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Eine Frage der Religionen

Interkulturelle Medizinethik: Ein Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte.

Darf die moderne Medizin, was sie kann? Und welche Rolle spielen religiöse Normen und Werthaltungen im medizinischen Alltag wie im bioethischen Diskurs moderner Gesellschaften? Um solche Fragen geht es heute einer interkulturellen Medizinethik. Auch wenn die moderne Medizin längst ihren globalen Siegszug angetreten hat, handelt es sich doch zunächst um ein westliches Konzept: Jede Medizin, auch die moderne Schulmedizin, ist in einen kulturellen Kontext eingebunden, in Werte-und Symbolsysteme, die sich historisch entwickeln und über lange Zeit hinweg Stabilität aufweisen. Dazu gehören auch die Religionen.

Interkulturell, transkulturell

Man unterscheidet zwischen interkultureller und transkultureller Medizin-und Pflegeethik. Während es einer interkulturellen Medizinethik um den sensiblen Umgang mit Patientinnen und Patienten unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft geht, fragt eine transkulturelle Ethik nach gemeinsamen moralischen Grundüberzeugungen, welche die Grenzen einzelner Kulturen und Religionen überschreiten. Basis einer transkulturellen Medizinethik sind vor allem die Menschenrechte, allen voran der Respekt vor der Menschenwürde unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und Religion sowie das Recht auf Leben und Gesundheit.

Eine interkulturelle Medizin-und Pflegeethik leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte. Schließlich ist auch Österreich längst ein Einwanderungsland. Integration, die man nicht mit Assimilation verwechseln darf, ist keine Einbahnstraße. Wer an die Integrationsbereitschaft von Migrantinnen und Migranten appelliert, muss auch selbst einen aktiven Beitrag leisten und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, damit Integration überhaupt gelingen kann. Das gilt konkret auch in der Medizin und in der Pflege.

In einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft bedarf es einer besonderen Sensibilität im Umgang mit kulturellen Prägungen, Sitten und Gewohnheiten, aber auch mit religiösen Überzeugungen, die ihnen zugrunde liegen. Es gibt soziokulturell und religiös unterschiedliche Sichtweisen von Körper, Geist und Seele, des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Krankheit, Gesundheit, Behinderung und ihren Ursachen. Unterschiede zeigen sich in Fragen der Ernährung, in der Sichtweise von Sexualität, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch und Geburt, im Verhältnis der Geschlechter, bei der Verhältnisbestimmung von Individuum und Gemeinschaft, etwa wenn es darum geht, welche Rolle Familienangehörige, konkret das Familienoberhaupt, bei medizinischen Entscheidungen spielen.

Religion gehört zu den soziokulturellen Faktoren, die für die spezifischen Krankheitsrisiken und Versorgungsprobleme von Migranten verantwortlich sind. Sie hängen mit Ausgrenzung, Stigmatisierung und kulturellen sowie religiösen Unterschieden zusammen. Unkenntnis über fremde Religionen fördert Vorurteile und erschwert die Integration von Migrantinnen und Migranten. Kulturelle und religiöse Prägungen können das Auftreten von Krankheiten beeinflussen. Als Beispiel sei das gehäufte Auftreten von genetisch bedingten Stoffwechselerkrankungen als Folge einer religiös tolerierten oder gar geförderten Konsanguinität (Blutsverwandtschaft) erwähnt. Um so mehr stellt sich die Frage, welchen Beitrag Religionsgemeinschaften und ihre Repräsentanten zur Förderung der "Compliance" bei Migranten, das heißt ihrer aktiven Mitwirkung bei der Therapie, leisten können.

Ethik als Integrationsfrage

Interkulturelle Medizinethik betrifft auch die Forschung, die längst international vernetzt ist. Dabei zeigt sich, dass biotechnologische Entwicklungen in den verschiedenen Kulturen durchaus unterschiedlich bewertet werden. Religiöse Traditionen und Prägungen spielen hierbei durchaus eine Rolle. Dass asiatische Länder wie Korea den Möglichkeiten des therapeutischen Klonens offener gegenüberstehen als Länder wie Deutschland oder Österreich, lässt sich nicht allein mit ökonomischen Interessen erklären.

Der Dialog der Weltreligionen mit der modernen Medizin hat also auch eine politische Seite. Offene Fragen etwa am Lebensanfang und Lebensende beziehen sich nicht nur auf den ontologischen, den moralischen und den rechtlichen Status des Embryos oder auf die Sicht des Todes. Sie betreffen auch nicht nur den Inhalt von Begriffen wie Menschenwürde und Autonomie. Zu klären ist vielmehr auch, welche Rolle religiöse Argumente im ethischen und politischen Diskurs einer pluralistischen Gesellschaft spielen und spielen sollen.

Auch eine politische Seite

Im Hintergrund dieser Frage steht die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus bzw. universalistischen Ethikkonzeptionen und Kommunitarismus, die zunächst in den USA geführt wurde, seit geraumer Zeit aber auch in Europa Beachtung findet. Universalistische bzw. liberalistische Ethiken vertreten den Anspruch, dass ihre Prinzipien und Kriterien kultur-und traditionsunabhängig sind. Demgegenüber vertreten Kommunitaristen die These, dass ethische Konzepte und Prinzipien kulturgebunden sind.

Während von kommunitaristischer Seite gefordert wird, die Vielfalt gesellschaftlicher, kulturell und auch religiös geprägter Sichtweisen in moralischen Fragen angemessen zu berücksichtigen, vertreten liberalistische Ethiker die These, die Vielfalt der moralischen Überzeugungen müsse zumindest insoweit reduziert werden, dass religiöse und weltanschaulich gebundene Positionen aus der Debatte ausgeschlossen werden.

Im Ergebnis läuft dieser Vorschlag jedoch auf die Zumutung hinaus, dass die Bürgerinnen und Bürger bei der öffentlichen Entscheidungsfindung in moralischen Fragen eben jene religiösen Hintergründe verleugnen sollen, aus denen sich ihre moralische Sensibilität speist und die diese Fragen für sie überhaupt erst zu moralischen Fragen machen. Dadurch kann zwischen den moralischen Grundüberzeugungen der Bürger und staatlicher Biopolitik eine tiefe Kluft entstehen. Verhindern lässt sich dies nur, wenn auch in der öffentlichen Debatte den in der Gesellschaft vorhandenen religiösen Orientierungen soweit wie möglich Rechnung getragen wird.

In Österreich sind die nichtchristlichen Religionsgemeinschaften, allen voran das Judentum und der Islam, aus den medizin-und bioethischen Debatten noch immer weitgehend ausgeschlossen. In der Bioethikkommission des Bundeskanzlers sitzen zwei Experten für katholische Moraltheologie und evangelische Ethik, jedoch keine jüdischen oder islamischen Theologen. Wenn es uns mit der Integration in Österreich ernst ist, sollten auch auf dem Gebiet von Bioethik und Biopolitik praktische Schritte unternommen werden.

Ende 2005 veranstaltete das Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien das Symposium "Weltreligionen im Dialog mit der Medizin". Am Beispiel drängender ethischer Fragen, die sich heute am Lebensanfang und Lebensende stellen, wurde über heutige Grundlagen und Zielsetzungen einer interkulturellen Medizin diskutiert. Namhafte Expertinnen und Experten referierten über Medizinethik im Judentum, im Islam, im Buddhismus und in den christlichen Konfessionen. Die Beiträge des Symposiums liegen nun in Buchform vor.

Medizinethik interdisziplinär

Das Institut für Ethik in der Medizin der Universität Wien wurde 1993 gegründet und ist bisher das einzige seiner Art in Österreich. An dem als interdisziplinäre Forschungsplattform der Katholisch-Theologischen, der Evangelisch-Theologischen und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät geführten Institut ist auch die Medizinische Universität Wien über einen Kooperationsvertrag beteiligt.

Der Autor lehrt System. Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät Wien und ist Vorstand des Instituts für Ethik u. Recht in der Medizin.

Lebensanfang und Lebensende in den Weltreligionen. Beiträge zu einer interkulturellen Medizinethik

Hg.: Ulrich H.J. Körtner, Günter Virt, Dietrich v. Engelhardt, Franz Haslinger. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2006. 262 Seiten, kt., e 25,60

Buchpräsentation:

Inst. für Ethik und Recht in der Medizin, Altes AKH, Spitalg 2-4, Hof 2, Wien 9.

22. Juni, 17 Uhr

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