sommersemester sollen an zwei Wiener Gymnasien zeitlich befristete Projekte starten, an denen ein gesamter Jahrgang teilnimmt. Praktisch möglich ist das freilich nur an Standorten, wo es einen Ethikunterricht für Kinder gibt, die keinen Religionsunterricht besuchen. Umso mehr fordern Kowanda-Yassin und Garcia Sobreira-Majer endlich die Verankerung eines solchen Ethikunterrichts. Ein Fach "Ethik und Religionen" zu etablieren und den konfessionellen Unterricht aufzulösen, lehnen sie hingegen ab. "Es braucht Bildung in der eigenen Religion, bevor ich überhaupt in einen interreligiösen Austausch gehen kann", so Kowanda-Yassin.

Eine Forderung, die man in Graz nur unterstreichen kann - auch und besonders im Hinblick auf die Ausbildung islamischer Religionslehrer. Anders als in Wien oder Innsbruck gibt es im Süden noch immer kein adäquates Ausbildungsangebot -obwohl in der Steiermark und Kärnten bereits an über 200 Schulen islamischer Religionsunterricht erteilt wird. Wie es um die Qualität dieses Unterrichts bestellt ist, haben die katholische Theologin Monika Prettenthaler und die muslimische Theologin Mevlida Mesanovic vom Institut für Katechetik und Religionspädagogik der Uni Graz empirisch erhoben, Ergebnisse gibt es am 22. März. In Kooperation mit Fachinspektoren für islamischen Religionsunterricht plant das Institut einstweilen ab Herbst 2018 ein Fortbildungsangebot für bereits tätige islamische Religionslehrer. "Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, es bräuchte dringend ein eigenes Bachelor-und Masterstudium für islamischen Religionsunterricht in Graz", erklärt der katholische Religionspädagoge Wolfgang Weirer. Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft würde laut Schulamts-Leiterin Carla Amina Baghajati ein eigenes Ausbildungsangebot im Süden begrüßen -auch im Sinne der Qualitätssicherung.

Direktoren brauchen Feingefühl, weil es oft Graubereiche gibt: Sie müssen Gebet in der Schule nicht erlauben, dürfen es aber auch nicht verbieten. (U. Kowanda)

Man stelle sich vor: Muslimische Schülerinnen und Schüler haben soeben von ihrem Islamlehrer erfahren, wie man das Pflichtgebet verrichtet. In der Pause wollen sie es gleich im Klassenzimmer ausprobieren, doch als ein anderer Lehrer den Raum betritt, ist er entsetzt und verbietet das Gebet. Was bleibt, ist Empörung auf allen Seiten.

Religiöse Vielfalt kann bereichernd sein, sie kann Schüler, Lehrkräfte und Schulleiter aber auch überfordern. Um Hilfe zu finden, wurde 2013 das "Beratungszentrum für interreligiöse und interkulturelle Fragen" gegründet -als Kooperationsprojekt zwischen der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH) und der IRPA, dem damals noch eigenständigen privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen, der mittlerweile als eigenes Institut in die KPH eingegliedert wurde. Koordiniert wird das Zentrum vom evangelischen Theologen Alfred Garcia Sobreira-Majer und der islamischen Religionspädagogin Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin. "Die meisten Anfragen betreffen den Islam", weiß Garcia Sobreira-Majer. "Oft geht es um religiöse Praxis, um Fasten oder Gebet in der Schule, eine zeitlang war auch Extremismusprävention sehr gefragt. Aber es gibt auch Anfragen, wie man eine schöne Weihnachtsfeier gestalten kann, die auch auf religiöse Differenz Rücksicht nimmt." Meist würden sich Religionspädagogen an das Beratungszentrum wenden, man selbst könne mit Materialien und einem Literaturkoffer helfen, aber auch interreligiöse Fortbildungen für Lehrer oder ganze Schulen sind möglich. "Wichtig ist jedenfalls, herauszufinden, worum es im Einzelfall wirklich geht", betont der Theologe. Oft würden Konflikte nämlich "vorschnell religionisiert und kulturalisiert". So manche Weigerung von Eltern, ihr Kind an Ausflügen teilnehmen zu lassen, habe nichts mit Religion, aber viel mit fehlendem Geld zu tun. Zentral sei auch, den betroffenen Schüler und auch den islamischen Religionslehrer miteinzubeziehen.

Als Beispiel nennt Garcia Sobreira-Majer den Fall eines Volksschulkindes, das sich vorgenommen hatte, zu fasten. "Die Klassenlehrerin hat es dann leider gezwungen, Wasser zu trinken, und das Kind damit vor den Kopf gestoßen. Wenn die Islamlehrerin ihm gesagt hätte: 'Du brauchst als Kind noch gar nicht zu fasten. Und wenn du es versuchen willst, musst du darauf achten, dass es dir dabei gut geht', dann wäre das etwas Anderes gewesen."

Herausforderung für Schulleiter

Ins Gespräch zu kommen ist auch für Ursula Kowanda-Yassin der Schlüssel. "Es braucht hier aber viel Feingefühl, weil es sich oft um rechtliche Graubereiche handelt, bei denen man keine direkten Vorgaben machen kann", sagt sie. Direktoren müssten etwa das Gebet in der Schule nicht erlauben, dürften es aber auch nicht verbieten. "Als Notlösung bieten manche Schulen ihr Putzkammerl an." Insgesamt sei es aber nötig, mehr Räume für interreligiöse Begegnung zu schaffen, so Kowanda-Yassin. Schon in diesem Sommersemester sollen an zwei Wiener Gymnasien zeitlich befristete Projekte starten, an denen ein gesamter Jahrgang teilnimmt. Praktisch möglich ist das freilich nur an Standorten, wo es einen Ethikunterricht für Kinder gibt, die keinen Religionsunterricht besuchen. Umso mehr fordern Kowanda-Yassin und Garcia Sobreira-Majer endlich die Verankerung eines solchen Ethikunterrichts. Ein Fach "Ethik und Religionen" zu etablieren und den konfessionellen Unterricht aufzulösen, lehnen sie hingegen ab. "Es braucht Bildung in der eigenen Religion, bevor ich überhaupt in einen interreligiösen Austausch gehen kann", so Kowanda-Yassin.

Eine Forderung, die man in Graz nur unterstreichen kann - auch und besonders im Hinblick auf die Ausbildung islamischer Religionslehrer. Anders als in Wien oder Innsbruck gibt es im Süden noch immer kein adäquates Ausbildungsangebot -obwohl in der Steiermark und Kärnten bereits an über 200 Schulen islamischer Religionsunterricht erteilt wird. Wie es um die Qualität dieses Unterrichts bestellt ist, haben die katholische Theologin Monika Prettenthaler und die muslimische Theologin Mevlida Mesanovic vom Institut für Katechetik und Religionspädagogik der Uni Graz empirisch erhoben, Ergebnisse gibt es am 22. März. In Kooperation mit Fachinspektoren für islamischen Religionsunterricht plant das Institut einstweilen ab Herbst 2018 ein Fortbildungsangebot für bereits tätige islamische Religionslehrer. "Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, es bräuchte dringend ein eigenes Bachelor-und Masterstudium für islamischen Religionsunterricht in Graz", erklärt der katholische Religionspädagoge Wolfgang Weirer. Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft würde laut Schulamts-Leiterin Carla Amina Baghajati ein eigenes Ausbildungsangebot im Süden begrüßen -auch im Sinne der Qualitätssicherung.