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Religionsunterricht — Qual oder Wahl ?

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Der Religionsunterricht wird fachlich-methodisch immer besser - und kommt doch bei vielen Schülern nicht an. Wäre mitunter nicht eine „religiöse Schonzeit“ gut?

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Der Religionsunterricht wird fachlich-methodisch immer besser - und kommt doch bei vielen Schülern nicht an. Wäre mitunter nicht eine „religiöse Schonzeit“ gut?

Der Schulanfang ist vorüber, und es kann mit dem Unterrichten begonnen werden. Doch nicht in jedem Fach: steigende Abmeldezahlen vom Religionsunterricht schließen Schüler von der Teilnahme aus und bescheren Lehrern weniger Wochenstunden. Wenn das Problem auch sicherlich schul- und regionspezifisch unterschiedlich stark hervortritt, so kann eine bestimmte Entwicklung nicht geleugnet werden.

Heuer erschien gerade rechtzeitig vor Schulbeginn ein Flugblatt des Freidenkerbundes in Österreich mit der Aufforderung, daß sich die Schüler vom Religionsunterricht abmelden sollten, um nicht länger mit .jahrtausendaltem Aberglauben“ belästigt zu werden. Wie hoch hier die „Erfolgsquote“ liegt, kann jetzt noch nicht gesagt werden. Es wäre aber auch zu einfach, vermehrte Abmeldezahlen einzig auf diese Aktion zurückzuführen.

Welche Faktoren sind in der Frage der Abmeldung zu berücksichtigen? Zunächst einmal die Situation des Lehrers. Während für alle anderen Lehrkräfte das

Schuljahr doch eher ruhig beginnt, erwartet den Religionslehrer bereits der erste Streß: Abmeldezahlen werden in der Schule kolportiert, automatisch erhebt sich die Frage nach der Fähigkeit, zu motivieren und die Schüler bei der Stange zu halten, Rivalitäten und Eifersüchteleien können die Folge sein.

Auch der tüchtigste Kollege erfährt hier eine psychische Belastung, die nicht wegzuleugnen ist. Wo aber steht hier die Amtskirche schützend und motivierend hinter dem einzelnen Kollegen? Wo wird das oft notwendige beratende Gespräch seitens der Aufsichtsbeamten geführt? Das Einfordern und Horten von Abmeldestatistiken in den Schulämtern ist zuwenig!

Der nächste Faktor ist die Schulorganisation. Das Wegfallen von Religionsstunden bzw. der Zusammenbruch ganzer Klassen bringen in der Regel größere administrative Schwierigkeiten mit sich. Der Stundenplan muß geändert werden, Kollegen anderer Fächer müssen eventuell eigene Wünsche hintanstellen, und Schuld daran trägt in den Augen des Lehrkörpers das Fach „Religion“. Wo der Religionslehrer nicht starke Solidarität von Seiten aller Kollegen erfährt, wo er isoliert seinen Kampf kämpfen muß, kann eine starke Verunsicherung die Folge sein.

Da die Religionslehrer an höheren Schulen in zunehmendem Maße auch ein zweites Fach unterrichten, kann es bei Wegfall von Religionsstunden vorkommen, daß sie mit Stunden ihres Zweitfaches „aufgestockt“ werden müssen, um eine volle Lehrverpflichtung gesichert zu bekommen. Diese Stunden werden nun aber wieder jüngeren Kollegen der anderen Fächer weggenommen, sodaß nun plötzlich viel mehr Lehrer einer Schule vom Phänomen „Abmeldung“ betroffen sein können.

Was geschieht mit den abgemeldeten Schülern während der Schulzeit? Nicht immer können die Religionsstunden sogenannte Randstunden sein, die dann für diese Schüler entfallen (und sollten es auch nicht sein, denn damit wäre eine weitere Motivation zur Abmeldung gegeben!). So sitzen manchmal 10—15 Schüler in irgendwelchen Räumen, machen Aufgaben oder genießen einfach eine „Freistunde“.

Wer soll sie in dieser Zeit beaufsichtigen? Kaum wird sich ein Lehrer freiwillig für solche „Supplierungen“ zur Verfügung stellen. In gewerkschaftlichen Kreisen wird zwar schon die Frage der Bezahlung diskutiert, doch würde das letztlich zur grotesken Situation führen, daß für „Religion“ zwei Lehrkräfte benötigt werden: einer, der das Fach unterrichtet und einer, der die abgemeldeten Schüler „betreut“.

