Wie Ethik unterrichten? - © iStock/Rawpixel
Religion

Ethikunterricht soll kommen. Aber wie?

1945 1960 1980 2000 2020

Herausforderungen fürs neue Schulfach Ethik aus religionswissenschaftlicher Perspektive. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Herausforderungen fürs neue Schulfach Ethik aus religionswissenschaftlicher Perspektive. Ein Gastkommentar.

Die geplante Einführung des Ethikunterrichts an den AHS im Schuljahr 2020/21 (und in Folge für die BHMS im Jahr 2021/22) stellt eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten dar. Zunächst muss der Lehrplan für die AHS finalisiert werden. Parallel dazu müssen bereits Schulbuchverlage auf der Basis des noch in Diskussion befindlichen Lehrplans Entwürfe von neuen Ethik-Lehrbüchern innerhalb weniger Monate vorlegen, da sonst eine Approbation kaum zu realisieren ist. Zudem müssen verschiedene dieses Unterrichtsfach betreffende Gesetze wie z. B. das Schulorganisationsgesetz oder das Schulunterrichtsgesetz geändert werden, was angesichts der gegenwärtigen politischen Situation wieder fraglich geworden ist. So meldete sich am 20. Mai in einer Aussendung etwa Eytan Reif, einer der Initiatoren des Volksbegehrens „Ethik für ­ALLE“, zu Wort und brachte zum Ausdruck, dass mit dem Regierungsumbruch nun alle bisherigen Pläne bezüglich des seines Erachtens „diskriminierenden“ Ethikunterrichts wieder obsolet seien.
Sollte die Einführung des Ethikunterrichts jedoch weiterverfolgt werden, was nach den jahrzehntelangen Diskussionen dringend notwendig und sehr zu begrüßen wäre, müssen in jedem Fall Hunderte von Lehrpersonen im Schnellverfahren ausgebildet werden, denn bisher gibt es lediglich an 124 Schulstandorten den Schulversuch Ethik. Ein Rahmencurriculum für einen Hochschullehrgang Ethik liegt bereits vor, mittelfristig werden jedoch auch eigene Master-Lehramtsstudiengänge aufgebaut werden müssen. Schließlich sind auch zahlreiche Fragen im Blick auf die konkrete Organisation in den Schulen zu klären, denn auf jeden Fall sollte vermieden werden, dass der Ethikunterricht gegenüber den verschiedenen Formen des Religionsunterrichts privilegiert oder benachteiligt wird.

Auch Religion(en) als Thema von Ethik

Auch im Blick auf die Inhalte des Unterrichtsfaches gibt es noch viele offene Fragen. So wird sich das Unterrichtsfach nicht nur mit ethischen und praktisch-philosophischen Fragen, sondern auch mit Religionen und religiösen Themen befassen müssen. Hier ist es wünschenswert, die Behandlung jedoch nicht nur auf die sogenannten „Weltreligionen“ oder die in Österreich gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften zu beschränken, sondern die gesamte Vielfalt und Diversität der religiösen (und weltanschaulichen) Gruppen in Österreich – soweit dies möglich ist – miteinzubeziehen. Das bedeutet, dass auch jene Religionen bzw. religiöse Gruppierungen behandelt werden sollten, die (bislang) nur als Bekenntnisgemeinschaften eingetragen oder als Vereine organisiert sind. Außerdem sollte auch auf die Diversität innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften hingewiesen werden, denn Muslim ist nicht gleich Muslim, und sowohl im Judentum als auch im Buddhismus gibt es unterschiedliche Strömungen.

