Biene - © Foto: iStock / manfredxy
Gesellschaft

Sexualerziehung zwischen Weltanschauung und Dilettantismus

1945 1960 1980 2000 2020

ÖVP und FPÖ wollen Sexualpädagogik durch externe Vereine an Schulen verbieten. Diesen Mittwoch wurde darüber im Nationalrat abgestimmt. Warum ein solches Verbot ein Drama ist. Ein GASTKOMMENTAR.

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ÖVP und FPÖ wollen Sexualpädagogik durch externe Vereine an Schulen verbieten. Diesen Mittwoch wurde darüber im Nationalrat abgestimmt. Warum ein solches Verbot ein Drama ist. Ein GASTKOMMENTAR.

Sexualpädagogik ist ein schwieriges Geschäft – erst recht in der Schule: nicht, weil es um nach wie vor „tabuisierte“ Inhalte geht; auch nicht wegen Interventionen besorgter Eltern, die ihre Kinder vor angeblicher „Frühsexualisierung“, amoralischer Indoktrination usw. schützen wollen. Der Hauptgrund scheint mir hingegen zu sein – nach Jahrzehnten professioneller Befassung mit Sexualität –, dass es kaum wirkliche Fachkräfte gibt und der Sexus mittels dilettantischer Aufgeregtheit schon gar nicht pädagogisch zu fassen ist. Seit dem ersten ministeriellen Grundsatzerlass zur schulischen Sexualerziehung im Jahr 1970 verfolge ich diese – fruchtlosen – Debatten. Fast alle mehr oder weniger seriösen Akteure stimmen auch heute zu, dass die „Sexualpädagogik (…) altersgerecht, an der Lebensrealität von Kindern und jungen Menschen orientiert sein und auf wissenschaftlich gestützten Informationen basieren (soll). Sie soll einen positiven Zugang zur menschlichen Sexualität darstellen“ und „eine positive Grundhaltung“ und „das eigene Wohlbefinden“ fördern. (BMBWF-Erlass 2018, S.4) Zugleich soll das „Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter“ und die „Vielfalt der Lebensformen (z. B. sexuelle Orientierung, Geschlechteridentitäten)“ beachtet werden. Hier beginnen sich die Geister aber zu scheiden, weil konservative Kräfte dadurch die Heterosexualität und die klassische Ehe gefährdet sehen.

Überall Fachleute

Dabei ist diese Debatte durch drei Grundprobleme gekennzeichnet:

1) Jede und jede ist Sexualpädagoge/in
Selten findet man in einem humanwissenschaftlichen Gegenstandsbereich so viele „Experten“ ohne jegliche fachliche Expertise! Im Institut für Ehe und Familie der Bischofskonferenz etwa oder – noch krasser – in den Lehrendenteams für Sexualpädagogik an der Hochschule Heiligenkreuz finden sich so gut wie keine sexualpädagogisch ausgewie- senen Fachleute: Sie stammen aus der Betriebswirtschaft, der Juristik, aus Theologie und Religionsphilosophie, aus der Telematik (wenn auch Vater mit acht Kindern) und aus der Sozialarbeit; lediglich eine Person ist Sexualpädagoge (allerdings im besagten Heiligenkreuz von Nichtsexualpädagogen ausgebildet …). Nun möchte ich keinem Engagierten zu nahe treten: Aber in keinem anderen Fach wäre es möglich, sich mit derartigen „Expertisen“ als tonangebende Kräfte zu inszenieren und dafür auch noch viel Geld zu bekommen. Was eine ganze Reihe dieser Nicht-ExpertInnen hingegen vereint, ist, dass sie Mitglieder, Gründer oder Engagierte in einer „Initiative Christliche Familie“ sind – was ein Glaubensbekenntnis, aber keine Qualifikation für ein humanwissenschaftliches Fach ist. Letzteres gilt im übertragenen Sinn auch für manche fortschrittliche Experten, die zwar soziologisch, pädagogisch oder in Genderforschung qualifiziert sind, was aber ebenso eine sexualwissenschaftliche Grundbildung für Sexualpädagogik nicht ersetzt.

2) Weltanschauung vor Wissenschaft
Daraus kann man schließen, dass in sexualibus offenbar Weltanschauung oder Konfession wichtiger sind als Fachlichkeit. Da wird zwar von Kindeswohl und Lebensrealität gesprochen, aber von Kinder- und Jugendsexualität und den sich stellenden Problemen herrscht wenig Ahnung. Phrasen wie etwa der Primat der Familie für die Sexualerziehung werden betont, obwohl die Lebensrealität einerseits den familiären Nahraum als heikles Terrain ausweist, andererseits etwa Pubertierende alles andere wollen, als mit den Eltern über ihre Sexualität zu sprechen („peinlich“). Dabei könnte man gerade von Vertretern konservativ-konfessioneller Haltungen erwarten, auf Grund ehelicher Gewalt und familiären Missbrauchs Zurückhaltung zu zeigen.