Der entscheidende Teil im Phänomen der Abmeldung ist natürlich der Schüler selbst. So ist auch in erster Linie nach den Motiven zu fragen. Ohne große empirische Untersuchungen durchzuführen, sind folgende Gründe klar:

• die Aversion gegen einzelne Lehrer bzw. Unterrichtsstile;

• die Aversion gegen religiöse Inhalte, unterstützt oder begründet durch das Elternhaus, Freunde oder gezielte Kampagnen;

• der Wunsch, in der Schule so wenig wie möglich leisten zu müssen, ein Ziel, dem man durch die Abmeldung wieder ein wenig näher kommt;

• das Bedürfnis, einem Trend zu folgen, diesbezüglich „in“ zu sein;

• sich als Schüler zum ersten Mal in der Schule gegen etwas entscheiden zu können;

• in den berufsbildenden höheren Schulen einfach das Bedürfnis, mehr Freizeit zu haben;

• manchmalbeikritischenSchü-lern, die den Inhalten positiv gegenüberstehen, die Überlegung, daß Nachdenken über Fragen des Lebens und der Zukunft keiner Benotung unterliegen kann;

• schließlich die offene Antwort, daß dem Schüler die Beschäftigung mit religiösen Fragen „nichts gibt“.

Vorsicht, Selbstbetrug!

Was am meisten stört — und von wohlgesinnten Kollegen anderer Fächer auch immer wieder genannt wird —, ist der Zustand, daß ein Pflichtfach die Möglichkeit der Abmeldung miteinschließt. Besitzt Religion diese Bedeutung für den Schüler, auf die immer hingewiesen wird, erleidet der Schüler tatsächlich existentiellen Schaden, wenn er am Religionsunterricht nicht teilnimmt, dann darf es auch keine Dispens davon geben. Wer Mitglied einer anerkannten Religionsgemeinschaft ist, müßte auch automatisch den Religionsunterricht besuchen. Befreiung davon würde also den Austritt aus der Kirche voraussetzen.

Oder man nimmt Rücksicht auf das Gewissen des einzelnen, auf seine „religiöse Belastbarkeit“, dann müßte Religion ein Gegenstand werden, zu dem sich der Schüler anmelden muß. Alles andere ist Selbstbetrug!

Wer von Abmeldung als „toleriertem Sonderfall“ spricht (Kommentar zum entsprechenden Paragraphen des Religionsunterrichtsgesetzes), verkennt die Wirklichkeit total. Sobald die Möglichkeit der Abmeldung gegeben ist, hat jeder Schüler auch das Recht, davon Gebrauch zu machen, und dann nicht als „Sonderfall“ betrachtet zu werden.

All diese Probleme können ja nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Wirklichkeit gesehen werden.

Eine Fülle methodisch-didaktischer Literatur, Unterrichtsmodelle und Textsammlungen, fächerübergreifende Projekte und dergleichen haben sicherlich in den letzten Jahren das Niveau des Religionsunterrichts sehr stark gehoben. Interessante Gespräche werden geführt, auch abprüfba-res Wissen wird erworben, aber es gibt deswegen kein Mehr an Gläubigkeit, nicht mehr Spiritualität, nicht mehr soziales Engagement und pfarrliches Interesse.

Wir haben fachlich und methodisch einen beachtlichen Standard erreicht. Die weiteren Aktivitäten der Amtskirche dürfen sich aber nicht darauf beschränken, diesen Standard permanent zu erhöhen, sondern müssen auf eine Lösung der obgenannten Probleme zielen.

Genausowenig wie es den politischen Parteien gelingt, ihre Programme in der Öffentlichkeit zu verkaufen, schafft es die kirchliche Verkündigung, ihr „Programm“, ihre Botschaft, an die Menschen zu bringen.

Vielleicht sollten wir nicht jahrelang in der Schule - uns eigentlich dabei immer im Kreise drehend — die Jugendlichen religiös erreichen wollen, sondern ihnen in besonders kritischen Entwicklungsphasen eine „religiöse Schonzeit“ geben, wie es auch der Wiener Religionspädagoge Wolfgang Langer unlängst forderte. Wie so oft: Etwas weniger wäre sicherlich im Endeffekt mehr. Denn seien wir ehrlich: Wo Elternhaus, Freundeskreis und tägliche Erfahrungswelt des Schülers atheistisch oder nihilistisch gefärbt sind, wo der Schüler nach dem Verlassen des Schulhauses in seinem Glauben-Wollen allein bleibt, können auch Jahre fordernden Religionsunterrichts keine Umkehr bewirken.

Der Autor ist Religionslehrer an einer AHS in Wien.

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