Die geplante Einführung des Ethikunterrichts an den AHS im Schuljahr 2020/21 (und in Folge für die BHMS im Jahr 2021/22) stellt eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten dar. Zunächst muss der Lehrplan für die AHS finalisiert werden. Parallel dazu müssen bereits Schulbuchverlage auf der Basis des noch in Diskussion befindlichen Lehrplans Entwürfe von neuen Ethik-Lehrbüchern innerhalb weniger Monate vorlegen, da sonst eine Approbation kaum zu realisieren ist. Zudem müssen verschiedene dieses Unterrichtsfach betreffende Gesetze wie z. B. das Schulorganisationsgesetz oder das Schulunterrichtsgesetz geändert werden, was angesichts der gegenwärtigen politischen Situation wieder fraglich geworden ist. So meldete sich am 20. Mai in einer Aussendung etwa Eytan Reif, einer der Initiatoren des Volksbegehrens „Ethik für ­ALLE“, zu Wort und brachte zum Ausdruck, dass mit dem Regierungsumbruch nun alle bisherigen Pläne bezüglich des seines Erachtens „diskriminierenden“ Ethikunterrichts wieder obsolet seien.
Sollte die Einführung des Ethikunterrichts jedoch weiterverfolgt werden, was nach den jahrzehntelangen Diskussionen dringend notwendig und sehr zu begrüßen wäre, müssen in jedem Fall Hunderte von Lehrpersonen im Schnellverfahren ausgebildet werden, denn bisher gibt es lediglich an 124 Schulstandorten den Schulversuch Ethik. Ein Rahmencurriculum für einen Hochschullehrgang Ethik liegt bereits vor, mittelfristig werden jedoch auch eigene Master-Lehramtsstudiengänge aufgebaut werden müssen. Schließlich sind auch zahlreiche Fragen im Blick auf die konkrete Organisation in den Schulen zu klären, denn auf jeden Fall sollte vermieden werden, dass der Ethikunterricht gegenüber den verschiedenen Formen des Religionsunterrichts privilegiert oder benachteiligt wird.

Auch Religion(en) als Thema von Ethik

Auch im Blick auf die Inhalte des Unterrichtsfaches gibt es noch viele offene Fragen. So wird sich das Unterrichtsfach nicht nur mit ethischen und praktisch-philosophischen Fragen, sondern auch mit Religionen und religiösen Themen befassen müssen. Hier ist es wünschenswert, die Behandlung jedoch nicht nur auf die sogenannten „Weltreligionen“ oder die in Österreich gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften zu beschränken, sondern die gesamte Vielfalt und Diversität der religiösen (und weltanschaulichen) Gruppen in Österreich – soweit dies möglich ist – miteinzubeziehen. Das bedeutet, dass auch jene Religionen bzw. religiöse Gruppierungen behandelt werden sollten, die (bislang) nur als Bekenntnisgemeinschaften eingetragen oder als Vereine organisiert sind. Außerdem sollte auch auf die Diversität innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften hingewiesen werden, denn Muslim ist nicht gleich Muslim, und sowohl im Judentum als auch im Buddhismus gibt es unterschiedliche Strömungen.

Auf jeden Fall sollte vermieden werden, dass der Ethikunterricht gegenüber den ver- schiedenen Formen des Religionsunterrichts privilegiert oder benachteiligt wird.

Ebenso sollte auch auf alternative Formen der Religiosität eingegangen werden sowie auf Formen von Praktiken, Ritualen, ideologischen Vorstellungen und Gemeinschaften, bei denen oft nicht ganz klar ist, ob man sie als Religionen einstufen kann oder nicht. Dies betrifft etwa den Bereich der Esoterik und der Lebensberatung, der Kunst oder des Sports. Nicht zuletzt wird sich das Fach angesichts eines säkularen Umfeldes auch mit Religionskritik ausführlicher beschäftigen müssen.
Warum aber die Schülerinnen und Schüler mit dieser Vielfalt „verwirren“? Ganz einfach, weil es eine gesellschaftliche Realität ist, mit der sich die Jugendlichen in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Es gibt schließlich auch Schülerinnen und Schüler, die den Adventisten, den Sikhs, den Baha’i, den Jeziden oder anderen nicht anerkannten Religionsgemeinschaften angehören. Zudem gibt es auch nicht wenige Schülerinnen und Schüler, die gar keiner Religion angehören. All dies gehört im Ethikunterricht im Rahmen der Behandlung von Religionen thematisiert.