Ist wirklich alles sozial konstruiert?

Wird hier die traditionelle Familien- und Ehevorstellung unkritisch reproduziert, meint man auf der anderen Seite des weltanschaulichen Spektrums wiederum, Kinder und Jugendliche mit einer extremen Nivellierung konfrontieren zu müssen, wonach Geschlechtsunterschiede vernachlässigbar, Bursch- oder Mädchensein sowieso unsicher und Geschlecht quasi frei wählbar wären. Auch das – sowie ein alles Vorgegebene leugnender (hybrider) Konstruktivismus („alles ist sozial konstruiert“) – grenzen mehr an Ideologie als an Wissenschaft. Insgesamt sollten deshalb Vertreterinnen und Vertreter sexueller Minderheiten kritisch reflektieren, inwieweit sie nicht ihre (berechtigten) Anliegen zu denen von Schülern machen.

Anstatt des total realitätsblinden ÖVP-FPÖ-Antrags, wäre Heinz Faßmanns ursprünglicher Vorschlag einer Akkreditierungsinstanz für schulexterne Experten der richtige Weg.


3) Normierung und „Reinheitsgebot“
Was progressive wie konservative Ansätze eint, ist der oft ausgeprägte Missonierungseifer, Kindern und Jugendlichen die „richtige“ Art von Sexualität „beizubringen“. Wenn man aber weiß, wie sehr Sexualität im Positiven (z. B. liebevolle Vorbilder) wie im Negativen (Demütigung, Selbstwertschädigung u. a.) durch „nichtsexuelles“ und unbewusstes Erleben beeinflusst ist, dann erscheint dieser „pädagogische Optimismus“ auf eine „gelingende“ Sexualität geradezu naiv. Walter Müller, ein leider vergriffener Autor der 1980er-Jahre, empfahl deshalb eine „skeptische Sexualpädagogik“, die sich vor großspurigen Zielen hütet, etwa der „Erziehung zur Liebesfähigkeit“, „zu einem glücklichen Menschen“, das Ganze mittels „gesundheitsfördernder Sexualerziehung“. Liebesfähigkeit hängt von Vielem ab und was soll „gesunde“ und folglich auch „kranke“ Sexualität? Hier droht eine bedenkliche Normierung: „So sollst Du sein! Dann bist Du okay!“ Zudem warnt Müller vor einem beschönigenden „Eudaimonismus“, der Sexualität kuschelig und nett darstellt, während deren ambivalente oder aggressive Äußerungsformen ausgeblendet werden. Eine Art „Reinheitsgebot“ dominiert diese Ideologien „richtiger“, „angstfreier“, „emanzipierter“ Sexualität – und diese latente Normierung (ob links oder rechts) stellt Kinder gnadenlos vor die Frage: „Was ist, wenn ich anders empfinde“? Diese Dilemmata befreien die Schulpolitik freilich nicht von der Erfüllung des eingangs zitierten Erlasses. Anstatt des total realitätsblinden ÖVP-FPÖ-Antrags,nur mehr die gänzlich unzureichend ausgebildeten Lehrpersonen zur Sexualpädagogik zuzulassen, wäre Ex-Bildungsminister Heinz Faßmanns ursprünglicher Vorschlag einer Akkreditierungsinstanz für schulexterne ExpertInnen der richtige Weg gewesen. Dabei sind künftig ausreichend sexualwissenschaftliche Aus- und Fortbildungen durch ausgewiesene Fachleute für diese Experten vorzusehen; je besser ausgebildet, desto geringer die Gefahr unreflektierter Normierung.

Schaut, was es alles gibt!

Neben der „guten alten Aufklärung“ über nach wie vor zu wenig bekannte biologische Fakten sind dabei Themen wie sexuelle Entwicklung und Sozialisation, Geschlechtskrankheiten, Verhütung, Toleranz gegenüber anders Empfindenden oder Gleichberechtigung der Geschlechter wichtig. Alles Weitere, wie man Sexualität, Ehe, Familie leben kann, welche Möglichkeiten und Werte es quer durch die Geschichte gab und gibt, sollten Experten in einer Art „Bauchladen“ zur Entnahme bereitstellen: „Schaut, was es alles gibt!“ Dazu kann dann ein Diskurs eröffnet werden. Urteile darüber, wie „gut“, „schlecht“, „gesund“, „emanzipiert“ das alles sei, sollten im Dialog erarbeitet werden – möglichst normierungsfrei, ohne direkten oder impliziten moralischen Zeigefinger.

Der Autor ist Psychoanalytiker und Sexualtherapeut. Er war Prof. für Psychoanalytische Pädagogik an der Uni Innsbruck und leitete dort die Uni-Lehrgänge für Sexualberatung und Sexualtherapie.

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