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Attraktivere Sexualmoral

1945 1960 1980 2000 2020

Anfang Oktober veranstaltete die Katholische Akademie ein Symposium über „Sexualität als Entwicklungsproblem”. Dazu einige Gedanken und ein Beitragsauszug.

1945 1960 1980 2000 2020

Anfang Oktober veranstaltete die Katholische Akademie ein Symposium über „Sexualität als Entwicklungsproblem”. Dazu einige Gedanken und ein Beitragsauszug.

Man sei nicht glücklichtiber die päpstlichen Lehräußerungen zu Fragen der Sexualität lind wolle die Möglichkeiten eines,’.liberaleren, moraltheologisch vertretbaren Standpunktes des kirchlichen Lehramtes zu Fragen der vorehelichen Sexualität” im Gespräch mit der Wissenschaft erkunden, erklärte einleitend Univ. Prof. Richard Olechofski.

Adeline Hussleins Untersuchung über das Sexualverhalten österreichischer Jugendlicher (siehe FURCHE 39/82) sollte bezüglich ihrer Konsequenzen bedacht werden. Ihre Ergebnisse sind sicher bedenkenswert: 75 Prozent der 19jährigen haben sexuelle Erfahrungen, 85 Prozent finden dieses Verhalten moralisch unbedenklich.

Leider waren die Überlegungen allzu einseitig darauf ausgerichtet, weniger das Verhalten der Jugendlichen als seine Bewertung zu ändern. Mit wachsendem Unbehagen folgte ich den Beiträgen und der Diskussion. Da hieß es etwa, eine „Uminterpretation des sexuellen Verhaltens sei erstrebenswerter als die Reduzierung von Prozentpunkten vorehelicher Beziehungen.”

Da meinte Univ. Prof. Reinhart Lempp (Tübingen), an Sexualde likten sei nur die Aggressivität schädlich (auf meine Frage, ob ein Verhältnis zwischen einer Zwölfjährigen und ihrem Lehrer für diese schädlich sei, gab er nein zur Antwort!) und verstieg sich sogar zu der Behauptung (der keiner der Referenten entgegentrat), daß eine Vergewaltigung qualitativ dasselbe wie zwei Ohrfeigen sei: Bei beiden sei Gewalt im Spiel.

Als ich zur Halbzeit die Tagung verlassen mußte, war ich entschlossen, sie vehement zu kritisieren. Da dies nicht weiterhilft, soll im folgenden von jenem Ansatz die Rede sein, der mir bei eingehendem Studium der schriftlichen Beiträge besonders wichtig* erschien.

Univ. Prof. Wolfgang Langer, ein Religionspädagoge, und Georg Fritz, ein Moraltheologe, gingen ausführlich darauf ein, daß kirchliche Äußerungen zur Sexualität allzu stark von juristischem Denken geprägt seiep. Man müsse nur in alten Katechismen nachle- sen, bis in welche Details da konkret vorgeschrieben und verboten werde.

Hier scheint mir eine Schwerpunktverlagerung wichtig. Durch die Uberbetonung von Verboten bekommen viele ein falsches Bild von Gott: Er verderbe durch Strenge den Spaß am Leben und warte nur darauf, die armen Sün^ der zu bestrafen.

Gott nicht als Spielverderber,

sondern als den zu zeigen, der den Menschen schon hier und jetzt zu einem erfüllten Leben, auch im Sexuellen, führen will, sollte Anliegen ‘der Sexmoral sein. Teilt man dieses Anliegen aber, so muß man deswegen durchaus nicht — wie dies mehrfach auf der Tagung anklang — für die inhaltliche Änderung der christlichen Moral eintreten.

Was müßte also geschehen? Es käme darauf an, vom Zentrum der christlichen Botschaft her, vom neuen Gebot Jesu, einander so zu lieben, wie er uns geliebt hat, auszugehen. Man muß klarstellen, was Liebe in ihrem tiefsten Wesen ist und von dorther argumentieren — auch bezüglich der Sexualität. Genau das ist aber auf dem Symposium zu kurz gekommen.

Daß das Wort Liebe vielfach mißbraucht wird, weiß jeder: „Make love” heißt es auf englisch, „faire l’amour” auf französisch, wenn man von der Geschlechtsvereinigung spricht. Aber Liebe tut man nicht — man liebt. Und eine Geschlechtsvereinigung kann, muß aber nicht etwas mit Liebe zu tun haben.

Bei der Liebe geht es um das Ja zur gesamten Person des Partners, zu ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Es ist das Bemühen, den Partner mit den Augen Gottes sehen zu wollen, ihm bei seiner von Gott gewollten besonderen

Entfaltung beizustehen, heute und morgen …

Bei Seminaren hörte ich oft in ernsthaften Gesprächen mit jungen Menschen, daß sie eine tiefe Sehnsucht nach einer solchen Partnerschaft haben und sie in intimen sexuellen Beziehungen — meistens umsonst — suchen.

Man war sich auf dem Symposium darüber einig, „daß Sexualität durch Lernprozesse in die Gesamtpersönlichkeit integriert werden soll”. Das gelingt aber sicher dann am besten, wenn man sie niemals als etwas vom Rest des Menschen Losgelöstes betrachtet und in den Dienst des Personwerdens stellt. Das Wesentliche dieses Vorgangs liegt aber darin, daß wir liebesfähig werden.

Sexuelles Tun darf daher niemals losgelöst von der Verantwortung für den Partner gesehen werden. Das bedeutet aber, daß die Zeichen, die wir als Mann und Frau austauschen, wahrhaft unsere innere Haltung widerspiegeln:

Wo das Ja zum anderen noch nicht unbedingt ist, sollte es nicht durch Zeichen vermittelt werden, die vollständige Hingabe signalisieren, was gleichbedeutend mit Vermeidung vorehelicher Beziehungen ist. Leider haben wir uns von diesem Leitbild weit entfernt.

Daß dies nicht unproblematisch ist, zeigen die Befragungsergebnisse von Rainer Münz (siehe unten): Die liberale Sexualmoral macht aus Männern eher Egoisten als liebevolle Partner, worunter die Frauen sowohl vor, als auch in der Ehe leiden.

Daher sollten wir uns bemühen, die christliche Moral verständlicher zu machen, statt sie an heutige Trends anzupassen und damit zu verwässern.

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