Religions- und Kulturvergleiche

So sollte z. B. bei der Behandlung von klassischen Themen des Ethikunterrichts wie
z. B. Identität, Sexualität und Genderfragen, bioethischen Fragen, Fragen kultureller Konflikte, Friedens- und Menschenrechtsthemen auch eine religions- und kulturvergleichende Perspektive eingenommen werden. Gerade hier entstehen nämlich oftmals in der Gesellschaft Konflikte. Die Religionswissenschaft bietet diesbezüglich eine Fülle von vergleichenden Forschungen empirischer Art sowie Methoden, die den Schülerinnen und Schülern die Entstehung sowie den historischen Kontext verschiedener Normen und Einstellungen in verschiedenen Kulturen und Religionen verständlich machen können. Sie vermittelt also auch Orientierungswissen, das aus verschiedenen Kulturen und Religionen zur Verfügung gestellt wird.
Diese teilweise konkurrierenden bzw. sich widersprechenden Ethiken und moralischen Positionen sollten im Unterricht diskutiert werden, ohne dass die Lehrperson für eine bestimmte Variante Partei ergreift. Deshalb sind die Ethiklehrerinnen und -lehrer gefordert, eine „neutrale“ Position einzunehmen, in der man sich – so weit wie möglich – der Bewertung enthält. Es geht vor allem darum, einen Raum zu schaffen, in dem die verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und Ansichten diskutiert und ihre Hintergründe erläutert werden können. Religionen sind aber nicht nur auf die Religionsethik zu reduzieren, sondern haben verschiedene Dimensionen. Die Geschichte der Religionen gehört gleichermaßen dazu wie das Recht, die Riten, die Mythen und Dogmen, die emotional-subjektive Dimension, die verschiedenen Formen der Gemeinschaftsbildung und die materiellen Ausdrucksformen der Religionen in Architektur, Musik, Kunst. Und zur Allgemeinbildung gehören unabdingbar auch solche Grundinformationen.

„Weitgehend neutrale“ Positionen

Es liegt auf der Hand, dass die Lehrpersonen hierfür eine gründliche und umfassende Ausbildung benötigen, denn es ist nicht vorauszusetzen, dass sie eine solche Bildung bereits besitzen und es ist zudem in der Praxis alles andere als einfach, eine „weitgehend neutrale“ Position einzunehmen. Wenn diese Grundinformationen und Haltung von den Lehrerinnen und Lehrern im Rahmen ihrer Ausbildung aber nicht eingelernt werden, ist kaum zu erwarten, dass sie den Unterricht entsprechend fundiert gestalten können. Allerdings sieht das Rahmencurriculum für den Hochschullehrgang Ethik bisher nur in einem einzigen Modul religionskundliche und religionsethische Themen vor. Dies steht in gewissem Widerspruch zum vorläufigen Lehrplan des Ethikunterrichts, in dem die religionskundlichen Anteile weit größer sind. Es bleibt somit nur zu hoffen, dass der religionskundliche Teil der Ausbildung zumindest in den Master-Curricula stärker berücksichtigt wird.
Fest steht jedenfalls, dass im Blick auf die Einführung des Ethikunterrichts und die Ausbildung von Lehrpersonen große Herausforderungen anstehen. In jedem Fall ist es höchste Zeit, dass diese Dinge nun endlich angegangen werden, dieser Unterricht eingeführt wird und sich die Religionswissenschaft aktiv in die Gestaltung der Ausbildung der Lehrpersonen sowie der Entwicklung der Curricula und der Materialien für dieses „neue“ Unterrichtsfach einbringt. Dies ist teilweise auch bereits bei verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern des Faches der Fall.

Wolfram Reiss ist Professor für Religionswissenschaft, Robert Wurzrainer ist Fachreferent für Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien